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AKW-Gegner kritisiert Öko-Strom-Vorstoß

veröffentlicht am 20.05.2011 um 09:14 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:35 Uhr

Hameln (bha). Atomkraft, nein danke! Mit der eingeschlagenen Richtung können sich Vertreter der Stadt Hameln bald den Protestbutton der Anti-Atomkraftbewegung ans Revers heften. Umweltschützer begrüßen zwar den Beschluss der Politiker, für städtische Gebäude und Anlagen künftig keinen Atomstrom mehr zu beziehen, dennoch gibt es Anlass, sich zu wundern und zur Kritik.

„Sehr vage formuliert“ sei der Antrag der Fraktionen, bemängelt Ralf Hermes vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Zwischen „kein Atomstrom“, „Ökostrom“ und „Naturstrom“ bestehen Unterschiede und die Stadt habe sich auch mit dem Beschluss nicht eindeutig bekannt, Strom ausschließlich aus regenerativen Energien zu bestellen.

Der Initiator des Antrages, Uwe Schoormann (SPD), legt sich auf Nachfrage und Abwägen selbst zunächst nur auf „kein Atomstrom“ fest. „Alles andere kann später noch diskutiert werden“, sagt Schoormann, der nach eigener Aussage froh ist, über alle Fraktionen hinweg mit dem Antrag eine seltene Einigkeit erzielt zu haben. Die Stadtwerke Hameln wissen, was sie im Vorfeld angeboten haben und erklären, was die Stadt künftig bei entsprechendem Ratsbeschluss erhalten würde: „Es ist Ökostrom ausschließlich aus erneuerbaren Energien“, sagt Stadtwerke-Sprecherin Nathalie Schäfer. Strom aus Kohlekraft oder Gas sei damit nicht gemeint gewesen.

Ralf Hermes habe sich dagegen gewünscht, dass es seitens der Politik ein klares Signal zum „Naturstrom“ der Stadtwerke gibt. Dieses Produkt, das vor zehn Jahren ins Portfolio des Energieversorgers aufgenommen wurde, ist mit dem „Gütesiegel in Gold“ durch den Verein „Grüner Strom Label“ ausgezeichnet und von Umwelt- und Verbraucherverbänden zertifiziert. Der Unterschied zum Ökostrom: Wer „Naturstrom“ kauft, sorgt mit seinem Geld dafür, dass in neue Anlagen investiert wird, die erneuerbare Energien erzeugen. 1,5 Cent pro Kilowattstunde mehr als andere Stromtarife kostet das Produkt fürs gute ökologische Gewissen. Was tatsächlich aus der Steckdose kommt, bleibt ein Mix aus allen Energiequellen. Doch je mehr Abnehmer Öko- und Naturstrom verlangen, desto geringer wird der Anteil an Atomstrom.

Auf 40 000 Euro haben die Antragsteller die Mehrkosten nach Gesprächen mit den Stadtwerken beziffert, die das Umsatteln auf Ökostrom für städtische Einrichtungen im Stadtkern nach sich zöge. Hinzu kommen weitere Kosten, wenn alle städtischen Gebäude, Straßenbeleuchtung und Ampeln auch in den Ortsteilen mit Ökostrom betrieben würden. Denn 20 Prozent des Stroms, den die Stadt bezieht, erhält sie derzeit noch von e.on Westfalen Weser. Die Stadt rechnet laut Erstem Stadtrat Eckhard Koss unter Berücksichtigung aller Einrichtungen dann mit einer Stromrechnung, die geschätzt um etwa 55 000 Euro höher läge.

Hinter vorgehaltener Hand sagen Umweltexperten, dass die Summe zum jetzigen Zeitpunkt sinnvoller investiert wäre, würde die Stadt sie in energetische Maßnahmen stecken, statt Strom zu beziehen, dessen Kauf nicht einmal den Neubau von beispielsweise Windkraftanlagen fördere. Vor zehn Jahren wäre dieser Akt wirklich sinnvoll gewesen, krittelt Hermes an dem Vorhaben herum, ohne die Stadt wirklich schelten zu wollen. „Wir begrüßen den Antrag“, den Atomausstieg zu unterstützen, „ausdrücklich.“

Die von der Verwaltung vorerst geschätzten 55 000 Euro Mehrkosten für Ökostrom machen 2,7 Prozent vom Gesamtbetrag aus, den Hameln für den im Jahr 2010 bezogenen Strom bezahlen muss: 2,037 Millionen. Andere Städte haben sich ebenfalls gegen Atomenergie ausgesprochen, fahren damit aber zum Teil günstiger: Neckarsulm in Baden-Württemberg nimmt für den Bezug von Ökostrom Mehrkosten in Höhe von 10 500 Euro pro Jahr in Kauf. Die schwäbische Stadt mit 27 000 Einwohnern hat einen Liefervertrag mit der EnBW über 4,1 Megawattstunden pro Jahr abgeschlossen. Korbach in Hessen zahlt für 2,5 Megawattstunden künftig 7000 Euro pro Jahr mehr (1,4 Prozent plus). Die 96 000-Einwohner-Stadt Iserlohn in Nordrhein-Westfalen gibt an, kostenneutral auf Ökostrom umzusteigen. Für die Stadt, die jährlich etwa 8,1 Gigawattstunden (GWh) verbraucht, fielen durch die Umstellung keine Mehrkosten an, erklärt Bürgermeister Dr. Peter Paul Ahrens.

Mögliche Unterschiede zwischen den Stadtwerken und den Bezugspreisen begründet Nathalie Schäfer vom Hamelner Energieversorger, indem sie die Besonderheit des eigenen Ökostroms hervorhebt: „Bei uns ist die ökologische Herkunft garantiert“ und stammt aus Deutschland.

Zu seinem Stromverbrauch im vergangenen Jahr kann Hameln keine Zahlen liefern; die jüngste veröffentlichte Zahl stammt aus dem Energiebericht 2007. Danach wurden im Vorjahr 11,147 Megawattstunden bezogen (das 2,7-fache von Neckarsulm) für gut 1,6 Millionen Euro.

Um den steigenden Energiekosten Einhalt zu gebieten, hat Hameln mithilfe des Konjunkturpaketes II zahlreiche energetische Maßnahmen an Schulen vorgenommen und in ein Energie-Controlling investiert, dass den Strombedarf der städtischen Liegenschaften exakt ermitteln soll. Bislang gab es beispielsweise am Schulzentrum Nord nur einen Zähler, so dass der Verbrauch der einzelnen Gebäude nicht zu ermitteln war. Wie viel Energie bislang eingespart wurde, kann die Stadt noch nicht sagen.

Ob und an welcher Stelle die Mehrkosten für Ökostrom eingespart werden sollen – dazu gibt es offenbar noch keine konkreten Überlegungen. Die Verwaltung verweist auf die Politik, und die Politik wartet zunächst die Prüfergebnisse der Verwaltung ab.



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