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Eine Hamelnerin über ihre Zeit in Magdeburg

Als Wessi zu den Ossis

Hameln/Magdeburg. Magdeburg also, eine Stadt, in der ich zuvor nie gewesen war. Jetzt sollte sie für zwei Jahre mein Studienort und Zuhause werden. Mit keiner genauen Vorstellung, was mich erwartet, fuhr ich nach Sachsen-Anhalt – und kam schneller als gedacht im Vorurteil des Ostens an. Denn hinter der Abfahrt der Autobahn 2 präsentiert sich die Universitätsstadt von ihrer schlechten Seite: Plattenbau reiht sich an Plattenbau, ein Gebäude grauer, höher und anscheinend verwohnter als der Betonklotz daneben; drumherum nur wenig Grün, dafür aber Tankstellen, Discounter und leere Industriebauten.

veröffentlicht am 15.11.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 01:21 Uhr

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Autor:

von svenja-a. möller
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Dieser erste Eindruck verflüchtigte sich jedoch sehr bald. Denn die Stadt wie auch die Otto-von-Guericke-Universität haben mit den gängigen Klischees des Westlers nichts gemein. Sächselnde Ossis in der Platte, gefangen im Mief der 50er Jahre, sich hilflos an ihre letzten Nudossi-Gläser und Spreewald-Gurken klammernd? Das habe ich im Osten nicht gefunden. Stattdessen gab es Wohngemeinschaftszimmer in wunderschönen Altbauten mit Stuckdecken zu bezahlbaren Preisen, moderne Hochschulräume und aufgeschlossene Kommilitonen. In meinem Germanistik-Studiengang – mit nur 14 Studierenden – war ich jedoch eine „Minderheit“. Der Großteil meiner Kommilitonen kam aus ostdeutschen Bundesländern: Berlin, Thüringen, Sachsen-Anhalt. Als „Wessi“ zu den „Ossis“? Darüber hatte ich gar nicht nachgedacht. Warum eine Grenze ziehen, wo schon lange keine mehr ist?

Entgegen allen Klischees hießen meine Mitstudenten in Magdeburg nicht Cindy, Mandy, Maik oder Enrico, sondern Katrin, Linda, Robert und Nils. Ab und zu fragten mich meine ostdeutschen Bekannten, warum ich mich für Sachsen-Anhalt entschieden habe. Warum hast du nicht in Hannover studiert?

Einer Statistik der Kampagne „Mein Campus – vom Studieren in Fernost“ zufolge, entscheiden sich immer mehr Studienanfänger zu diesem Schritt. Auf einen ostdeutschen Studenten im Westen kommen durchschnittlich etwa zwei westdeutsche Hochschüler im Osten. Ein Zusammenschluss von 35 Hochschulen versucht mit dieser Image-Kampagne, junge Leute vom Lernen und Leben in „Fernost“ zu überzeugen. Dafür reist das Team auch schon mal mit einem Werbe-Bus quer durch Deutschland.

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„Beste Uni wo gibt!“ Studenten setzten sich im Frühjahr mit einer Sitzblockade für „ihre“ Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg ein, als Sachsen-Anhalts Regierung die Gelder im Hochschulbereich kürzen wollte. Auch die Hamelnerin Svenja-A. Möller beteiligte sich an den Protesten. dpa

In einer Umfrage der Kampagne nannten unter 500 befragten Ost-Studierenden 58 Prozent, dass die gute Qualität der Lehre ein Grund für ihre Studienort-Entscheidung gewesen sei. Jeweils mehr als jeder Zweite verwies auf das umfangreiche Angebot der Studienfächer, auf die niedrigen Lebensunterhaltungskosten und die guten Jobaussichten nach dem Studium. Auch wenn für mich klar war, dass ich Magdeburg nach dem Abschluss wieder verlasse, kann ich mich diesen Argumentationen nur anschließen.

Die Universitäten in den neuen Bundesländern sind bekannt dafür, modern ausgestattet zu sein. Vieles wurde nach der Wiedervereinigung neu gebaut, gut saniert und technisch auf den neuesten Stand gebracht. Durch die meist kleinere Zahl der Studierenden sind die Seminare privater, informativer, diskussionsfreudiger. In Marburg mit seinen mehr als 20 000 Studenten saßen wir hingegen in überfüllten Seminaren auf dem Fußboden oder der Fensterbank, versuchten einen Blick auf den Professor zu erhaschen.

Den großen „kulturellen“ Unterschied, den manche zwischen Ost und West vielleicht zu sehen glauben, konnte ich während meiner Zeit in Magdeburg nicht feststellen: Broiler, Soljanka und Würzfleisch standen nie auf der Speisekarte der Mensa. Der einzige schmeckende Unterschied: Pfeffi, einen allseits beliebten Pfefferminzlikör, hatte ich nicht gekannt – und irgendwie habe ich ihn auch nicht lieben gelernt. Ebenso kann ich der Bambina-Schokolade bis heute nichts abgewinnen.

Magdeburg ist eine sehenswerte Stadt, in der es sich gut studieren und leben lässt. Der Dom, das Hundertwasserhaus und der Elbauenpark bieten sich für einen Ausflug an. Doch allen, die irgendwann einmal in die „Otto-Stadt“ reisen möchten, sei ein alles entscheidender Tipp gegeben: Die Magdeburger mögen es gar nicht, wenn man nicht versteht, dass der Name der Stadt nichts mit der Magd zu tun hat. Er spricht sich mit einem sehr kurzen A. Wer es schafft, es so auszusprechen, hat das Herz der Magdeburger schnell gewonnen – und wird vielleicht auch auf einen Pfeffi eingeladen. Ob der schmeckt, kann dann jeder selbst beurteilen.

Als sich die Hamelnerin Svenja-A. Möller vor sechs Jahren einen Studienplatz suchte, entschied sie sich zunächst fürs hessische Marburg. Später, zum Beginn des Masterstudiums, wollte sie in eine andere Stadt wechseln. Und ging nach Magdeburg. Ohne West-Ost-Barriere im Kopf. Ein Selbsterfahrungsbericht.



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