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20 Jahre Obdachlosen-Weihnachtsfeier des DRK-Ortsvereins

Armut hat viele Gesichter

HAMELN. Die zehnjährige Nesrin strahlt. „Das ist echt toll hier.“ Zusammen mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Sehmus ist die Viertklässlerin bei der Weihnachtsfeier des DRK-Ortsvereins mit dabei.

veröffentlicht am 26.12.2017 um 13:05 Uhr
aktualisiert am 26.12.2017 um 16:40 Uhr

Auch der Weihnachtsmann darf bei der Feier natürlich nicht fehlen. Foto: eaw
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Ernst August Wolf Reporter
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„Ich bin in Hameln geboren, aber eigentlich bin ich Kurdin“, sagt sie stolz.

„Die Nachfrage war gewaltig“, berichtet der Ortsvereinsvorsitzende Wolfgang Kaiser. Seit 1997 veranstalten Kaiser und seine Helfer am Heiligen Abend die DRK-Obdachlosen-Weihnachtsfeier in der Zentralstraße. Mehr als 130 Bedürftige sind diesmal gekommen. Neben den Älteren wuseln fast 60 Kinder durch den festlich geschmückten Saal.

Mit der „Weihnachtsbäckerei“ und „O Tannenbaum“ eröffnet ein Chor der Musicalschule von Anke Rettkowski kurz nach 16 Uhr bei Kaffee und Kuchen die Feier. In der Kinderspielecke betreut Kaisers Tochter Juliane die kleinen Gäste. Die 29-jährige Schulsozialarbeiterin hat diesmal die Begrüßung übernommen. „Nach vier Tagen war alles ausverkauft, das gab´s noch nie“, berichtet sie.

„O Tannenbaum“:Ein Chor der Musicalschule von Anke Rettkowski eröffnet die Feier. Foto: eaw
  • „O Tannenbaum“:Ein Chor der Musicalschule von Anke Rettkowski eröffnet die Feier. Foto: eaw

Langsam kommen die Gäste in Weihnachtsstimmung, nur ein älteres Ehepaar sitzt in der Mitte und blickt ernst drein. Ein Hauch Traurigkeit umgibt den schweigenden Mann und seine Frau mit den grauen Haaren.

Die Stadt ist wie im vergangenen Jahr durch Bürgermeisterin Karin Echtermann vertreten. Sie ist tief beeindruckt. „Armut hat viele Gesichter. Die Alten, die zur Tafel gehen müssen und kaum mit der Rente auskommen, die jungen alleinerziehenden Mütter, die mit ihren Kindern Weihnachten feiern wollen, die Einsamen, die Flüchtlingsfamilien und ihre Kinder, all das geht einem sehr nahe.“

Gleich daneben wiegt Nicole Rams den 15 Monate alten Adrian und unterhält sich mit Birhane Fanus, die die zweijährige Naomi und den drei Monate alten Natan füttert. Auch die 64-jährige Ursula Tadje ist wieder dabei. Die Leidensgeschichte ihrer fehlgeschlagenen Zahnbehandlung hat mit einer Niederlage vorm Sozialgericht geendet. „Aber ich gebe nicht auf“, sagt sie und lacht.

Einziger Vertreter der Kirchen ist der ehemalige Pastor der reformierten Gemeinde, Martin Hoffmann. In seiner Andacht spricht er wortgewaltig Klartext: von Steueroasen und Trump-Profiteuren, von Steuerflüchtlingen und zunehmender weltweiter Verelendung. „Der Habgierige hat immer Mangel“, sagt er. Wenn die Engel in Hameln heute die Botschaft verkündeten, dann nicht im Münster, sondern „hier und jetzt, bei uns. Gleich was das Schicksal aus euch gemacht hat, es gilt ,You never walk alone.’“ Menschen in sozialen und seelischen Nöten seien die „allerersten Empfänger der Weihnachtsbotschaft“, so Hoffmann. Das die auch für Muslime wichtig ist, zeigten die Reaktionen auf Hoffmans Weihnachtsquiz. Darin kommen auch Jesus, Maria und Josef vor. „Die haben im Koran allerhöchsten Stellenwert.“ Um 18 Uhr dann das große Essen. Vor der Ausgabe von Startup-Unternehmer Marcel Stiller bildet sich eine lange Schlange. Die 32-jährige Elena Wiebe kommt mit der Ausgabe kaum nach. „Superlecker“, freut sich der elfjährige Abdu über eine mächtige Portion Nudeln mit Ketchup. Bei Braten, Klößen und Soße ist auch das schweigsame ältere Pärchen aufgetaucht, spricht mit seinen Tischnachbarn, Mohammad Makahat und seiner Familie und irgendwann fliegt auch der verhärmten Frau ein Lächeln übers Gesicht. „Das sind liebe Kinder“, sagt sie leise.

Die werden im halb acht von Wilfried Keutziger, der den Weihnachtsmann spielt, beschert. „Mache ich seit 14 Jahren“, sagt der. Die 25 rot gekleideten Helfer können einen Augenblick durchschnaufen. Hoffmann hatte recht: Nirgends ist die frohe Botschaft der Christnacht in Hameln intensiver zu spüren als hier.

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