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Eines der ältesten Siedlungsgebiete Hamelns und Wirkungsstätte von Elsa Buchwitz: die Hummenstraße

Am Nabel der Stadt

Hameln. Wenn Marco Weber über Elsa Buchwitz spricht, klingt es ein bisschen so, als würde sie gleich um die Ecke kommen. Als könnte sie jeden Moment die Treppe von der Galerie im Haus mit der Nummer 12 hinabsteigen oder durch den schmalen Durchgang, der in den Hinterhof führt, den Gastraum betreten. Weber ist Inhaber des Restaurants „Pfannekuchen“ in der Hummenstraße, 2001 hat er die Gaststätte übernommen. Er steckt viel Herzblut in den „Pfannekuchen“, das merkt man mit jedem Satz. Aber: Eigentlich, das betont er immer wieder, sei dies Elsas Haus. „Sie hat das Restaurant 1983 eröffnet, und ohne sie gäbe es nicht nur den ,Pfannekuchen‘ nicht, ohne sie sähe die ganze Stadt anders aus.“

veröffentlicht am 24.04.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:08 Uhr

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Wiebke Kanz

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Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite
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Denn eigentlich stand vor dem „Pfannekuchen“ schon einmal fast der Abrissbagger: Fast einstimmig hatte der Rat im Dezember 1967 beschlossen, dass große Teile der Altstadt abgerissen werden sollten. Von den damals insgesamt 677 Vorderhäusern in der Altstadt sollten etwa 200 modernen, „verdichteten“ Terrassen-Bauten weichen, wie sie heute auf der anderen Seite des Kastanienwalls in Form des Bellevue-Centers und des Mercure-Hotels zu sehen sind.

Die Baupläne lagen bereits in den Schubladen, als sich in der Hamelner Bevölkerung Widerstand gegen die Abriss-Mentalität breitmachte. An vorderster Front mit dabei: Elsa Buchwitz. Der Vorkämpferin der Altstadtsanierung ist es zu verdanken, dass der Rat die Umgestaltungsrichtlinien änderte: weg von der brutalen „Flächensanierung“ – so nannte man das damals: viel abreißen, viel neu bauen –, hin zu einer sensiblen Objektsanierung.

„Elsa“, wie Marco Weber sie nur nennt – welche Elsa sollte auch sonst gemeint sein, wenn man in einem der ältesten Fachwerkhäuser Hamelns sitzt und durch eines der kleinen Originalfenster auf die Hummenstraße blickt? –, Elsa selbst rettete in teilweise mühevoller Eigenarbeit für 400 000 DM das Haus mit der Nummer 12 und das Nachbarhaus und fügte sie zu einem zusammen. Fachwerkbalken, Lehmschlag, sogar die Sandsteinplatten auf dem Boden im Erdgeschoss sind erhalten. Wenn Marco Weber heute die Treppe in den ersten Stock hinaufsteigt, knarren die Holzstufen genau so, wie sie in einem fast 400 Jahre alten Haus knarren sollten. Natürlich stecke in einem Haus wie diesem viel Arbeit, gibt der Gastronom zu: „Man muss immer dranbleiben, jedes Jahr muss man ran, man darf das bei so einem Haus nicht schleifen lassen.“ Aber die Mühe lohnt sich, und das sieht man nicht nur im Inneren des „Pfannekuchen“-Hauses, auch von außen ist die Nummer 12 ein echtes Schmuckstück. So, wie eigentlich jedes Haus in dieser Straße: „Klar wird in einer Straße wie dieser Wert auf das äußere Erscheinungsbild gelegt“, sagt Weber, die Häuser würden über Generationen vererbt, das schweiße die Nachbarschaft schon zusammen. Früher, erzählt er, „haben wir Bodo Meyer auch öfters mal einen Pfannekuchen rübergebracht“.

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Seit 2012 betreibt der von Lutz Brockmann gegründete Verein „Alle Gemeinsam“ in der Hummenstraße, zwischen gepflegten Blumenkübeln und sanierten Fachwerkhäusern, ein Sozialkaufhaus. nin

Schräg gegenüber betritt man eine ganz andere Welt. Vor den anderen Häusern stehen liebevoll bepflanzte Blumenkübel, wachsen Rosen an der sanierten Fachwerk-Fassade entlang. Vor Haus Nummer 6 stehen ein Kleiderständer, eine Plattenkiste und ein kleines Schuhregal. „Den Euro kannste auch gleich mir geben“, sagt Lutz Brockmann zu einem Kunden, der sich aus der Plattenkiste gerade ein Exemplar ausgesucht hat: „Der goldene Hitkalender – 20 unvergeßliche Goldhits“. „Tüte hol ich dir.“ Brockmann ist Vorsitzender und Gründungsmitglied des Vereins „Alle Gemeinsam Hameln-Pyrmont“, der in der Hummenstraße, rechts und links eingekesselt von sanierten Fachwerk-Schätzchen, ein Sozialkaufhaus betreibt. Auch hier scheint die Zeit stehen geblieben, allerdings ein einer anderen Epoche: Ein Regal voller Video-Kassetten, Schallplatten und Gesellschaftsspiele steht neben einem Teewagen, auf dem eine alte Olympia-Schreibmaschine, Typ „Monica“, angeboten wird. 10 Euro. Auf dem Tisch gegenüber gibt es das Vierer-Set Kristallgläser für 5 Euro. Außerdem: Röhrenfernseher, kleine, große, zum Preis von 20 bis 29 Euro. Im Sozialkaufhaus des Vereins „Alle Gemeinsam“ gibt es nicht das Neueste vom Neuesten, keine Flatscreens, keine Modetrends. Hier gibt es Dinge, die man zum Leben braucht, wenn man sonst nur wenig hat.

Erst Anfang August 2014 feierte der Laden Neueröffnung, nachdem umgebaut und mehr Platz geschaffen wurde. „Zurzeit suchen wir aber einen zweiten Laden, denn wir würden uns gern vergrößern.“ Die Suche allerdings gestalte sich schwierig: „In der Nachbarstraße haben wir ein Objekt nicht bekommen – so’n Sozialladen war dann doch nicht so recht.“

Aber ein Sozialkaufhaus gerade hier, wo man den Häusern ansieht, wie viel ihre Sanierung gekostet haben muss? Wo die Fassaden gepflegt sind und die Häkelgardinen in den typisch kleinen Fachwerkfenstern nicht den Hauch von Gilb haben? „Das funktioniert“, sagt Brockmann. Und: „Die Miete hat gestimmt.“ Für 100 Quadratmeter Verkaufsfläche mit Lagerraum in der ehemaligen Fleischerei Robert Ladenthien zahlt der Verein hier sehr viel weniger als in der stark frequentierten Osterstraße, die Kundschaft kommt trotzdem, sagt der 47-Jährige – und gesteht: „Einige hat’s am Anfang schon gestört“, vor allem aber die Vermieter, nicht die Anwohner. „Mit denen war von vornherein alles schön.“

In der Serie „Meine Straße“ gehen wir von Haus zu Haus, porträtieren die Menschen und erzählen ihre Geschichte(n). Straße für Straße. Mehr Fotos, Text und Videos zur Hummenstraße finden Sie auf dewezet.de



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