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Heute gehört er den Fledermäusen

Adventskalender Tür 19: Der Klüttunnel

Bis Weihnachten wollen wir für Sie, liebe Leserinnen und Leser, Türen öffnen. Die Redaktion besucht Orte, die nicht für jedermann zugänglich sind und verrät das eine oder andere Geheimnis, das hinter dem Türchen steckt. Heute: ein Blick in den verschlossenen Klüttunnel

veröffentlicht am 19.12.2017 um 06:00 Uhr

Tunnelblick unterm Klüt. Rainer Marcek (re.) , Fledermausbetreuer des Landkreises, ist heute der einzige, der den ehemaligen Eisenbahntunnel betritt. Fotos: juni
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

HAMELN. Es gibt Orte, die einem im Traum begegnen, ohne dass man sie jemals wirklich gesehen hat. Für viele jüngere Hamelner ist der stillgelegte Klüttunnel ein solcher Ort. Man hat von ihm gehört, weiß, dass es ihn gibt, kennt vielleicht jemanden, der jemanden kennt, der – angeblich – schon mal drin war.

Die Älteren müssen sich auf solche Geschichten nicht verlassen. Sie konnten auf der Bahnstrecke zwischen Hameln und Lage noch hindurchfahren durch diesen Tunnel, der in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts oberhalb der Pyrmonter Straße durch den Berg getrieben und 1980 stillgelegt wurde. Oder einfach hineingehen, bevor man den Eingang versperrte.

Heute ist das nicht mehr möglich. Ein Gitter schützt den Tunnel vor Besuchern, die ihn beschädigen könnten. Und die Besucher vor dem Tunnel, der sie beschädigen könnte. Ab und zu löst sich ein Stein aus dem Gewölbe und stürzt ins Gleisbett. Die Wände sind feucht, der Schotter uneben, und die gemauerten Trittsteine, an denen man in den Seitenschächten emporklettern kann, vielleicht nicht mehr überall stabil. Dunkel ist es auch.

4 Bilder

Die Fledermäuse stört das nicht. Sie sind der eigentliche Grund für das Gitter am Tunneleingang. Sie mögen keine Besucher. „Wenn sie zu oft im Winterschlaf gestört werden, können sie sterben“, erklärt Rainer Marcek, der Fledermausbetreuer des Landkreises. Er sagt das ganz sachlich, aber man hört, dass es ihn nicht kaltlässt. Die verhältnismäßige Wärme von konstanten acht Grad Celsius und die Menschenleere des 316 Meter langen Tunnels lockten früher nicht nur Fledermäuse an.

Bevor das Gitter vor seinem Eingang durch eine schwer verriegelte Tür ergänzt wurde, kamen oft Leute hierher, denen die geschützten Tiere egal waren. Manche blieben auch länger als eine Nacht. Noch immer liegen Matratzen in einem der Seitenschächte. Jemand hat sie über die Trittsteine in eine Nische geschleppt, gute drei Meter über dem Boden und dort wohl den Winter verbracht.

Seitdem der Eingang endgültig versperrt ist, ist Marcek der Einzige, der den Tunnel betritt. Einmal im Jahr öffnet er die Tür und kontrolliert die Fledermauskästen, die an den Wänden befestigt sind.

In den Träumen mancher Hamelner hängen tausende Fledermäuse an der Tunneldecke. In Wirklichkeit sind es 170 Zwergfledermäuse, und sie wohnen lieber in ihren Kästen als von der Decke zu hängen. Es ist eines der größten bekannten Vorkommen dieser Art in Niedersachsen. Auch Wasser- und Bartfledermäuse hat Marcek schon im Tunnel entdeckt. Ab Oktober fliegen die Tiere nach und nach ein und beziehen ihr Winterquartier.

„Sie ist noch wach“, sagt der Fledermausbetreuer nach einem Blick in den Kasten und nimmt den winzigen Flugsäuger behutsam in die Hand. Manche Hamelner träumen von aufgeregtem Flattern und schrillem Fiepen, wenn sie an den Tunnel denken. Die Zwergfledermaus in Marceks Hand tut nichts dergleichen, sondern blinzelt bloß, bevor sie zurück in ihren Kasten gesetzt wird.

„Früher hatten viele Leute Angst vor ihnen. Jetzt finden die meisten sie ganz sympathisch“, sagt der Fledermausfachmann, der die geschützten Tiere im ganzen Landkreis betreut. Eigentlich betreut er aber mehr die Menschen, denen Fledermäuse dort begegnen, wo man sie nicht erwartet. Unter dem Bodenbelag eines Balkons zum Beispiel. Oder in einer Wohnung, die längere Zeit unbewohnt war und von gleich dreißig Tieren als Quartier bezogen wurde.

„Ich könnte ein Buch über Menschen und ihre Fledermaus-Geschichten schreiben“, sagt Marcek halb im Scherz, als er aus der Dunkelheit des Tunnels in die Dunkelheit der Nacht hinaustritt und die Tür hinter sich schließt. Vielleicht denkt er dabei auch an die Tunnel-Träume mancher Hamelner, die nicht wissen, wie es hier wirklich ist.



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