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Die lange und dramatische Geschichte der Sanierung begann vor einem halben Jahrhundert

Als die Altstadt „bereinigt“ werden sollte

Hameln. Das Thema Altstadtsanierung sollte Verwaltung, Politik und Bürger für die nächsten Jahre und gar Jahrzehnte in einem Ausmaß beschäftigen, das wohl keiner der Verantwortlichen damals erwartet hat. Und das Mammutvorhaben ruft auch zahlreiche Kritiker auf den Plan, die nicht zulassen wollen, dass historisch wertvolle, wenn auch teilweise verwahrloste Bausubstanz der zunächst noch favorisierten „Flächensanierung“ zum Opfer fallen soll.

veröffentlicht am 03.02.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 03:21 Uhr

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Autor:

Christa Koch
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Wie die Dewezet am 8. Februar 1964 schreibt, hat das Thema Altstadtsanierung schon lange in der städtischen Bauverwaltung geschmort, wird aber erst nach einem verheerenden Brand in der dicht besiedelten Baustraße zwei Jahre zuvor wieder aus den Schubladen geholt. Schon im Januar 1964 fasst der Rat also einen Beschluss, mit dem sich die Stadt ein besonderes Vorkaufsrecht für Grundstücke in der Altstadt sichert. Die Aufstellung von Bebauungsplänen soll „zur Beseitigung städtebaulicher Missstände“ dienen – eine Umschreibung für den geplanten Abriss heruntergekommener Häuser. „Besonders dringend“, heißt es in dem Zeitungsartikel, „ist ein solcher Plan für das Gebiet zwischen Osterstraße und der Neuen Marktstraße“, dem heutigen Kopmanshof, der als Entlastungs- und Erschließungsstraßen dienen soll. Auf freiwilliger Basis erzielt die Stadt vorerst aber keine Einigung mit den Grundstückseigentümern. Sie erklärt die Anliegerstraße schließlich zur verbindlichen Bauleitplanung. Eine Enteignung wird vermieden.

Stufenweise solle dann die „Bereinigung“ in weiteren sechs Altstadtbereichen erfolgen, heißt es. Selbstverständlich werde es das Bestreben der Stadt Hameln sein, den Altstadtcharakter zu erhalten. Das werde nach Auffassung des Stadtbaurats Dr. Schrader wesentlich leichter sein, wenn das Hinterland der historisch wertvollen Gebäude „entkernt“ und von zahlreichen Nebengebäuden und alten Schuppen und Ställen befreit werde, die meist ihren Sinn verloren hätten.

Wenn da nur nicht die Kosten wären! „Vor allem die Wohnungs-Sanierung dürfte sehr teuer werden, da sich im Bereich der Hamelner Altstadt allein 2600 Wohnungen befinden. 600 sanierungsbedürftige Wohnungen hat man im weiteren Bereich der Altstadt ermittelt“, schreibt die Dewezet. Und kommentiert: „Es ist daher verständlich, dass von der Stadt Hameln diese Aufgabe zunächst zurückgestellt wird und dass man sich vorerst den Fragen der Feuersicherheit und der Verkehrsverbesserung zuwendet.“ Autos statt Menschen?

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Hoffnung angesichts der finanziellen Misere der Stadt kommt dann aber aus Bonn. Hameln wird zur Modellstadt für Altstadtsanierung erklärt, es gibt Zuschüsse in nicht erwarteten Dimensionen, auch für private Bauherren. Doch weil man im politischen Raum nach wie vor zunächst über den Abriss vieler alter Häuser in Hameln nachdenkt, formiert sich Widerstand. Unter denen, die sich mit viel Zivilcourage gegen die vorgesehene „Bereinigung“ wenden, ist damals Elsa Buchwitz. „Trümmer-Elsa“, wie sie später spöttisch-liebevoll genannt wird, mobilisiert Mitstreiter, mit denen sie ihren Protest organisiert, teilweise in mutigen Nacht- und Nebelaktionen. Ihre heimlichen Plakatklebereien machen sie zu einem Ärgernis für Teile der Politik und der Verwaltung, doch die steht dem Treiben der streitbaren Bürgerin hilflos gegenüber. Der Kampf von Elsa Buchwitz mündet später in großes Engagement als Abgeordnete der CDU im Hamelner Rat; anlässlich ihres Todes Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts wird sie als „Retterin der Altstadt“ bezeichnet, im Scharnhorstviertel eine Straße nach ihr benannt.

