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KVG-Nostalgiewagen sechs Jahre restauriert – doch bald verkehrt er in Hannover / Treser-Club stand bereit

Abschied vom Anderthalbdecker

Hameln. Die Reise währt bereits fast sieben Jahre – und nun endet sie, bevor das Ziel erreicht ist. Kein Wunder, dass die Enttäuschung in Hameln riesig ist, nicht nur bei allen, die sich für die Restaurierung des historischen Anderthalbdeckers der KVG ins Zeug gelegt haben. Viele Hamelner warten seit der ersten Berichterstattung der Dewezet im Sommer 2007 in nostalgischem Schwelgen geduldig darauf, dass der ungewöhnliche Bus wieder in Fahrt kommt und sie wieder im „Oberstübchen“ Platz nehmen können. Von einem „gigantischen Projekt“ hatte der damalige Öffi-Chef Carsten Busse – sein Name war Programm – gesprochen und den Busbenutzern „ein echtes Schätzchen“ versprochen. Denn der Wagen vom Typ Mercedes-Benz O 317 mit Aero-Ludewig-Aufbau sollte originalgetreu restauriert wieder in den Linienverkehr gestellt werden. Doch jetzt hat der KVG-Aufsichtsrat die Fahrt beendet, und das kurz vor der Ankunft. Die Folge: Der Bus von 1974 ist nach Hannover verkauft worden – obwohl es nach Angaben von Beteiligten eine „lokale Lösung“ hätte geben können.

veröffentlicht am 01.04.2014 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 16:41 Uhr

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Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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In der Landeshauptstadt wird der Wagen künftig zu Sonderfahrten eingesetzt. Immerhin wurde aber mit dem neuen Eigentümer Mathias Hartmann vereinbart, den Bus zumindest zu besonderen Anlässen in der Rattenfängerstadt aufkreuzen zu lassen. Hartmann ist Inhaber eines Busunternehmens mit 70 Mitarbeitern und 30 Fahrzeugen. Er hat nach eigenen Worten seit Jahrzehnten eine „Oldtimer-Macke“ und führt den Verein, der das „Hannoversche Straßenbahnmuseum“ in Sehnde-Wehmingen betreibt. Über den Kaufpreis schweigen sich beide Seiten aus, viel ist es nicht: „Zumindest Ankauf und Überführung von damals werden wieder eingespielt“, verrät KVG-Betriebsleiter

Heinz-Jürgen

Aust.

Carsten Busse wollte den Anderthalbdecker für 100 000 Euro flottmachen – und damit halb so viel wie für einen zu beschaffenden neuen Bus ausgeben. So lautete 2008 sein Plan. Damals war der Aufsichtsrat schnell überzeugt. Auch jetzt gab es nach einem Vortrag des neuen KVG-Geschäftsführers Thorsten Rühle keine lange Diskussion in dem Gremium – und dann den Ausstiegsbeschluss. Von Hamelner Interessenten war nach Auskunft aus Aufsichtsratskreisen nicht die Rede gewesen; der Vorsitzende Werner Sattler (SPD) war von der Dewezet für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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Die Rahmenbedingungen haben sich geändert, heißt es. Der finanzielle Druck sei groß, in der KVG-Werkstatt müsse „mit spitzem Bleistift“ gerechnet werden. Die Mitarbeiter hätten keine Zeit mehr, sich nebenbei um den Anderthalbdecker zu kümmern. Wegen verschärfter Anforderungen sei für den Oldie der angepeilte Einsatz des Wagens im Linienverkehr nicht möglich, der Betrieb zu Charterfahrten am Wochenende durch hauptamtliche KVG-Fahrer zu teuer und betrieblich nicht mehr zu leisten. Im September stehe eine Anhebung der Fahrpreise an – da passe das Restaurierungsprojekt nicht mehr in die Landschaft. Aust versichert, es habe Gespräche mit örtlichen Auto-Enthusiasten gegeben, aber ohne Erfolg. „Wichtig ist jetzt: Das Auto ist gerettet und hat eine Zukunft.“ Walter Treser, in Hameln lebende Automobilbaulegende und Ehrenpräsident des nach ihm benannten Treser-Clubs, betont im Gespräch mit der Dewezet, gegenüber der KVG das Interesse seines Vereins bekundet zu haben, den Bus zu übernehmen. „Wir hätten ihn kompetent betreiben können“, ist er überzeugt. Der Abstimmungsprozess im Verein habe etwas Zeit erfordert; als ein zweiter Besichtigungstermin vereinbart werden sollte, sei der Anderthalbdecker schon verkauft gewesen, „ohne dass man mit uns noch einmal Kontakt aufgenommen hatte“.

In der Osterwoche wird der ehemalige KVG-Wagen Nr. 33 nach Hannover geschleppt. Die Bremse an der dritten Achse funktioniert noch nicht, die TÜV-Zulassung fehlt noch. Die hintere Tür kann noch nicht bedient werden. Die Kunstledersitze mit dem markanten Geruch sind bisher nicht eingebaut. Aust schätzt, dass noch 40 000 bis 50 000 Euro investiert werden müssen, Hartmann geht von 25 000 Euro aus. Der Käufer betont, das Fahrzeug sei „gut vorgearbeitet“ worden. Unter anderem haben Auszubildende und Altgediente der KVG und des Karosseriebetriebs Schierling ungezählte Stunden an dem Nostalgiewagen gewerkelt. Schierling-Chef Michael Grabig ist „sehr traurig“ und bedauert die Entwicklung.

Bei vielen Hamelnern haben sich die Fahrten im Anderthalbdecker ins Gedächtnis eingebrannt. Im Obergeschoss durfte früher geraucht werden, mancher hat dort seine ersten Kusserfahrungen gemacht – oder ganz einfach die Aussicht genossen. Vor genau 50 Jahren kamen die ersten dieser Omnibusse – sie boten Platz für 120 Fahrgäste – auf Hamelns Straßen. Bis 1982 wurden sie hier eingesetzt, danach verdrängten die treppenfreien Gelenkbusse die Anderthalbdecker.

Hartmann plant, sein Schnäppchen Mitte Juli in Dienst zu stellen. „Der Bus soll Geld verdienen“, sagt er. Vielleicht könnte der Wagen ja hin und wieder auch zwischen Hameln und dem Straßenbahnmuseum verkehren. Wer den Mercedes mieten möchte, könne mit Kosten von 80 Euro pro Stunde kalkulieren. Als Freund alter Autos stellt Hartmann fest: „Es wäre schade gewesen, wenn dieser Bus in schlechte Hände gekommen wäre.“

Den Hamelner Bus hat die Firma Brekina als Modell im Maßstab 1:87 verewigt – inklusive KVG-Schriftzug an der Seite.Wal


Anderthalbdecker sind überaus selten geworden in Deutschland. Das Projekt zur Restaurierung eines Hamelner Wagens – links im Jahre 2008 mit den Initiatoren Carsten Busse (li.) und Michael Grabig – endet nun mit dem Verkauf nach Hannover. Wal/mafi

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