weather-image
13°

Archäologen lassen Stämme von Werder-Baustelle untersuchen / Ältestes Fälldatum um 1329

Alte Pfähle als Zeitzeugen

HAMELN. Auf der Werder-Baustelle direkt neben der Münsterbrücke sind zahlreiche Holzpfähle zu Tage getreten. Die Archäologen Dr. Jens Berthold und Joachim Schween haben sie untersuchen lassen und einen Blick auf ihre Geschichte geworfen.

veröffentlicht am 18.01.2019 um 12:34 Uhr
aktualisiert am 18.01.2019 um 20:25 Uhr

Auf dem Betriebshof der Firma Otto lagern die alten Holzpfähle, die hier vom Schülerpraktikanten Hauke Bruns gereinigt werden. Foto: Berthold
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Wer dicht am Wasser baut, braucht ein besonderes Fundament, damit das Ergebnis nicht den Fluss runtergeht – heute wie früher. Tief in die Geschichte des Werders sind in den vergangenen Monaten die beiden Archäologen Dr. Jens Berthold und Joachim Schween eingedrungen: Auslöser waren Holzpfähle, die bei den Bauarbeiten an der Inselstraße 1 in etwa vier Metern Tiefe zum Vorschein kamen und von dem Hamelner Edward Menking gemeldet wurden.

Dort, wo Betonpfeiler eingespritzt werden sollten, die später das Büro- und Wohngebäude stützen müssen, kam zutage, was Menschen vor Hunderten Jahren unternommen haben, um die Fundamentierung für Bauten auf diesem Grund zu schaffen. Teils fast drei Meter lange Holzpfähle waren einst an dieser Stelle direkt neben der Münsterbrücke in den Boden getrieben worden. „Über 100 Pfähle haben wir gefunden“, erzählt Berthold, „mit 33 davon haben wir uns intensiv befasst.“ Er schwärmt von dem Fund („Pfähle sind für Archäologen schön“) und weiß darum, dass sie für einen Bauherren ärgerlich sind und ein Hindernis sein können. „Schön“ und „ein Glücksfall“ sind sie deshalb, weil ihr Alter teils sehr präzise bestimmt werden kann und oft sichere Rückschlüsse zulässt. Nachdem Berthold Skizzen von den Funden angefertigt – viereckig geschlagene, runde, kurze, längere, rechteckige mit Nut und andere mit Feder, zugespitzte – und sie kategorisiert hat, brachte er Holzscheiben nach Berlin ins Deutsche Archäologische Institut. Dort kann mit Hilfe der Dendrochronologie, der Jahresringforschung, und sogenannten Referenzkurven bestimmt werden, in welchen Jahrhunderten die Stämme am Werder verbaut wurden. Und sogar, wann sie gefällt wurden.

1329: Um dieses Jahr wurde der älteste Baum gefällt, der in diesem etwa 4 bis 25 Meter großen Teilstück zum Vorschein kam. Geht man davon aus, dass der Baum gleich nach dem Fällen eingesetzt und nicht erst zum Trocknen gelagert wurde, dann hat der zum Vierkant geschlagene und gespitzte Eichenstamm 690 Jahre an dieser Stelle gestanden. Jetzt lagert er zusammen mit den anderen Hölzern auf dem Betriebshof des Abbruchunternehmens Otto. Überwiegend waren es Eichen, die genommen wurden, daneben sind es Buchen, die nach den Erkenntnissen der Archäologen hier ganze Spundwände gebildet haben. Die anderen datierten Holzpfähle stammen laut der Untersuchungsergebnisse aus den Jahren 1415, zwei aus dem Jahr 1510, sieben „um 1635“ und nochmals sieben aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

4 Bilder
Dr. Jens Berthold (re.) und Joachim Schween (Mitte) erklären, was es mit den Holzpfählen auf sich hat. Hamelns Denkmalschützer Dirk Diekmann-Tirre (li.) befasste sich mit dem Projekt „Pfähle“, kurz nachdem er seinen Posten bei der Stadt angetreten hatte. Foto: DANA

Mit den Daten der naturwissenschaftlichen Analysen unterm Arm machte Joachim Schween sich im Hamelner Stadtarchiv auf die Suche nach Bauten, die zu jenen Zeiten an dieser Stelle gestanden haben könnten. Zusammengefügt ergaben die Puzzleteile aus alten Stichen, Fotos, Skizzen und Jahreszahlen das Ergebnis: „Die erheblich älteren Pfähle haben vermutlich mit Brücken zu tun“, sagt Schween. Für das Jahr 1329 findet er im Hamelner Urkundenbuch einen Eintrag, der sinngemäß so lautet: Wer jährlich Brückenholz liefert, muss kein Brückengeld zahlen.

Schween schließt daraus, dass in alter Zeit an dieser Stelle ein Pfeiler der Holzbrücke auf eben diesen Pfählen gestanden hat.

An den Brücken habe damals kontinuierlich gearbeitet werden müssen, um Schäden zu reparieren, die durch Hochwasser und Eisgang entstanden seien. Einen weiteren Hinweis, den Schween gefunden hat, führt zur „Langen Brücke“, die im Jahr 1552 erneuert werden musste. „Mit den Mühlen auf dem Werder geht es erst später los“, erzählt Schween. Die erste Getreidemühle sei an dieser Stelle um 1635 gebaut worden – was ebenfalls zu den gefundenen Pfählen passt. Und Mitte des 19. Jahrhunderts, um 1865 und 1887, entstand dort „eine der modernsten Mühlen Deutschlands“ – ebenfalls auf Eichenpfählen gegründet und mit Spundwänden aus Buchen.

Einige der Funde sollen im Foyer des künftigen Gebäudes ausgestellt werden, habe Christoph Kerstein dem Hamelner Denkmalpfleger Dirk Diekmann-Tirre gegenüber bereits signalisiert. Für die Aufbereitung und alle nötigen Informationen, die im Zusammenhang mit den Pfählen vermittelt werden können, stehen dann die Archäologen wieder zur Verfügung.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt