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Gestern Interhelp-Einsatz am Kuckuck / Ärzte behandeln 124 Bewohner

Arztpraxis für einen Abend

Hameln. Es ist die ungewöhnlichste Arztpraxis Hamelns: Gerammelt voll an einem schon fortgeschrittenen Freitagabend. Fünf Ärzte behandeln Kinder und Erwachsene. Die wenigsten Patienten sprechen Deutsch. Nach der Krankenkassenkarte fragt am Empfangstisch niemand. Wer hier ärztliche Hilfe sucht, ist meist nicht versichert.

veröffentlicht am 08.02.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 02:21 Uhr

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Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Auf Einladung von SAM e. V. hat die Hamelner Hilfsorganisation Interhelp die provisorische Praxis für die Bewohner des Kuckuck-Viertels eingerichtet. In den Räumen des Quartierprojektes „Kuckucksnest“ sind die Ärzte Dr. Jürgen Schwalbe, Dr. Katrin Niederhut-Beushausen, Frank Herrmann, Dr. Siegfried John, Dr. Dagmar Karen John und neun weitere Interhelper im Einsatz. 124 behandelte Patienten zählen sie am Ende. 76 davon Kinder. Mit der Hilfe von Dolmetschern oder auch mal mit Händen und Füßen erklären die Patienten ihre Probleme. Ein Junge klagt darüber, dass abends die Augen schmerzen. „Gehen Sie zum Optiker“, rät Ärztin Niederhut-Beushausen den Eltern. Eine Mutter bekommt eine Flasche Hustensaft für ihre drei Kinder. Aus einem Ort nahe der rumänischen Hauptstadt Bukarest sei sie hergekommen, erzählt die junge Frau.

Für eine andere Bewohnerin, vielleicht 60 Jahre alt, bestellt das Interhelp-Team einen Rettungswagen – das Herz. Ihr Mann sträubt sich zunächst. Die Sorge um die Frau und das Misstrauen angesichts von Krankenhaus und – vermutlich vor allem – Behörden scheinen miteinander zu ringen. Am Ende gewinnt die Angst um die Ehefrau. Sie wird in die Klinik gebracht.

In den vergangenen Monaten spitzte sich die Lage am Kuckuck zu. Hunderte – so wird geschätzt – kamen seit November aus Rumänien. Sie wohnen in dem kürzlich zwangsversteigerten Block Kuckuck 7-11. „Da hat keiner mehr einen Einblick, wie viele dort wohnen“, sagt Birgit Albrecht, Leiterin der Grundschule Hameln-Rohrsen. Auch Gabriele Lösekrug-Möller, Interhelp-Mitglied, Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin, ist in die improvisierte Praxis im Kuckucksnest gekommen. „Armutswanderung“ sei auch für die Bundesregierung ein Thema. „Die Kommunen suchen Hilfe bei den Ländern, die Länder beim Bund.“ Jedoch: „Ein Patentrezept hat niemand.“

Als der Ansturm auf das Kuckucksnest abebbt, gehen Ärzte und Interhelper am späteren Abend noch von Tür zu Tür: Braucht jemand Hilfe? Es finden sich Patienten: leichte Halsschmerzen, schwere Zahnschmerzen, eine Lungenentzündung. Die Ehrenamtlichen helfen.

„Sehr aufgeräumt und sauber“ seien die Zimmer, schildert der Interhelp-Vorsitzende Ulrich Behmann seine Eindrücke. Auch in den Wohnungen von Kuckuck 7-11. Und auch dort, wo sich gleich ein Dutzend Menschen in einer Wohnung aufhielt.

Der Interhelp-Chef ist sehr zufrieden mit dem Hilfseinsatz – diesmal nicht in Bulgarien, Haiti oder Sri Lanka, sondern in Hameln-Rohrsen. Eine Wiederholung sei nicht ausgeschlossen.



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