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Geschwister stoßen bei jüdischen Gemeinden auf geteiltes Echo / Politik muss entscheiden

Angehörige fordern „Stolpersteine“ für NS-Opfer

Hameln (HW). Noch einmal hat sich die Politik mit der Genehmigung sogenannter Stolpersteine in Hameln zu beschäftigen. Der Grund ist ein Antrag zweier Geschwister aus Emmerthal, die vor dem Haus Neue Marktstraße 14 diese Gedenksteine ins Erdreich gelassen wissen möchten, weil aus dem Hamelner Gebäude drei Familienangehörige von den Nationalsozialisten deportiert worden und in den Konzentrationslagern Auschwitz und Theresienstadt ums Leben gekommen sind: Rosa Culp, Sophie und Ingrid Friedheim – Urgroßmutter, Großtante und Tante der beiden Emmerthaler. Auf den Stolpersteinen sollen die Namen der drei deportierten Juden stehen. „Das Bücken, um die Namen und Texte auf den Stolpersteinen zu lesen, ist auch eine symbolische Verbeugung vor den Opfern“, begründen die Geschwister.

veröffentlicht am 04.02.2013 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 17:21 Uhr

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Doch die Aussicht, dass in Hameln tatsächlich Stolpersteine verlegt werden, ist gering. Schon einmal ist ein entsprechender Antrag vom Rat abgelehnt worden. Der Grund: Die beiden in Hameln ansässigen Jüdischen Gemeinden vertreten unterschiedliche Auffassungen zu dieser Art des Gedenkens. „Und daran hat sich bis heute nichts geändert, denn es sind keine neuen Argumente dazugekommen. Die jüdischen Gemeinden untereinander müssen sich einig sein. Wir wollen keinen Unfrieden in der Stadt und keinen Zwist heraufbeschwören“, begründet Ursula Wehrmann (Grüne) das bisherige Nein der Politik. Die stellvertretende Sprecherin der Mehrheitsgruppe merkt jedoch an: „Ich kann das nicht nachvollziehen, denn in anderen Städten gibt es die Stolpersteine ja auch.“

Einen Grund nennt Christa Bruns, Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Hameln: „Die Jüdische Gemeinde mit ihrer Vorsitzende Rachel Dohme vertritt die Meinung: ‚Wir lassen unsere Namen nicht mit Füßen treten.‘“ Eine Haltung, die Bruns nachvollziehen kann. Sie plädiert deshalb „für Plaketten auf Augenhöhe“. Die könnten an den Häusern angebracht werden, „in denen diese Menschen gelebt haben“. Rachel Dohme war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Unterstützung finden die Antragsteller aus Emmerthal in der Fraktion Piraten/Linke. „Es ist eine Erinnerung, die weltweit anerkannt und prämiert ist“, macht sich Peter Kurbjuweit zum Befürworter. Der Ratsherr der Linken sieht in dem Antrag, der morgen im Verwaltungsausschuss beraten werden soll, durchaus einen neuen Ansatz. „Erstmals fordern Direktbetroffene diese Steine für Familienangehörige. Sie erinnern auch nicht nur an Juden, sondern generell an Menschen, die deportiert worden sind. Das waren auch Gewerkschafter oder Sozialdemokraten“, erinnert Kurbjuweit und fügt hinzu: „Wir sollten uns nicht an denen orientieren, die sie nicht wollen, sondern an denen, die sie haben wollen“, meint der Linke, der auch beklagt, dass die Antragsteller noch nicht einmal angehört worden seien.

„Wir hören uns grundsätzlich alles an“, kontert Wehrmann, „aber ein Gespräch zwischen den Angehörigen und Frau Dohme ist viel wichtiger. Die Diskussion um Stolpersteine haben wir schon über viele Jahre und sie keimt immer wieder auf. Wir kommen nur keinen Schritt voran.“ Das sieht SPD-Fraktionschef Volker Brockmann ähnlich: „Kommt es zur Einigung, tragen wir diese mit.“

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Berliner Künstlers Gunter Demnig. Mit diesen in Bürgersteige eingelassenen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Stolpersteine sind kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Sie werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster des Gehweges eingelassen und sind inzwischen in vielen Städten zu finden. Auch im Staatsbad Pyrmont.

In dem Haus Neue Marktstraße 14 lebten bis zu ihrer Deportation Angehörige der Emmerthaler Geschwister. Die Politik muss jetzt entscheiden, ob künftig vor dem Gebäude Stolpersteine (Beispiele oben) an die NS-Opfer erinnern sollen.

Foto: Dana



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