Und die Abkehr von der Flächensanierung, die von nicht wenigen als Zerstörung empfunden wird, führt schlussendlich dazu, dass nicht nur Häuser, sondern ganze Straßenzüge in neuem Glanz erstrahlen. Grundlage dafür ist eine Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und FDP aus dem Jahre 1974, die sich dafür aussprechen, die Kleine Straße, die ursprünglich dem Abrissbagger zum Opfer fallen sollte, zu erhalten und zu sanieren, zumal auch Oberbürgermeister Dr. Walter-Dieter Kock bemängelt, dass manche Häuser zu früh abgerissen worden sind. Ehemalige Bewohner können sich die Wohnungen später trotzdem noch leisten – sie haben dank der hohen öffentlichen Förderung Vorrang. Ganz ohne Zuschüsse renoviert übrigens Elsa Buchwitz selbst liebevoll ihren „Pfannekuchen“ in der Hummenstraße, heute ein beliebtes kleines Lokal.

Auch die Sanierung der städtischen Gebäude wird in Angriff genommen: Perlen der Weserrenaissance wie das Rattenfängerhaus aus dem Jahre 1602 oder das Hochzeitshaus werden renoviert, ebenso die Kurie Jerusalem oder das „Bürgerhus“ aus dem Jahre 1565 an der Kupferschmiedestraße und das Lückingsche Haus in der Wendenstraße. Noch gibt es allerdings deutschlandweit kaum Experten, die sich mit so etwas auskennen. Mit der Folge, dass unsachgemäß verwendete Materialien Bauschäden verursachen und dazu führen, dass diese Gebäude später ein weiteres Mal mit hohem Kostenaufwand saniert werden müssen.

Parallel zu den Gebäudesanierungen laufen auch die Bestrebungen, den Verkehr aus der Innenstadt zu verbannen, und zwar mithilfe sogenannter „Fußgängerstraßen“. Baubeginn für die erste Fußgängerzone in Hameln, die Osterstraße, ist 1975. Doch auch die Pläne der Architekten Panzer/Kostros sind nicht unumstritten: Die Geschäftsinhaber fürchten Umsatzeinbußen, wenn nicht jeder Kunde mehr mit dem Auto bis vors Geschäft fahren kann. Sie nennen die Stege, die zu ihren Läden führen, die „Seufzerbrücken des Einzelhandels“. Und viele Bürger stören sich an den modernen Kugellampen, weshalb die Dewezet sogar eine Leserbefragung durchführt.

Knapp 40 Jahre sind seither vergangen – die Fußgängerzone, inzwischen offenbar nicht mehr zeitgemäß, ist nach vielen kontroversen Debatten inzwischen weitgehend erneuert worden. Letzte Arbeiten stehen nur noch am Münsterkirchhof, in der Emmern- und der Ritterstraße sowie am Tunnel Grüner Reiter an.

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„Die Altstadt soll aufgelockert werden“, titelte die Dewezet vor 50 Jahren. Kaum jemand ahnte seinerzeit, wie viel Zündstoff sich hinter dieser harmlosen Schlagzeile verbarg.

Heute Schmuckstück, einst Problemfall: die Hamelner Altstadt. Ein Blick in die Bäckerstraße der 1950er Jahre. Unten: der Dewezet-Bericht aus dem Februar 1964.Dana

Drastische Veränderung: der Kopmanshof während der Sanierung in den 1970er Jahren (li.) und die Einfahrt zum heutigen Parkhaus.

Museum Hameln/Dana



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