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Bahnstrecke links, Lindenallee rechts: Die Berliner Straße in Afferde

An den Gleisen entlang

Hameln. Ruhig ist sie, die Berliner Straße. Sie erscheint als das ganze Gegenteil ihrer Namensgeberin. Eine Allee ist sie außerdem, also zumindest eine halbe. Große Linden, die wie Dominosteine hintereinander stehen, säumen die breite Straße auf der Südseite. Andere Straßen mit Großstadtnamen kreuzen. Für ein bisschen Heimatgefühl reicht Timo Treichel das. Er ist vor einem Jahr vom aufgeregten Berlin in die Berliner Straße nach Afferde gezogen. „Ich habe mich total in Afferde verliebt“, sagt der 26-Jährige. In der Hauptstadt hat er ein Jahr lang vergebens eine Wohnung gesucht. Für seine Verlobte zog er nach Afferde. „Nach Berlin will ich nicht wieder zurück“, sagt er überzeugt. Zu laut, zu anonym, zu sehr Berlin. „Da kennt man höchstens den Nachnamen seiner Nachbarn, hier dagegen besuchen wir uns sogar im Haus gegenseitig.“ Dann rauchen sie zusammen eine oder er spielt mit den Kindern aus dem Erdgeschoss Fußball. Von den Flüchtlingen, die unten wohnen, lernt er gerade Arabisch. „Das Zwischenmenschliche wird hier sehr groß geschrieben“, sagt er. Treichel hat sich in das Kleinod verliebt, in die Ruhe, in das Vogelgezwitscher und ganz besonders in den königsblauen Nachthimmel. „In Berlin sieht man so gut wie nie die Sterne.“

veröffentlicht am 10.04.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 22:21 Uhr

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Autor:

von Julia Rau
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Wenn er nachts nach draußen geht, um eine zu rauchen und in den Himmel zu schauen, steht er nur wenige Meter von der Bahnstrecke entfernt. Gleich hinter dem Garten, auf der anderen Seite vom Maschendrahtzaun, liegen rostige Schienen in einem aufgetürmten Schotterwall. Zweimal die Stunde fährt ein Zug vorbei. „Nach einer Woche hier haben wir das einfach ignoriert“, sagt Treichel. Die Bahn ignorieren, das hat in der Straße jeder gelernt. Die Meinungen der Anwohner zum Güterverkehr sind differenziert. Statt Lastwagen auf den Autobahnen hätten viele den Transport lieber auf Schienen. Von einer möglichen Transitstrecke hinterm Garten mit Waggons im Zehn-Minuten-Takt ist aber keiner begeistert.

„Wenn man in die Berliner Straße zieht, muss man eben mit der Bahn leben“, sagt Christian Scharf. Die Bahn sei nun mal schon eher da gewesen, und die Erfolgsaussichten der Bürgerinitiative vermutlich gering. Gegen den geplanten Güterverkehr ist er trotzdem. „Wenn wirklich alle zehn Minuten ein Zug kommt, dann kann man die Schranke ja gar nicht mehr passieren.“ Scharf ist an einem Gleisabschnitt weiter westlich groß geworden, am Hastenbecker Weg. Das Rattern der Züge auf den Gleisen ist zur Begleitmusik seines Lebens geworden. „Ich höre das gar nicht mehr“, sagt der 49-jährige Industriemechaniker. Früher, da machten die Loks noch richtig Krach. „Nach der Wende sind hier öfter Taigatrommeln vorbeigerattert“, sagt er. „Taigatrommeln“ sind alte Diesellokomotiven aus der Ukraine. „Die hat man schon von weitem gehört“, sagt Scharf.

Eines der beiden Gleise ist mittlerweile stillgelegt. Das andere wurde vor Jahren repariert, „dort, wo die Schienenstöße geschweißt waren, klackerten die Züge“. Heute ist der metallene Takt einem gleichmäßigen Rauschen gewichen, nicht lauter als ein Lastwagen auf der B 83. „Ich höre eigentlich nur, wenn mal einer außer der Reihe fährt, nachts zum Beispiel.“

5 Bilder

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, der mit den Linden, wohnt das Ehepaar Henze. Die alten Häuser in der Berliner Straße sind braun verputzt und nicht gestrichen. Ihr Haus, errichtet 1956, ist eines davon. Es war eines der ersten hier. „Erst wurde gebaut, dann kam die Straße“, sagt Sabine Henze lachend. „Früher war hier alles Acker.“ Wo jetzt die Siedlung steht, stand früher Weizen. Die Bahnstation war das allererste Gebäude, dass südlich der Gleise erbaut wurde. Danach kamen Henze und eine Handvoll Nachbarn. Damals konnte Sabine Henze mit dem Zug zur Arbeit fahren. „Da fuhren auch noch richtige Dampfloks hier durch“, erinnert sich ihr Mann Karl-Otto. Regelmäßig blieben die Kohlenzüge an der Steigung stecken. „Dann mussten der Lokführer das Notsignal pfeifen, damit eine Schublok kam.“ Unter dicken Rauchschwaden und ohrenbetäubendem Wummern hat die den Zug dann wieder ins Rollen gebracht. „Da standen wir nachts im Bett.“ Eine Gütertransitstrecke wäre für das Ehepaar „eine Katastrophe“. Aber „irgendwo müssen die Züge ja lang“, sagt Karl-Otto Henze.

In der Serie „Meine Straße“ gehen wir von Haus zu Haus, porträtieren die Menschen und erzählen ihre Geschichte(n). Straße für Straße. Mehr Fotos, Text und Videos zur Berliner Straße finden Sie auf dewezet.de

Sabine und Karl-Otto Henze. Ihr Haus war eines der ersten in der Berliner Straße.

Christian Scharf hat die Gleise direkt am Garten, mittlerweile überhört er das Rauschen der Züge.

Timo Treichel ist der Liebe wegen nach Afferde gezogen und hat sich dabei auch in die Berliner Straße verguckt.nin (3)

Die Berliner Straße in Afferde verläuft parallel zu den Bahngleisen. Nach einigen Hundert Metern trennen sich beide wieder. Dana (2)



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