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Sieben Kubikmeter gesiebte Luft / Wir öffnen ein Türchen im Polizeigewahrsam

Adventskalender Tür 14: Im „Loch“ gibt’s sogar Zimmerservice

Bis Weihnachten wollen wir für Sie, liebe Leserinnen und Leser, Türen öffnen. Die Redaktion besucht Orte, die nicht für jedermann zugänglich sind und verrät das eine oder andere Geheimnis, das hinter dem Türchen steckt. Heute: ein Blick in die Tür der Zelle Nummer 1 im Gewahrsamstrakt der Polizei Hameln.

veröffentlicht am 14.12.2017 um 06:00 Uhr

Die Gewahrsamszelle ist nur 2,72 Meter mal 2,20 Meter groß.
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

HAMELN. Sie ist grau, aus zentnerschwerem Stahl und füllt eine schwarz lackierte Zarge. Rechts oben und unten sind silberfarbene Riegel angebracht, in der Mitte befindet sich eine abschließbare Klappe, darüber ist ein Guckloch. Wer vor dieser Tür steht, steht entweder im Verdacht, etwas ausgefressen zu haben – oder er hat sich völlig danebenbenommen. Es ist die Tür der Zelle Nummer 1 im Gewahrsamstrakt der Polizei Hameln. Hier hat schon Nurettin B., der sogenannte „Blutschleifer von Hameln“, auf seine Haftvorführung gewartet. Am Abend des 20. November 2016 hatte er versucht, seine Ex-Frau Kader K. auf besonders grausame Weise zu töten.

Auch der als „Mast-Kletterer“ in die heimische Polizeigeschichte eingegangener Mann hat hier schon seinen Rausch ausgeschlafen. Der weiß geflieste Raum ist klein, er misst 2,72 Meter mal 2,20 Meter. Hauptkommissar Jörn Schedlitzki hat es ausgerechnet: Wer hier sitzt, atmet sieben Kubikmeter gesiebte Luft. Auf einem Podest liegt eine schwarze schwer entflammbare Matratze. Sie ist 2,20 Meter lang und 85 Zentimeter breit. Durch das Milchglas-Fenster fällt Tageslicht.

Was draußen vor sich geht, kann man – wenn überhaupt – nur schemenhaft erkennen. Trübe Aussichten sind das. Das Panzerglas und der Lampenschirm an der Zellendecke sind bruchsicher. Der Raum ist kameraüberwacht. Darauf weisen blaue Aufkleber an der Außenseite der Zellentür und an der weiß gestrichenen Wand hin. Aber die Wenigsten werden das Piktogramm bemerken. Zu aufgeregt oder zu weggetreten dürften diejenigen sein, die eingesperrt werden sollen. Wer wieder klar im Kopf ist und sich langweilt, kann Fliesen zählen. Elf Reihen gibt es. Mehr als 800 sind es, die genaue Anzahl wird nicht verraten.

2 Bilder

Wer zur Toilette muss, bekommt zeitnah Geleitschutz. Einfach auf den grünen Knopf, der sich links neben der Tür befindet, drücken – und schon kommt jemand in Uniform, der den Einsitzenden zum Klo bringt. Nur eine der fünf Zellen hat eine in den Boden eingelassene Schüssel aus rostfreiem Stahl. Dieser etwas größere Raum ist für Problemfälle reserviert. Das sind meist sturzbetrunkene Menschen, die nicht mehr sie selbst sind, die zu Spuckattacken neigen, die sich immer mal wieder übergeben müssen oder sich einnässen. Der Raum wird dann später saubergespritzt. Apropos Sauberkeit: Die Zellen sind übrigens picobello. Es riecht weder nach Urin noch nach Erbrochenem. Straftäter sprechen vom „Loch“. 1,04 Euro kostet der Platz pro Stunde, abgerechnet wird allerdings pauschal. Jeder angefangene Tag, gemeint sind 24 Stunden, kostet 25 Euro. Mutmaßliche Straftäter haben Zimmerservice. Das Essen kommt aus der Jugendanstalt.

Seit dem 1. April 2016 gibt es den neuen Zellentrakt, der sich gleich hinter dem Wachraum befindet. Früher befanden sich die Zellen im Keller der Polizeiwache, sie waren nur über eine steile Treppe erreichbar. Alles andere als ideal, denn: Der Weg hinab war gefährlich, zumal nicht jeder, der eingesperrt werden soll, friedlich ist. In diesem Jahr hatte die Hamelner Polizei schon 523 Gäste. Rund 85 Prozent aller Ingewahrsamnahmen – so heißt das auf Amtsdeutsch – wurden im Rahmen der Gefahrenabwehr durchgeführt.

Das bedeutet: Betrunkene wurden dort zum Ausnüchtern eingesperrt oder Randalierer und Schläger können dort langsam wieder zur Besinnung kommen. Die übrigen 15 Prozent, mutmaßliche Mörder, Räuber und Einbrecher, wurden nach dem Strafprozessrecht in die Zellen gesperrt. Rein rechnerisch dürfen sie maximal 47 Stunden und 59 Minuten festgehalten werden – denn die Vorführung beim Haftrichter muss nach dem Gesetz am Tag nach der vorläufigen Festnahme erfolgen.



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