weather-image
15°
Scherben erzählen Stadtgeschichte

Archäologe Schween präsentiert Funde seiner Grabungen

HAMELN. Es muss nicht Gold und Silber sein – manchmal reicht schon eine alte Scherbe, um das Archäologenherz hüpfen zu lassen. Vor allem Alltagsgegenstände und die Überreste alter Gebäude hat Archäologe Joachim Schween in den letzten Jahren bei verschiedenen Grabungen in Hamelner Nebenstraßen gefunden.

veröffentlicht am 12.01.2018 um 17:48 Uhr

Bei seinen Grabungen lässt Archäologe Joachim Schween Stege stehen, um die Schichtungen in der Erde im Querschnitt erkennen zu können. Foto: Joachim Schween
Jens Spickermann

Autor

Jens Spickermann Volontär zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Was für die Zeitgenossen teils Abfall war und auch heutzutage unscheinbar wirkt, kann dennoch Aufschlüsse über die Stadtgeschichte bieten. Eine Auswahl seiner Funde hat Schween am Donnerstag bei einem Vortrag im Museum präsentiert.

Die mittelalterlichen Stadtbewohner spazierten zwar ungefähr 1,20 Meter unterhalb des heutigen Bodenniveaus durch die Hamelner Straßen, denn für den Hochwasserschutz wurde bis zur Renaissance immer wieder Grund aufgeschüttet. Doch wer schaufelt und kratzt, findet im Untergrund noch allerhand Hinterlassenschaften aus dem Mittelalter, der frühen Neuzeit und späterer Jahre, wie Schween demonstrierte.

Fragmente von Ofenkacheln aus dem 16. oder 17. Jahrhundert zeigen eine fein ausgearbeitete Kreuzigungsszene. Schween hat sie 2014 bei einer Grabung in der Blomberger Straße gefunden – in einer alten Abfallgrube. Wegen der kunstfertigen Ausarbeitung freut er sich über diesem Fund besonders. Wichtiger als der künstlerische Wert der Kachel ist aber der Rückschluss auf die Stadttopografie: Als Überrest einer repräsentativen Inneneinrichtung zeigt sie, dass einst wohlhabende Leute das Haus bewohnten. Auch aus späteren Zeiten fanden sich Relikte – oder besser gesagt Müll – in einer Kellerverfüllung: kaputtes Porzellan, Scherben einer bemalten Glasscheibe, Weinflaschen aus Portugal – und eine Zahnbürste aus Horn, vermutlich vom Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts und offensichtlich intensiv benutzt.

Zeugt von Wohlstand: eine kunstvolle Kachel. Foto: Joachim Schween
  • Zeugt von Wohlstand: eine kunstvolle Kachel. Foto: Joachim Schween
Auch ein Fund: eine alte Zahnbürste. Foto: Joachim Schween
  • Auch ein Fund: eine alte Zahnbürste. Foto: Joachim Schween

Fundstücke geben darüber Auskunft „wo sich bestimmte Milieus befunden haben“, erklärt der Archäologe. Eisenobjekte und die Reste einer Feuerstelle in einem mittelalterlichen Grubenhaus in Afferde zeigen beispielsweise: Hier arbeitete vermutlich ein Schmied. „Wenn bestimmte Produktionsstätten gefunden werden, dann hat das für die Stadttopografie eine Bedeutung.“

Menschliche Gebeine hat Schween bei seinen letzten Ausgrabungen nicht gefunden, die von Nutztieren aberschon. Ebenfalls an der Blomberger Straße 6 brachte er Tierskelette ans Tageslicht – fast vollständig erhalten. „Wir haben aber von keinem der Tiere den Kopf finden können“, sagt Schween. Vermutlich fiel das Vieh damals einer Tierseuche zum Opfer, sonst wären die Kadaver wohl nicht ungenutzt vergraben worden. Warum aber die Köpfe fehlen – das bleibt ungeklärt.

Aufschlussreicher als die Skelette ist das Fundament aus Bruchstein, das 2015 bei einer Grabung an der Neue Marktstraße ans Licht kam. Obwohl es sich nur um große Steine handelt, verraten sie, dass die Hamelner Innenstadt nicht immer von Fachwerk geprägt war. Es müssten ursprünglich Steinhäuser dort gestanden haben, die erst später durch Fachwerk ersetzt wurden, sagt Schween.

Bei der jüngsten Ausgrabung an der Thietorstraße 6 im August/September 2017 hat der Archäologe neben einem Kienspanhalter eine Feuerstelle aus gerundeten Steinen gefunden. „Diese Steine tragen eine Doppelinformation“, sagt Schween. Ursprünglich waren sie wohl in einem Brunnen verbaut. Im 15. oder 16. Jahrhundert haben die Bauherren des Hauses sie dann für die Errichtung einer Herdfläche wiederverwendet.

Dieser und viele der anderen Funde zeigen: Nicht eine Stadt, sondern viele Städte befinden sich unter den Füßen der Hamelner – viele Schichten aus alten Bauwerken, verschüttetem Kopfsteinpflaster und aufgefüllten Brunnen. Dabei sind die Schichten nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern durch die Wiederverwendung alter Fundamente, Bruch- oder Brunnensteine hat jede Generation mit den Hinterlassenschaften der vorherigen interagiert.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt