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Sumpfblume sucht neue Wege

Anarchie war gestern

HAMELN. Die Sumpfblume will sich neu zu erfinden, denn von alleine läuft nichts mehr. Beim Prozess des Umdenkens wird sie unterstützt von der Stiftung Niedersachsen. Im Dezember wird Zwischenbilanz gezogen.

veröffentlicht am 30.10.2017 um 14:49 Uhr
aktualisiert am 30.10.2017 um 17:09 Uhr

Viele soziokulturelle Einrichtungen wie die Sumpfblume suchen nach Wegen, um ihr Überleben zu sichern. Foto: Dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Früher, am alten Güterbahnhof, war die Sumpfblume ein leicht anarchischer Ort. Aus den Boxen dröhnte Indie-Musik und die Luft war zum Schneiden. Sonntags gab es manchmal Frühstück und das Bier war bestenfalls Mittelmaß. Voll war es trotzdem. Nicht jeder hat sich reingetraut, sagt Linda Meier, Geschäftsführerin der Sumpfe. Der Blick in die Vergangenheit sei wichtig, wenn es um das Jetzt und die Zukunft des soziokulturellen Zentrums geht. Denn von selbst läuft heute nichts mehr und das anarchische Flair wohnt längst ein paar Straßen weiter.

Zeit also, die eigene Arbeit zu hinterfragen. Nicht zuletzt, weil die gemeinnützige Einrichtung pro Jahr vom Landkreis und der Stadt Hameln mit je 45 000 Euro bezuschusst wird. Ein weiterer Förderer ist die Stiftung Niedersachsen. Dort hat die Sumpfe sich 2015 um die Aufnahme ins zweijährige Förderprogramm „SozioK_change“ beworben und wurde ausgewählt. Neben 25 000 Euro gibt es Beratung beim Umdenken. „Change-Management“ wird der Prozess bei Wirtschaftsunternehmen genannt. Im Wesentlichen geht es um die Gestaltung von Wechseln in der Leitungsebene, um die Frage wie man neue Publikumsschichten begeistern kann, wie Abläufe optimiert und Strukturen langfristig verändert werden können. Fragen, so heißt es auf der Website der Stiftung, mit denen sich zurzeit viele soziokulturelle Einrichtungen beschäftigen, weil sie in den kommenden Jahren überlebenswichtig werden. Im Dezember muss Linda Meier bei der Stiftung eine Zwischenbilanz einreichen.


- Den Führungswechsel hat die Sumpfe schon hinter sich. Mit gerade mal 27 Jahren hat Linda Meier die Führung vor zweieinhalb Jahren übernommen. Der Wandel teaminterner Strukturen hätten Zeit gekostet waren aber wichtig, sagt Meier, „auch wenn das Ergebnis nach außen nicht so sichtbar ist.“


- Die Frage welches Publikum womit hinter dem Ofen vorgelockt werden kann, ist schwierig, denn zum Thema gehört nicht nur der Generationswechsel in der Sumpfe, sondern auch das veränderte Freizeitverhalten der Jungen, vor allem durch Soziale Medien. Sie gehen schlicht weniger aus. Die Sumpfe-Disco, wie sie früher war, hat ausgedient. Die Shell-Jugendstudie 2015 bestätigt: Für Freizeitaktivitäten, die nichts mit dem Internet zu tun haben, geht die Kurve fast immer abwärts. Lediglich Sport (vor allem im Fitnessstudio), Daddeln und – man höre und staune – Unternehmungen mit der Familie haben zugenommen.

Um herauszufinden, wer was will, wer die Sumpfblume kennt und sie besucht, wurde mit Studenten der Universität Hildesheim 2016 eine eigene Umfrage gestartet. 561 Bögen wurden ausgewertet. Vereinfacht gesagt zeigt das Ergebnis auch hier: Die Aktivierung der Jüngeren ist schwierig. Das Sumpfe-Team zieht den Schluss, dass Angebote für alle Altersgruppen am erfolgversprechendsten sind. Insbesondere auf die Verknüpfung von Kultur und Gastronomie will man mehr Gewicht legen, denn zum Essen und Trinken treffen sich alle ganz gern.


- Optimierung von Abläufen und Strukturen: Den wünschen sich Außenstehende vor allem beim Service. Seit Jahren wird dieser immer wieder als zu langsam und zu unorganisiert kritisiert. Linda Meier weiß das. Zur Ehrenrettung sei gesagt: Das Gleiche hört man auch über andere Cafés und Kneipen. Der Unterschied: Sie bekommen keine Fördergelder und sind oft besser gefüllt. Inwieweit hat sich also die Sumpfe mit diesem Problem auseinandergesetzt? Geändert hat sich das: Mit Bernd Maihöfer (Thekenleitung) und und Michael Thiemer (Küche) sind inzwischen Profis am Start. Maihöfer ist aus Hamburg in seine Heimat zurückgekehrt. In der Hansestadt arbeitete er als Gastronom unter anderem für Tim Mälzer. Mit Maihöfer haben sich Strukturen verändert: Nicht jeder macht alles, sondern eine Kraft zapft, eine nimmt die Bestellungen auf und eine kassiert. Eine zweite Kasse auf der Theke hat Maihöfer ebenfalls eingeführt. Selbst die Großveranstaltung Autumn Moon sei gut gelaufen, so Meiers Einschätzung.

Zur Speisekarte – mehr bio und regional als üblich – steht man. Darin, dass die Öffnungszeiten des Cafés eingedampft wurden (auch im Sommer wird erst ab 16 statt 14 Uhr geöffnet), sieht Linda Meier keinen Widerspruch. „Wir wollen erst mal das optimieren, was läuft,“ sagt sie. Mit der Gastronomie erwirtschaftet die Sumpfblume 56,6 Prozent des Eigenbedarfs.


- Für gut befunden: Interaktive Theaterabende im Stile von Adventure-Computerspielen, wie es die Theatergruppe machina eX macht, die bereits erfolgreich in der Sumpfe gastierte. Zu den neueren, erfolgreichen Ideen gehören auch Bingo- und Kneipen-Quizabende, die Elektro-Partys im Café oder im Saal und die Konzertreihe Sunday Surprise. Bestens funktioniert habe auch ein Yoga-Kurs.

- Geplant: Verknüpfung von Kino und Gastro. Das kann ein Drei-Gänge-Menü mit Film sein, oder Familienfrühstück mit Film und Kinderbetreuung. Mit dem Angebot reagiert die Sumpfe auf das Feedback von Gästen. Im Gespräch ist auch ein Mario-Kart-Turnier auf Leinwand.

- Läuft nicht: Mehr Gemütlichkeit im Sumpfe-Kino. Der Brandschutz macht einen Strich durch die Rechnung: Sofa und Sessel sind tabu. Auch die Einbindung der Hochschule Weserbergland gestaltet sich schwierig. „Die Studenten sind schwer greifbar“, sagt Meier. Sie vermutet, dass viele einen vollen Stundenplan haben und eine Identifikation mit der Region durch die Drei-Monatsphasen an Uni beziehungsweise Arbeitsplatz ausbleibe. Auch das Mittagessen für die HSW-Studenten sei nicht angenommen worden.


- Noch Luft nach oben: Mit der Digitalisierung der Sumpfe, insbesondere der neuen Website, ist Meier zufrieden. An einer besseren Facebook-Strategie werde gefeilt. Auch die Konzerte hätten besser laufen können. Die Geschäftsführerin räumt ein, zu sehr auf junge Formate gesetzt zu haben. Demnächst soll es wieder mehr Metal, Gothic und Hardrock geben, „das funktioniert in der Sumpfe.“

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