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„Damen ohne Unterleib“

Altstadthäuser: Oben historisches Schmuckstück, unten 70er Jahre

HAMELN. „Wenn man nur auf die Geschäfte schaut, könnte man denken, man befinde sich in den 70er Jahren“, sagt eine Teilnehmerin beim Spaziergang „Altstadt unter der Lupe“. Sie wird geführt vom ehemaligen Denkmalschützer Michael Voss und seinem Kollegen Thorben Bracht. Sie schaut in die Bäckerstraße, Richtung Pferdemarkt. Ein großflächiges Schaufenster reiht sich an das andere. Oft nehmen sie die gesamte Breite des Untergeschosses ein. Michael Voss nennt solche Häuser „Damen ohne Unterleib“.

veröffentlicht am 07.05.2018 um 19:14 Uhr
aktualisiert am 07.05.2018 um 20:40 Uhr

Klobige Vordäche, die sich nicht wegdiskutieren lassen: Der untere Teil des Hauses, in dem Backwerk sein Geschäft hat, an der Osterstraße, hat keine Verbindung zum oberen. Foto: doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Weil die Beine fehlen, also Pfeiler, die mit dem oberen Teil der Fassade eine Verbindung eingehen. Die meisten haben keine. Oben und unten präsentieren sich zwei völlig verschiedene Welten. Manchmal wird die Optik noch durch ein breites Vordach verschlimmert, das den Eindruck der Trennung verstärkt.

Schön geht anders, dieser Meinung ist auch Voss. Als Denkmalschützer hat er das ganze Haus im Blick, die Eigentümer eher das Geschäft. Und damit das gut läuft, braucht es große Schaufenster. Das zumindest ist das Argument, das Voss immer und immer wieder entgegengebracht wurde, wenn er versucht hat, die Eigentümer zu einer Investition in eine harmonischere Fassade zu bewegen. Und er hat es oft versucht. „Aber da beißt man auf Granit“, sagt er.

Anscheinend haben die Eigentümer zu viel Angst, es sich mit den Mietern zu verderben. Ob diese tatsächlich immer auf die großen Schaufensterflächen bestehen, bezweifelt Voss. Die Situation offenbart noch ein ganz anderes Problem: Es gibt immer weniger inhabergeführte Geschäfte, deren Eigentümern eben nicht nur das Geschäft, sondern der Gesamteindruck wichtig ist.

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Fast gelungen – die Schaufenster bei H&M sind zwar immer noch riesig, aber die vertikalen Metallstreben stellen eine Verbindung zum oberen Hausteil her. foto: Dana

Dabei gibt es Beispiele, die zeigen, dass es auch anders gut geht: Voss nennt Wernigerode und Quedlinburg als Städte, an denen diese Entwicklung, die Ende der 1960er Jahre begann, fast spurlos vorbeigegangen ist. Sie punkten heute mit einem harmonischen Altstadtflair, bei dem das Erdgeschoss zum Rest des Hauses passt. Ein Beispiel in Hameln, dass der ehemalige Denkmalschützer für relativ gelungen hält, liegt an der Bäckerstraße. Es ist das ehemalige Geschäft Holtmann, in das eine H&M-Filiale eingezogen ist. Zwar sind die Schaufenster dort immer noch ziemlich groß, doch sie sind durch Metallstreben getrennt, die Verbindung zu den gemauerten Vertikalen aufnehmen. So entsteht der Eindruck, dass der obere Teil des Hauses wieder geerdet ist. Früher sei die Trennung durch eine durchgehende Reihe von Blumenkästen noch verstärkt worden, erzählt Voss. Noch lieber hätte er gemauerte Vertikalen gehabt, doch die rund sechs Zentimeter breiten Metallelemente waren das Maximum, was er dem Eigentümer abringen konnte. Von Eignern werde immer wieder ins Feld geführt, dass es gerade bei Filialisten, die an der Sanierung eines Gebäudes finanziell oft maßgeblich beteiligt sind, schwierig sei, solche Veränderungen durchzusetzen.

Auch die Stadt hat nur begrenzten Einfluss. Eine Gestaltungssatzung existiert für den „Unterleib“ nicht. Ein großer Teil der vor rund 50 Jahren baulich veränderten Häuser genießt Bestandsschutz. Anders als bei Baudenkmälern, bei denen Auflagen möglich sind, erfüllen viele selbst heute die Voraussetzungen für derlei Genehmigungen. Dem Baurecht läuft nichts zuwider, auch wenn die Architektur der Größenverhältnisse nicht der Weisheit letzter Schluss ist, wie Voss erklärt. Somit bleibt es Geschmackssache.

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

Ich glaube, riesige Schaufenster sind nicht unbedingt schöner und generieren nicht automatisch mehr Einnahmen. Wo es hinpasst - okay. Aber dort, wo die Häuser an sich schon Schmuckstücke sind, passt es nicht. Ein in sich harmonisches Haus wirkt edler und adelt die dort präsentierte Ware. Die Umgestaltung sollte den Eigentümern eine Überlegung wert sein. Dass es funktioniert, zeigen andere Städte.



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