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Gestern fiel der Hammer für das Inventar im Hochzeitshaus

Ansturm auf die stummen Zeugen der EWR-Pleite

Nummer 115 bietet bei vielen Objekten mit: Rainer Timpe (li.) interessiert sich unter anderem für die Themeninsel mit dem Glas-Globus. Elisabeth Freund (re.) ersteigert Lampen und transportiert sie

veröffentlicht am 04.03.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 16:41 Uhr

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Autor:

Karin Rohr
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Auktionator Hubert Küpers hat alles im Griff: Zügig und unaufgeregt arbeitet er die Liste mit 156 Positionen ab, während sich im Saal des Hochzeitshauses die Bieter drängen und der NDR alles filmt.

Hameln. Ausverkauf im Hochzeitshaus: Alles muss raus, was von der gescheiterten Erlebniswelt Renaissance noch übrig ist. Die stummen Zeugen der EWR-Pleite, die an diesem Morgen unter den Hammer kommen, stehen aufgereiht und gestapelt an den Wänden, sind in Kartons gestopft, in Nebenräumen geschichtet oder einfach an Ort und Stelle belassen. Von Möbeln, über Küchengeräte und technisches Equipment bis hin zu Elektro-Artikeln reicht das Auktionsangebot – Beamer, Globus, Themeninsel, funktionierende und kaputte E-Guider inklusive.

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Auktionator Hubert Küpers hat alles im Griff.
  • Auktionator Hubert Küpers hat alles im Griff.
Elisabeth Freund hat ein paar Lampen ersteigert und transportier
  • Elisabeth Freund hat ein paar Lampen ersteigert und transportiert sie mit dem Fahrrad ab.
Mit Nummern signalisieren die Bieter im Hamelner Hochzeitshaus i
  • Mit Nummern signalisieren die Bieter im Hamelner Hochzeitshaus ihr Interesse. Zuvor haben sie ihre Personalien hinterlegt. Fotos: Dana
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Auktionator Hubert Küpers hat alles im Griff.
Elisabeth Freund hat ein paar Lampen ersteigert und transportier
Mit Nummern signalisieren die Bieter im Hamelner Hochzeitshaus i

Das Interesse ist gewaltig. Dicht an dicht drängt sich das Publikum im Saal des Hochzeitshauses. Die meisten sind mit Nummern und der Auktionsliste bewaffnet: Sie wollen mitbieten. Die wenigen Frauen kann man zählen. Es sind fast nur Männer gekommen, darunter viele Geschäftsleute. Die Medien sind da. Der NDR filmt.

Punkt 11 Uhr ist es soweit: Jetzt geht’s los. Als Auktionator Hubert Küpers das Wort ergreift, legt sich das Gemurmel im Saal, wird es schlagartig ruhig. Ein Wärmeschrank und ein Kühlschrank sind die ersten Objekte, die unter den Hammer kommen. Zügig, unaufgeregt und ohne laut werden zu müssen, arbeitet Küpers eine Liste mit 156 Positionen ab. Die Versteigerung läuft diszipliniert und ohne Hektik. Jeder Bieter hat für sich seine Grenzen abgesteckt, weiß, wie weit er mitsteigern will. Eine Nasszeile geht für 150 Euro weg, Hängeschränke mit Beleuchtung für 300 Euro. Ein Kombi-Bräter bringt immerhin schon 3600 Euro. „Das ist günstig“, stellt der Bieter Nummer 48 fest: „Ein neuer kostet zwischen 7000 und 8000 Euro.“ Überhaupt werde heute alles regelrecht verschleudert.

Gute Karten also für alle, die ein Schnäppchen machen wollen. Nummer 48 interessiert sich nur für die Kücheneinrichtung. Warum? „Weil ich eine Küche bauen will“, lautet die knappe Antwort. Privat? „Nein, beruflich.“ Mehr verrät er nicht, ist schon wieder ganz bei der Sache.

