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Klingender Klassiker

Adventskalender Tür 1: Hinter dem Figurenspiel am Hochzeitshaus

Mit Beginn des Monats Dezember und bis Weihnachten wollen wir für Sie, liebe Leserinnen und Leser, Türen öffnen. Die Redaktion besucht Orte, die nicht für jedermann zugänglich sind und verrät das ein oder andere Geheimnis, das hinter dem Türchen steckt. Heute: das Figurenspiel am Hochzeitshaus.

veröffentlicht am 01.12.2017 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.12.2017 um 08:23 Uhr

Ein Blick, der Touristen verborgen bleibt: So sieht der Figurenumlauf von der anderen Seite aus. Foto: fn
Kerstin Hasewinkel

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Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

HAMELN. Auf dieses Türchen schauen jedes Jahr tausende Augenpaare. Es öffnet sich, begleitet von den immer gleichen lieblichen Klängen. Der Rattenfänger erscheint. Doch was verbirgt sich hinter dem Figurenumlauf, der Tag für Tag mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks sein Spiel beginnt? Was steckt hinter den Mauern des Hochzeitshauses?

Die meisten Touristen haben es im Blick. Die Hamelner weniger. Die eilen in der Mittagspause eher hastig an den Touristen vorbei, während die ihre Köpfe und Fotoapparate – heutzutage freilich auch ihre Handykameras – auf dem Pferdemarkt gen Himmel recken, das Motiv suchend an der Fassade des Hochzeitshauses. Was sie sehen, ist nicht mehr und nicht weniger als die Rattenfängersage, der Auszug der Kinder inzwei Akten. Auf ihren einfachsten Nenner gebracht und mit Figuren dargestellt: der Rattenfänger mit der Flöte vorneweg, die Kinder hinterher.

13.05 Uhr: Die Musik erklingt, die kupfernen Fensterflügel öffnen sich, die Spielbühne fährt heraus. Der Rattenfänger und sein Gefolge drehen ihre Runden. Das Ganze wiederholt sich um 15.35 und 17.35 Uhr. Wie funktioniert das?

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Der Perspektivwechsel ist zunächst unspektakulär: In der ersten Etage des Hochzeitshauses, neben dem Büro des Standesamtes, endet die Suche nach dem Geheimnis des Figurenspiels zunächst abrupt an einer riesigen Schiebewand. Ein unschönes Relikt aus dem Jahr 2004. Da wurde das altehrwürdige Gebäude bekanntlich für die EWR-Pläne komplett umgebaut. Zu dieser Zeit war das Rattenfängerspiel demontiert und eingelagert.

Das unrühmliche Ende der „Erlebniswelt“ ist hinlänglich bekannt. Zumindest eine positive Hinterlassenschaft: Die Demontage des Figurenspiels hatte die Stadtverwaltung mit einem Sanierungsauftrag an die Firma Korfhage & Söhne verbunden. Die Firma, die auch für die Wartung der Anlage zuständig ist, überholte sie und erneuerte sämtliche Teile. Die Steuerung, die bisher über ein Lochband erfolgte, das über eine 16 Zentimeter breite Walze verlief, wurde ersetzt durch eine EDV-Steuerung. Das Lochband war seinerzeit brüchig, außerdem hatte es Probleme bei der Umstellung von der Winter- auf die Sommerzeit gegeben.

Eine Zeitschaltuhr und eine Frostsicherung stellen bis heute den reibungslosen Ablauf sicher. Seit der Totalsanierung ist auch die Musik computergesteuert. Die Noten zum Weserlied und zum Rattenfängerlied wurden ausfindig gemacht und in den Computer eingegeben. Die Musik komponierte damals Studienrat Jürgen Langehein.

Was es bis heute allerdings nicht gibt – und was sich das „Publikum“ laut Ralf Paulsen, Technischer Angestellter bei der Zentralen Gebäudewirtschaft bei der Stadtverwaltung, immer wieder wünscht: eine Beleuchtung der Szene.

Wer nun also genauer hinschauen will, muss die Tür von der anderen Seite öffnen. Nur mit Hilfe eines speziellen Schlüssels gelingt der Zutritt in den engen Raum. Paulsen öffnet sie und gibt den Blick frei auf eine plötzlich deutlich größer anmutende Szenerie. Die einzelnen bunt bemalten Figuren – 15 Menschen und 21 Ratten – sind zwischen 24 und 60 Zentimeter groß; der Rattenfänger überragt sie mit seinen etwa 80 Zentimetern. Hamelns Hauptdarsteller wird hier nicht als Bunting mit langen Federn am Hut, sondern als Jüngling mit kurzem grünen Jäckchen inmitten seiner Rattenschar dargestellt. Was von unten dank der Entfernung niemand sehen kann: der Kinderrattenfänger wurde notdürftig geklebt.

Vorgängermodell des heutigen Spiels ist übrigens die „Rattenfängerkunstuhr“. Sie wurde am 26. Juni 1934 am damaligen Rathaus (das auf dem Pferdemarkt stand) zur 650-Jahrfeier der Rattenfängersage eingeweiht. Sie wurde während des Zweiten Weltkrieges mit dem Rathaus zerstört. Mithilfe von Spenden konnte 1962 ein neues Glockenspiel installiert werden – seither ist es am Westgiebel des Hochzeitshauses zu finden. Das Glockenspiel wurde von 29 Glocken im Jahr 1986 auf 36 erweitert.

Ein Klassiker also – der damals wie heute beim Publikum ankommt. „Echt sehenswert!“, „Ein absolutes Muss“ – werten Besucher im Internet. 3,9 Millionen Tagestouristen kommen jährlich. Wie viele von ihnen das Glockenspiel sehen, ist freilich nicht bekannt.



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