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Gefasst!

Als Team im Einsatz: Diensthundführer und ihre Vierbeiner

HAMELN. Die Diensthundführer Hameln haben ihre Dienststelle auf dem Wouldham-Camp an der Ohrschen Landstraße. Wenn sie für den Einsatz trainieren, geht es richtig zur Sache. Wir waren dabei.

veröffentlicht am 14.08.2017 um 13:43 Uhr
aktualisiert am 14.08.2017 um 15:20 Uhr

Oskar beißt sich erfolgreich im Anzug des Einbrechers fest und lässt erst wieder locker, wenn Herrchen Jürgen es befiehlt. Foto: DANA
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Als der Schuss fällt, zucken manche zusammen. Oskar nicht. Er rennt dem Mann, der geschossen hat und jetzt über die Wiese abhauen will, unbeirrt hinterher, holt ihn ein und beißt sich im Bein fest. Der Schütze geht zu Boden und bleibt liegen. „Aus!“ Oskar löst seinen Kiefer aus dem Oberschenkel – „Platz!“– und legt sich direkt neben Jürgen Brandt.

Die beiden sind ein Team. Brandt ist Oberkommissar und Diensthundführer der Polizeidirektion Göttingen, Oskar (3,5 Jahre) ist ein Malinois und ausgebildeter Schutzhund und muss täglich trainieren, was im Einsatz von ihm verlangt werden könnte. Ihre Dienststelle könnte kaum schöner liegen: an der Weser, umgeben von sattem Grün, weite Flächen, an der Bundesstraße – das Wouldham-Camp ist ideal für ihre Zwecke.

Seit zwei Jahren ist die Diensthundführergruppe Hameln, eine von vieren der PD Göttingen, nicht mehr zusammen mit den Kollegen in der Lohstraße untergebracht, sondern auf dem ehemaligen Übungsgelände der Briten an der B83. Ein Gebäude, das die Engländer hinterlassen haben, dient acht Beamten als Dienststelle. Von hieraus – oder von zuhause – werden sie abgerufen, um zum Einsatz zu fahren. Tagsüber oder in der Nacht, in der Woche oder am Wochenende. „Wir sind nicht viele, aber wir sollen alles machen“, schildert Polizeihauptkommissar Stefan Rahlwes, Staffelleiter der Diensthundführerstaffel der PD Göttingen, die Umstände, unter denen Diensthundführer arbeiten. G20-Gipfel in Hamburg, G7 in München, Tag der Deutschen Einheit in Mainz, Einbruch hier, Drogen im Auto dort. Für die Polizeidirektion Göttingen sind „34, 35 Hunde im Einsatz“, die zentral eingekauft werden. Familientauglich ist der Job nur dann, wenn die Familie mitzieht, bereit ist, unberechenbare Arbeitszeiten des Partners zu akzeptieren und die eigenen Bedürfnisse mit denen eines Polizeihundes abzustimmen.

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Im Ernstfall rüsten Demonstranten oft massiv gegen die Vierbeiner auf und stellen sich ihnen in der ersten Reihe entgegen – mit dem Ziel, die Tiere zu verletzen, erzählt Polizeihauptkommissar Stefan Rahlwes. Foto: DANA

Hauptkommissar Marc Martinez hat, wie viele seines Berufsstandes, inzwischen sogar zwei Hunde. „Es gibt einen Kodex, nach dem die Männer oder Frauen ihre Hunde auch dann noch behalten“, wenn die Vierbeiner nicht mehr arbeiten müssen, erzählt Rahlwes. Zwischen Hund und Polizist entstünden enge Beziehungen, und der Hund gehöre meistens zur Familie. Zu Martinez gehört also Half, ein erfahrener Sprengstoffspürhund mit ergrauter Schnauze. Elfeinhalb Jahre alt ist er, was ihn zum dienstältesten Vierbeiner am Hamelner Standort macht. Häufig ist im Alter von neun Jahren Schluss mit der anstrengenden Polizeiarbeit. Half steuert auf den Ruhestand zu, während Jungspund Henk (1,5 Jahre) sich mitten in der Ausbildung befindet.