Der Auktionator kündigt eine Tresenanlage an, Baujahr 2005, mit Vierfach Bierzapfanlage, Sechsfach Kühlgetränkezapfanlage, Kühlschrank, Geschirrspülmaschine und allem Drum und Dran. Neuwert: 50 000 Euro. Hände mit Nummern schnellen hoch. Bieter Nummer 115 bekommt den Zuschlag: Rainer Timpe. Der Veranstalter von Messen und Ausstellungen freut sich: 5500 Euro bezahlt er für die Anlage. Das hat sich gelohnt. „Auch wenn ich den Tresen noch ausbauen und einbauen lassen muss, bleibt unter dem Strich ein Preisvorteil von 30 000 Euro“, macht Timpe seine Rechnung auf. Der Chef der Event-Location „Altes Hallenbad“ will den Tresen filetieren und bei Veranstaltungen zum Einsatz bringen. Nicht das einzige Objekt, dass Timpe an diesem Morgen auf seiner ganz privaten Liste hat: Er will auch die markanteste EWR-Hinterlassenschaft, die Themeninsel mit dem riesigen Glas-Globus für das „Alte Hallenbad“ ersteigern – „und für Hameln erhalten“, sagt er. Als „Posten Exponate“ ist das begehrte Ensemble endlich dran: „1 Rundtisch mit fahrbarer Beleuchtung und VA-Handlauf, 1 Globus aus Plexiglas, 1 Ausstellungswand mit Beleuchtung und eingebautem Flachbildschirm, 3 beleuchtete Wandtafeln, 1 Landschaftsmodell für Schlösser der Weserrenaissance“, lautet die Beschreibung im Auktionskatalog.

Es gibt nicht viele, die scharf darauf sind: Rattenfänger Michael Boyer tritt gegen Timpe an, zieht am Ende aber den Kürzeren. Für 2200 Euro gehört der Posten Exponate jetzt dem Veranstaltungsexperten. Dafür wäre er glatt bis 3500 Euro gegangen, sagt er. 20 000 Euro ist Timpe an diesem Morgen bereit, auszugeben – „für Sachen, die ich ohnehin in den nächsten Monaten anschaffen wollte“, meint er und spekuliert auf einen Wert von 100 000 Euro. Kein schlechtes Geschäft.

Auktionator Küpers kündigt einen „Tresor ohne Schlüssel“ an. Gelächter im Saal. „Was drin ist, wissen wir nicht“, sagt Küpers. Timpe will den Tresor trotzdem. Für 55 Euro gehört er ihm. „Ich kenne einen 75-jährigen Schlosser, der knackt jeden Tresor“, meint Timpe, fügt amüsiert hinzu: „Ich rechne aber nicht damit, dass etwas drin ist“ – und verrät, dass er alte Tresore sammelt. Den EWR-Tresor habe er nur „als Gag“ gekauft.

Tatsächlich geht bei dieser Auktion vieles zum Schnäppchenpreis weg. Büromöbel von Wilkhahn, Computer, Tischrechner, Lampen, Beamer – und auch die kaputten E-Guider. Für 400 Euro gehören sie Nummer 50. Die lässt sich von Küpers überreden, auch für die heilen E-Guider zu bieten, die zunächst keiner wollte.

Für die gesamte Außenbestuhlung interessiert sich Frank Werner vom Café Wild im Wisentgehege Springe. Für 4000 Euro erhält er den Zuschlag und freut sich: „Die Bestuhlung ist das Dreifache wert. Jetzt kommt sie auf die Terrasse des Cafés.“

Als Letztes steht der Kellerrauminhalt auf der Liste. Als die Auktion beendet ist, haben zwar nicht alle Gegenstände einen Bieter gefunden, aber der größte Teil des EWR-Inventars ist weg. Rund 60 000 Euro sind zusammengekommen. „Zu wenig“, bedauert Auktionator Hubert Küper. Er hatte mit 100 000 Euro gerechnet.

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