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Schicksal des historischen Gebäudes ist besiegelt: Fachwerkgebäude wird nicht wieder aufgebaut

Abschied vom Fischerhaus

HAMELN. Behutsam wurde das zweigeschossige Fachwerkhaus, das ehemals in der Stubenstraße stand, zurückgebaut, damit es einst eine Wiederbelebung erfahren kann. Doch daraus wird nichts. Seit 12 Jahren lagern die Balken des alten Fischerhauses im Depot. Der Museumsverein bietet nun die Überreste des über 450 Jahre alten Gebäudes zum privaten Gebrauch an. So könnten die Balken für die Sanierung anderer Fachwerkhäuser verwendet werden.

veröffentlicht am 22.07.2018 um 12:00 Uhr
aktualisiert am 22.07.2018 um 18:40 Uhr

Burkhard Jürgens zeigt eines der Fenster des Fachwerkgebäudes. Fotos: geö
Dr. Guido Erol Hesse-Öztanil

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Ein hölzerner Bausatz in 150 Teilen. Jedes Stück ist fein säuberlich nummeriert. Wird alles zusammengesetzt, entsteht ein Stück Hamelner Geschichte und das im Maßstab 1:1. Doch das in Einzelteilen zerlegte Fischerhaus wartet bis heute auf seinen Aufbau – seit nunmehr zwölf Jahren. Eichenbalken, Fenster und Türen des Gebäudes liegen kaum geschützt unter einer zerschlissenen Plane auf dem Außengelände des Museumsdepots in Afferde. Wie geht es weiter mit diesem Relikt? Hat das zweigeschossige Fachwerkhaus, das ehemals in der Stubenstraße stand, noch eine Chance auf eine Wiederbelebung?

„Es ist schon etwas Besonderes, dieses Holz in die Hand zu nehmen“, schwärmt Burkhard Jürgens vor Ort. Der Zimmermann war 2006 beim Abbau des Fischerhauses, das der geplanten Stadt-Galerie weichen musste, beteiligt. Dass das älteste und einzig erhaltene Gebäude aus der sogenannten Budenreihe in der Stubenstraße damals nicht der Abrissbirne zum Opfer fiel, ist Werner Otto zu verdanken. Der Hamelner Abbruchunter- nehmer hatte das dendrologischen Untersuchungen zufolge 1560 errichtete Häuschen auf eigene Kosten behutsam und mit großem Aufwand abtragen lassen. Er wollte damit die Möglichkeit schaffen, das Gebäude an anderer Stelle als historisches Zeugnis der Hamelner Stadtgeschichte wieder aufbauen zu lassen. Zu diesem Zweck wurde das Material dem Hamelner Museumsverein geschenkt, der das Ständerwerk zunächst in einer Scheune in Klein Berkel einlagerte, 2012 gelangten die Überreste des Hauses ins Museumsdepot.

Es ist bedauerlich, dass es nicht zu einem Aufbau gekommen ist. Es fehlte einfach ein geeigneter Standort.

Klaus Arnold, Vorsitzender des Museumsvereins

Die Suche nach einem geeigneten Platz für das 35 Quadratmeter große Fischerhaus, in dem nachweislich nie Fischer gewohnt haben, sondern nur Handwerker und Tagelöhner, erwies sich als schwierig, scheiterte an Auflagen, Bedenken und letztlich wohl auch an mangelndem Interesse. „Es als Solitär irgendwo auf der grünen Wiesen aufzubauen, macht keinen Sinn. Das Fischerhaus war ein städtisches Reihenhaus und so gehört seine Rekonstruktion auch in die Altstadt“, erklärt Museumsleiter Stefan Daberkow. Verschiedene Standorte wurden in Betracht gezogen und wieder verworfen, darunter der Michaelishof, das Werder oder eine Stelle gegenüber dem Redenhof an der Großenhofstraße. Auch ein Platz direkt an der Weser nahe der Tündernschen Warte war zeitweilig im Gespräch, erinnert sich Daberkow. Doch die Bedrohung durch Hochwasser sprach auch gegen diese Lösung.

Das Fischerhaus an der Stubenstraße (Mitte). Foto: Museum Hameln
  • Das Fischerhaus an der Stubenstraße (Mitte). Foto: Museum Hameln
An das Fischerhaus werden nur noch alte Aufnahmen erinnern – und ein Modell, das im Hamelner Museum zu sehen ist.
  • An das Fischerhaus werden nur noch alte Aufnahmen erinnern – und ein Modell, das im Hamelner Museum zu sehen ist.

