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Als der Zweck die Mittel heiligte: Deutschaufsatz für den „größern Zweck“

Abitur am Schiller-Gymnasium vor hundert Jahren

HAMELN. Am Donnerstag bekamen die Abiturienten in Hameln ihr Zeugnis in die Hand gedrückt. Reden wurden gehalten, ein Blick in die Zukunft geworfen. Bei ihrer Deutsch-Prüfung konnten sich die Schüler zwischen drei Themen entscheiden. Vor genau 100 Jahren hatten die Schüler am Schiller-Gymnasium jedoch keine Wahl. Ein Rückblick.

veröffentlicht am 15.06.2017 um 17:47 Uhr

Das Abitur wurde 1917 noch von der „Königlichen Prüfungskommission“ abgenommen.
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Die zurückliegenden Monate waren für die meisten stressig, die Aufgaben anspruchsvoll. Im Fach Deutsch konnten sich die Schüler in der Abitur-Prüfung zwischen der Interpretation „Dantons Tod“ von Georg Büchner, Heinrich Manns „Der Untertan“ und zwei Gedichten von Peter Huchel entscheiden.

Vor genau 100 Jahren gab es am Schiller-Gymnasium dagegen nur eine einzige Fragestellung im „Deutschen Aufsatz“. Die Prüfungsfrage lautete: „Wie bewahrheitet sich in dem gegenwärtigen, großen Kriege Schillers Wort: „Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken?“

Es waren nicht viele, die 1917 das Abitur machten. Der Erste Weltkrieg tobte in seinem vorletzten Jahr und rund 60 Prozent des Jahrgangs, der 1917 am Hamelner Jungengymnasium die Reifeprüfung ablegen sollte, war bereits im Krieg gefallen. Weitere sollten folgen. Auch einige von denen, die nun das Abitur in der Tasche hatten. Doch noch war die Kriegsbegeisterung ungebrochen. Im Schuljahresbericht von 1914/15 ist zu lesen: „...Für die Stimmung, in der unser Volk den ihm aufgezwungenen Kampf aufnahm, war besonders das Verhalten der deutschen waffenfähigen Jugend bezeichnend. Diese drängte sich wie 1813 voll Begeisterung und Opferfreudigkeit zum heiligen Kampf fürs Vaterland, und die Hörsäle der Universitäten und die oberen Klassen der höheren Schule wurden leer.“Der Schulbetrieb ist geprägt von den Kriegsereignissen und der Geist der Zeit spiegelt sich auch im Notabitur 1917 wider.

In der Deutschprüfung rechtfertigen die Schüler die Leiden und Gräuel, die der Krieg mit sich bringt. Alles wird dem „größern Zweck“ unterstellt.

Wo Gehorsam endete und eigene Begeisterung anfängt, lässt sich beim Lesen der Original-Arbeiten schwer sagen, Fakt ist: Bis auf das Zitat wird auf Schillers Wallenstein in dem Aufsatz, den wir uns genauer angeschaut haben, nicht einmal Bezug genommen. Der Schüler führt Reichskanzler Bismarck und den Reformator Martin Luther als leuchtende Beispiele an, lobt den Kaiser (Wilhelm) von Gottes Gnaden und versucht dann über mehrere Seiten zu erklären, warum Schillers Zitat sich auch im Krieg „bewahrheitet“. Zweieinhalb Jahre, so schreibt er, „tobt ein gewaltiger Weltkrieg und lange nicht seien die körperlichen, geistigen und sittlichen Kräfte des Deutschen Volkes erschöpft“.

Es folgt eine Aufzählung der gewaltigen Anstrengungen die aufgebracht werden müssen, um Deutschland vor dem „hasserfüllten Gegner zu schützen“. Der „eiserne Wille“ mit dem die Soldaten die Härten des Winters 1916/17 in den Ostgebieten und in den Karpaten ertragen, ist ihm Zeugnis genug. „Es gilt des Deutschen Sein oder Nichtsein,“ schreibt der Oberprimaner. Die Arbeit wird vom Lehrer mit „Genügend“ bewertet, wie die meisten anderen auch. Die Schule ist geprägt vom politischen Geschehen: „Der Unterricht sucht nach Möglichkeit auf das, was die Herzen und Gedanken der Schüler erfüllte, einzugehen und sie anzuleiten, die große und erhebende Zeit, in der wir stehen, verständnisvoll mitzuerleben“.

Genau 100 Jahre später ist es andersherum: 2017 müssen die Abiturienten unter anderem den Roman „Der Untertan“ von Heinrich Mann interpretieren. Eine bittere Satire, in der Mann die Vorkriegszeit und die wilhelminische Epoche analysiert. Der Vorabdruck in einer Illustrierten wurde einst zensiert und vor dem Ersten Weltkrieg unterbunden. Nach Kriegsende wurde der Roman fast hunderttausend Mal verkauft. Schillers Wallenstein ist dagegen längst aus den Lehrplänen verschwunden.



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