„Überlappung“ heißt diese Phase der Arbeit mit zwei Hunden, wie Rahlwes erzählt. „Eine aufwendige Geschichte“, doch erstrebenswert, weil sonst der Polizist lange für Einsätze mit Hund ausfiele. Sechs bis neun Monate dauere die Grundausbildung des Hundes zum Schutzhund, danach folgen möglicherweise, je nach Eignung, Spezialisierungen: auf Sprengstoff, Drogen, Leichen und Blut, Brandmittel, Geldscheine. Für Leichen- und Blutspürhunde gibt es noch die Zusatzqualifikation „Wassersuche“. Auch dafür bietet Wouldham das perfekte Gelände: mehrere Rampen führen direkt in die Weser, von denen aus die Hunde problemlos ins Wasser gehen können. Altes Schweinefleisch, das schon leicht gammelt, ersetzt Menschenfleisch beim Wasserleichen-Training. Für dieses Training kommen auch Kollegen anderer Dienstführergruppen nach Hameln. „Viele beneiden uns um unseren Arbeitsplatz“, sagt Martinez. Bislang hat die Polizei das Gelände von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) nur gemietet. Doch die Kaufverhandlungen laufen. Den Großteil des Geländes will die Stadt Hameln zum naturgeschützten Auwald werden lassen.

Zurück zum rauen Training. „Hier ist die Polizei! Verlassen Sie das Gebäude. Hier ist die Polizei, verlassen Sie das Gebäude, sonst lassen wir den Hund rein!“ Jürgen Brandt brüllt durch die Tür in das Gebäude, das die Männer „Pavillon“ nennen, und in dem sich Umkleidekabinen für die britischen Soldaten befanden. „Wir drohen die Hunde immer an“, bevor die Männer beim Einsatz in ein Haus gehen, erklärt Martinez. So hätten Unbeteiligte noch die Chance, dem Hund, der es kaum erwarten kann, seinen Job zu machen, zu entkommen.

Oskar bellt. Und bellt. Und – endlich, die Leine hält ihn nicht länger zurück. Er stürmt hinein und sucht nach dem Einbrecher, findet ihn in einem Raum, in den eine Durchreiche führt, springt hindurch, und schnappt sich den Oberschenkel. Die Backenzähne rammen mit 160 Kilogramm pro Quadratzentimeter ins Fleisch, sagt Rahlwes. Der Einbrecher wird von Brandt und Oskar nach draußen begleitet. Schuss. Der Rest ist bekannt. Oskar hat ganze Arbeit geleistet und darf zur Belohnung, endlich, einfach ein bisschen mit seinem Herrchen spielen.

Ohne den dicken Schutzanzug gäb’s tiefe Wunden, mit können immerhin noch stattliche blaue Flecken von dem Angriff zeugen. „Wenn der Hund den Knochen erwischt, wird’s blau“, sagt „Einbrecher“ und Oberkommissar Oliver Köppen, als er den Helm abnimmt und sich schwitzend aus dem Anzug schält. „Hetzanzug“ heißt das Kleidungsstück im Fachjargon, kann über 1000 Euro kosten und lässt seine Träger zum schwarz-grauen Michelin-Männchen werden. Dass Köppel dabei nur dünne Lederhandschuhe trägt, scheint widersinnig. Das gehe nur, weil er wisse, wie er seine Hände schützen müsse, sagt er. Auch dieser Part des Gejagten will geübt sein und ist Teil der Ausbildung. Nur wenige Polizisten wollen die allerdings absolvieren.

„Wir haben massive Nachwuchsprobleme“, schildert Rahlwes. „Wir hätten hier noch eine Stelle, aber wir kriegen die nicht besetzt.“ Die Voraussetzungen für den Einstieg in die Gruppe der Diensthundeführer, fasst Rahlwes knapp zusammen: „Mann, Frau, hundeaffin, Polizei.“ Viel Mühe, wenig extra Geld für den höheren Aufwand und die Einschränkungen – aber der Hauptlohn liegt vielleicht in einem felligen Freund, der ergebener und treuer kaum sein könnte.



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