Bei einem Neubau, denn als solcher würde das rekonstruierte Fischerhaus gelten, würden zudem strenge Brandschutzauflagen greifen. „Nie geklärt wurde auch die Frage, wie das Gebäude genutzt werden kann. Es ist ja sehr klein und verwinkelt und lässt kaum Raum für Besuchergruppen“, so der Museumschef. Bemühungen, das Fischerhaus dem Freilichtmuseum Detmold schmackhaft zu machen, waren kein Erfolg beschieden. Durchaus nachvollziehbar für Daberkow: „Ein Stadthaus gehört nicht in die Landschaft.“ Obwohl vielen Hamelnern das Schicksal des historischen Kleinods nicht gleichgültig ist, hat sich bis heute keine für das Hochzeitshaus vergleichbare Bürgerinitiative für dessen Wiederaufbau gebildet. „Auch wenn es aus dem 16. Jahrhundert stammt, so ist das Fischerhaus eben nicht die Dresdner Frauenkirche“, so Daberkow. Schließlich müssten für den Wiederaufbau Sponsoren gewonnen werden, die bislang nicht in Sicht waren, ergänzt Klaus Arnold als Vorsitzender des Museumsvereins.

Zurück nach Afferde, dort, wo die Relikte des Fischerhauses ihr trauriges Dasein fristen. Zimmermann Jürgens kennt nahezu jeden Balken, kann in seiner Fantasie die Bauteile flugs zusammenfügen – zur Diele, Küche, Obergeschoss und Utlucht, einen zweigeschossigen Erker vor der Wohnstube, vermag kenntnisreich über Details wie die Espagnoletten (alte Fensterverriegelungen) oder über die Zierschnitzereien über dem früheren Eingang referieren. Der 61-Jährige kennt das Haus, als wäre er dort geboren. Das Eichenholz hat, seit Jahren Wind und Wetter ausgesetzt, gelitten. Aber eine Rekonstruktion wäre nach Jürgens immer noch problemlos möglich. „Lediglich zehn bis 20 Prozent der Balken sind nicht mehr zu gebrauchen“, schätzt der Zimmermann, der die Kosten für den Wiederaufbau mit 40- bis 70 000 Euro beziffert.

Doch wenn so mancher Hamelner insgeheim hoffte, eines Tages doch noch den Fuß über die Schwelle des wiedererrichteten Fischerhauses setzen zu können, wird sich jetzt enttäuscht sehen. Das Ende des kleinen Fachwerkgebäudes steht unmittelbar bevor. Es wird bald wirklich nur noch Geschichte sein. „Es ist bedauerlich, dass es nicht zu einem Aufbau gekommen ist. Es fehlte einfach ein geeigneter Standort, deshalb wollen wir das Fischerhaus beerdigen. Die Balken werden dort, wo sie jetzt liegen, nicht besser“, so Klaus Arnold. Eine Entscheidung, die nach Rücksprache mit dem Museumschef getroffen wurde: „Nüchtern betrachtet, musste man über den Gnadenschuss nachdenken“, erklärt Daberkow.

Der Museumsverein bietet nun die Überreste des über 450 Jahre alten Gebäudes zum privaten Gebrauch an. So könnten die Balken für die Sanierung anderer Fachwerkhäuser verwendet werden. „Vielleicht hat auch ein Kunsthandwerker Interesse an dem Eichenholz“, so Daberkow.

Die Entscheidung sei „bedauerlich. Das ist ein Verlust an materieller Stadtgeschichte“, sagt der Hamelner Archäologe Joachim Schween. Indes knüpfe die vorgesehene Wiederwertung der Balken an eine historische Tradition an. „In vielen Hamelner Fachwerkhäusern finden sich ältere Hölzer.“ Und was sagt der frühere Retter des Fischerhauses? Werner Otto ist enttäuscht. „Wir haben damals viel Mühe in den Abbau investiert. Ich bin traurig.“

An das Fischerhaus an der Stubenstraße werden also nur noch alte Aufnahmen erinnern – und ein Modell, das im Hamelner Museum zu sehen ist: im Maßstab 1:50.


Wer Interesse an den Balken des Fischerhauses hat, kann sich mit Museumsleiter Stefan Daberkow unter 05151/202-1217 in Verbindung setzen.



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