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Hamelns Häuser könnten einen genaueren Blick vertragen

Alter Kasten oder Denkmal?

HAMELN. Müssten in Hameln mehr Gebäude unter Denkmalschutz stehen? Für Archäologe Joachim Schween und Michael Voss von der Unteren Denkmalschutzbehörde ist die Antwort darauf eindeutig ja. Für die Erstellung eines Verzeichnisses schützenswerter Gebäude fehlen aber Geld und Personal.

veröffentlicht am 01.08.2016 um 08:36 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:46 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Hätte es nicht eine neue Fassade bekommen, gehörte das Rathaus unter Denkmalschutz gestellt. Damals, als BHW-Gebäude, verfügte es noch über eine Fassade aus Travertin, „ein als Quellkalk ausgefallener Kalkstein“. Auch die Elisabeth-Selbert-Schule am Langen Wall müsste seiner Ansicht nach in das Verzeichnis der Baudenkmale aufgenommen werden, sagt Archäologe Joachim Schween. Seit Jahren beobachtet er, wie in Hameln mit dem Thema umgegangen wird, besser gesagt, was von Hannover aus möglich ist – und was eben nicht.

Schween ist, genau wie Michael Voss von der Unteren Denkmalschutzbehörde bei der Stadt Hameln, Befürworter einer umfangreichen Erweiterung des Verzeichnisses auf Landesebene. Etliche Häuser aus den jüngeren Jahrzehnten sollten aufgenommen und somit besonders geschützt werden. Als Beispiel nennt Schween die Häuserzeilen in der Domeierstraße, „die im Krieg nichts abbekommen haben“. Gerade einmal zwei ältere Häuser dort stehen unter Denkmalschutz. Allein die Häuser aufzunehmen, reiche aber nicht aus, findet Schween. Er erinnert daran, wie massiv sich das Gesicht der Kaiserstraße verändert habe, auch weil dort fast alle Gärten verschwunden seien. „Historische Einfriedungen müssten berücksichtigt werden“, Vorgärten ebenso.

Im 18. Jahrhundert wurde damit begonnen, Denkmäler in Listen aufzunehmen. Mit einer sogenannten Fundamental-Inventarisierung, hatten die zentralen Denkmalbehörden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen. Weil die auch nach 100 Jahren noch nicht abgeschlossen war (und noch immer nicht ist), ging man dazu über, eine weniger genaue Schnellinventarisierung vorzunehmen. 1981 dann wurde in jedem Bundesland begonnen, eine Denkmaltopografie zu erstellen, die in mehreren hundert Bänden erschienen ist.

Die meisten Vorgärten an der Kaiserstraße sind verschwunden. Der Denkmalschutz hätte dies verhindern können. Foto: Wal

Für Niedersachsen liegen mittlerweile 32 Bände vor, von denen sogar drei in den CW Niemeyer Buchverlagen erschienen sind. Der bislang letzte Band wurde 2007 veröffentlicht. Für Hameln gibt es keine Denkmaltopografie.

Nicht zuletzt aus diesem Grund sprechen Michael Voss und Joachim Schween sich für eine Neuinventarisierung aus, in der Äußeres wie Inneres eines Hauses dokumentiert, erläutert und in die Liste aufgenommen wird. Dass sich dieser Wunsch erfüllt, scheint nahezu ausgeschlossen, wie Dr. Reiner Zittlau vom Landesamt für Denkmalpflege in Hannover schildert.

Seit 17 Jahren ist er dabei – während dieser Zeit seien zwei Drittel der Stellen abgebaut worden. „Mitte der 90er waren wir 45, 46 Leute beim Land“, sagt der stellvertretende Behördenleiter über die damalige Ausstattung seines Amtes. Heute sind es 17. An dem Aufgabenbereich habe sich unterdessen nichts verändert, was bedeute, dass Prioritäten gesetzt werden wollen. „15 Gebietsreferenten sind nur noch in dem Bereich tätig, Eigentümer zu beraten“, beschreibt Dr. Zittlau, wo die Prioritäten liegen. Eine Person arbeitet als Springer, eine weitere an Publikationen. Gibt es darüber hinaus Aufgaben, wie zum Beispiel die Begutachtung eines Hauses, das vielleicht unter Denkmalschutz zu stellen ist, erledigen Mitarbeiter sie „nebenher, auch abends“.

Damals, als die Denkmalschutzliste für Niedersachsen erstellt wurde, waren zusätzlich zum bestehenden Personal Zeitvertragsangestellte unterwegs, um die Gebäude zu sichten und zu beschreiben. Mehr als zwei Jahre hätten sie „Millionen von Kilometern hinter sich gelassen und sind von Haus zu Haus gegangen“, erzählt Zittlau. „Danach begann der Stellenabbau.“

Dabei sei es ein Trugschluss gewesen, nach dem Motto zu handeln: „Wenn’s einmal im Kasten ist, hat man Ruhe.“ 85 000 Objekte wurden aufgenommen, inzwischen würden es weit mehr, wenn auch die 60er-und 70er-Jahre-Bauten zu berücksichtigen wären. Zittlau rechnet: 300 000 Objekte à acht Stunden, die laut Zittlau notwendig wären, um eine qualifizierte Grundinfo zu bekommen. Das dafür und für viele andere Belange des Denkmalschutzes weder ausreichend Geld noch Personal zur Verfügung steht, nimmt Zittlau zwar bedauernd hin. Doch er weiß auch: „Es gibt in der Politik immer brennendere Themen als Denkmalschutz.“

Dass also für Hameln (und andere noch nicht derart erfasste Städte) auch noch eine Denkmaltopografie erstellt wird – zu diesem Zeitpunkt nicht denkbar. „Die Arbeit an einem Band beansprucht zwei bis drei Personenjahre in Vollzeit“, überschlägt Zittlau. Oder 200 000 Euro aus Drittmitteln, um einen solchen Band zu finanzieren. „Diese Summe zu beschaffen, ist in der Regel eine große Hürde.“

Drei Millionen Euro landesweit

Jährlich gibt das Land Niedersachsen etwa drei Millionen Euro als Anreiz für Eigentümer, ihre unter Denkmalschutz stehenden Gebäude zu sanieren. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, sagt Reiner Zittlau vom Landesamt für Denkmalpflege selbst. Diese Mittel dann für Antragsteller zu gewinnen, mache einen Großteil der Arbeit in einem insgesamt komplexen Gebiet aus. Eines mit komplexer Bürokratie, wenn es um Subventionen geht und das Kennen sämtlicher Stiftungen und anderer Geldgeber, die in diesem Bereich aktiv sind. Und zudem noch ein Gebiet, das „äußerst korruptionsgefährdet“ ist, wie Zittlau sagt.



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