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Erst eine Hochzeit mit großem Pomp – dann bei der Scheidung heftiger Streit um den Unterhalt

Am Ende: Ein Rosenkrieg

Es hatte alles so hoffnungsvoll und schön begonnen. Christina Großherz und Georg Prächtig (Namen von der Redaktion geändert) waren sich ganz sicher, füreinander bestimmt zu sein. „Es war schließlich Liebe auf den allerersten Blick“, erinnern sich die beiden wie so viele andere auch, die den Bund fürs Leben schlossen – und das mit allem Pomp, weißem Brautkleid, feierlicher Zeremonie in der Kirche und einer Hochzeitsfeier, die ein tiefes Loch in die Kasse riss. Es sollte schon bald zur ersten Zerreißprobe für das junge Paar werden, denn besonders ihre Ansprüche bei der Einrichtung der gemeinsamen Wohnung waren deutlich höher als sein und ihr gemeinsames Einkommen. Aber finanzielle Vernunft war nicht die Stärke der beiden, schließlich gab es billiges Geld von der Bank. Nun gut, auf teure Urlaube wollten die beiden Jungvermählten ebenso verzichten wie auf eine romantische Hochzeitsreise nach Venedig. „Das holen wir später nach“, waren sich Christina und Georg noch ganz einig.

veröffentlicht am 21.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 18:41 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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Auch dass sie sich mit der Bedienung des Bankkredits in ihrem Lebensstil deutlich einschränken müssten, war ihnen eigentlich klar. Allein die Verlockungen waren größer als die Disziplin, die sich die beiden auferlegen wollten. „Das schien ja nicht weiter schlimm – es gab die Möglichkeit, die Konten zu überziehen, aber dass diese Art der Finanzierung so viel teurer war als ein Konsumentenkredit, war uns anfangs überhaupt nicht klar“, erzählt Georg rückblickend. „Da sind wir ganz naiv in eine Falle getappt, die wir selbst gestellt haben.“ Die Stimmung in der jungen Ehe wird langsam angespannt – statt romantischer Liebeserklärungen setzt es gegenseitige Vorwürfe.

Doch schnell scheint alles vergessen, als Christina schwanger wird. Nur schwant Georg Übles, als sich herausstellt, dass seine Liebste Zwillinge unter ihrem Herzen trägt. „Das wird der finanzielle Ruin“, habe ich mir damals gesagt. „Wie sollten wir das schaffen, mit nur einem Einkommen, dem Bankkredit und den überzogenen Konten?“ Seinen Vorschlag, die Schwangerschaft abzubrechen, lehnt seine Frau entrüstet ab. „Kommt für mich überhaupt nicht in Frage!“, lautet ihre kategorische Antwort. „Wir waren uns doch einig, dass wir mindestens zwei Kinder wollen. Dann kommen sie jetzt eben auf einmal! Und außerdem werden meine Eltern uns bei der Betreuung so viel helfen, dass ich weiter arbeiten kann.“ Seine wenig freundliche Antwort: „Deine Mutter halte ich nicht jeden Tag aus.“ Sie daraufhin: „Musst Du auch nicht, sie kommt, wenn Du weg bist, und geht, bevor Du kommst. Hab Dich nicht so!“

Organisatorisch hat dann tatsächlich alles geklappt, aber bei Christina sind erste Zweifel gesät, ob ihr Georg der Richtige fürs Leben sein wird, zumal er sehr unwirsch darauf reagiert, dass sie nach der Schwangerschaft eine lange Zeit braucht, ihm die von ihm erwartete sexuelle Zärtlichkeit wieder entgegenzubringen. Und es entgeht ihrer Aufmerksamkeit auch nicht, dass er an manchen Abenden plötzlich viel länger arbeitet. Die Erklärung, das tue er nur für sein berufliches Fortkommen, muss sie schlucken und kann sie nicht widerlegen. Noch nicht. Denn schneller als Georg erwartet, wird er mit einer attraktiven Dame Händchen haltend von einer Freundin seiner Frau erwischt. Seine Reue kommt ihr beim folgenden Streit nicht unbedingt glaubwürdig vor. Sein Versprechen: „Ich mache mit ihr Schluss! Das schwöre ich Dir!“ Was Christina glauben konnte, aber nicht glauben musste. „Und meine Zweifel waren berechtigt. Er konnte es einfach nicht lassen mit den Mädels. Und als die Zwillinge vier waren, war es nicht mehr auszuhalten. Ich habe ihn vor die Tür gesetzt und ihm klipp und klar gesagt, dass jetzt ich Schluss mache und die Scheidung einreichen werde.“

Was folgt, ist ein heftiger Streit um den Unterhalt, denn Christina ist seit einiger Zeit arbeitslos und ohne Aussicht auf einen neuen Job. Ohnehin wäre sie frühestens bereit gewesen, wieder halbtags arbeiten zu gehen, wenn die Kinder sechs Jahre alt sind. Dass Georg jetzt nach Abzug des Kinderunterhalts drei Siebtel seines restlichen Gehalts an seine Frau überweisen muss und er aus Steuerklasse III in die höher besteuerte Klasse I rutscht, verbittert ihn und führt zu bösartigen gegenseitigen Beschuldigungen, die auch die Anwälte der beiden nicht verhindern können. „Es war für mich ganz schön schwierig, irgendwann zu kapieren, dass diese Streitereien völlig sinnlos waren“, erinnert sich der Ingenieur. „Ich hatte einen solchen Hass auf meine Ex-Frau, weil sie mich nur wegen ein paar unbedeutender Frauengeschichten auf die Straße gesetzt hatte. Das war doch nicht so schlimm.“

Mit aller Energie versuchte Christina in der Folgezeit, den Kontakt zwischen den Zwillingen und deren Vater zu hintertreiben. Mal „vergisst“ sie den verabredeten Termin, mal sind die Kinder angeblich krank, mal sind sie bei Freundinnen aus dem Kindergarten eingeladen. Wieder muss der Vater seinen Anwalt einschalten, um über das Familiengericht eine klare Besuchsregelung zu bekommen.

Nach einem halben Jahr sieht Georg eine neue berufliche Chance. Eine Stellenausschreibung in der Schweiz passt genau auf sein berufliches Profil. „Ich habe mir damals gedacht, wenn ich die Kinder ohnehin nur immer nach neuem Ärger sehen kann, gehe ich in die Schweiz und die Kinder verbringen dann eben die Ferien mit mir. Das erschien mir vernünftiger als der dauernde Krieg um jeden halben oder ganzen Tag. Und der neue Job war wesentlich besser dotiert als die Stelle hier im Weserbergland.“ Der Vertrag war schnell abgeschlossen und der Wechsel in die Schweiz reibungslos vollzogen.

Dass ihr Noch-Ehemann in der Schweiz deutlich mehr verdienen würde, blieb Christina natürlich nicht verborgen. Von den rund 1000 Euro, die in der Schweiz wegen seiner beruflichen Qualifikation nach ihren Internetrecherchen mehr auf sein Konto fließen sollten, wollte sie auch ihren Anteil haben. Die Überraschung war groß, als er im Zuge ihrer Unterhaltsklage seine Gehaltsbescheinigung aus Zürich vorlegen musste. Georg verdiente glatte 3000 Euro mehr als bei seinem alten Arbeitgeber – der Unterhalt für die Kinder war dabei bereits abgezogen. Drei Siebtel davon hätten die Haushaltskasse von Christina erheblich aufgebessert, fand auch ihre Anwältin und riet zur Klage auf den erhöhten Unterhalt, was den Scheidungsprozess erneut verteuerte, denn keine der beiden streitenden Parteien war auf den Gedanken gekommen, sich wenigstens auf die Summen zu einigen, die unstreitig zwischen beiden waren und so die Anwalts- und Prozesskosten gesenkt hätten.

In der ersten Instanz des Familiengerichts wurde Christina bei der Unterhaltsberechnung noch recht gegeben. Die Argumentation des Beklagten, der Umzug in die Schweiz und das dort höhere Gehalt stehe nicht in einem direkten Lebenszusammenhang mit der Klägerin, verfing nicht, obwohl während ihrer gemeinsamen Ehezeit nie die Rede davon war, dass er einmal daran denke, irgendwo im Ausland zu arbeiten. Die Richter beim Oberlandesgericht in Celle sahen dies allerdings anders: Sie kassierten das Urteil und gaben dem Beklagten recht. Auf diesem Teil der Prozesskosten blieb Christina sitzen. Inzwischen arbeitet sie längst wieder, ist erneut verheiratet und die Zwillinge leben bei dem Vater in der Schweiz. Ein Rosenkrieg, der beide Seiten viel gekostet hat – nicht nur viel Geld, sondern auch viel Energie und bei Christina für etliche Jahre dafür sorgte, dass sie kein Vertrauen mehr in die Männer setzt. Gerecht fand sie das Urteil ohnehin nicht.

Scheiden tut weh. Nicht selten wird aus heißer Liebe ein heißer Kampf. Menschen, die glaubten, glücklich miteinander alt zu werden, bekriegen sich plötzlich vor Gericht. Und manchmal bis aufs Messer.

Bei Oliver und Barbara Rose

(Michael Douglas und Kathleen Turner) in dem Film „Der Rosenkrieg“

(1989) entwickelt sich die Scheidung zur blutigen Katastrophe.pr



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