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Von Eintagsfliegen, Samenspritzern und Bier auf dem Schulhof

Abistreiche im Wandel der Zeit

HAMELN.Abistreiche haben seit vielen Jahrzehnten Tradition. Die meisten blieben harmlos, aber es gab auch einige, die weniger gut ankamen. Das gilt übrigens nicht nur für Abistreiche: Bier auf dem Schulhof und eine Rede, die mit „Liebe Gebärmaschinen und Samenspritzer“ begann, sorgten ebenfalls für Unmut. Oder diese eine Geschichte mit den Tausenden Eintagsfliegen.

veröffentlicht am 14.06.2017 um 13:09 Uhr
aktualisiert am 14.06.2017 um 18:45 Uhr

Abi 1988: Dschungelwirrwarr aus Pappmaché mit Lehrerköpfen im Vikilu. Foto: Archiv
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Ein ganzes Leben im Lehrerzimmer – was für eine Vorstellung. Für Tausende von Eintagsfliegen war das vor Jahren Schicksal. Abiturienten des Schiller-Gymnasiums hatten die Larven für den Abistreich ins Lehrerzimmer geschmuggelt. Dort bildeten die Tierchen muntere, brummende Trauben. Während die Vorstellung der Fliegen-Lehrkörper-Allianz bei den Schülern Begeisterung auslöste, kam die Idee bei den Lehrern nicht gut an. Ein Teil warf den Schülern gar Tierquälerei vor.

Die diesjährigen Abistreiche am Schiller und an der Vikilu nehmen sich dagegen harmlos aus: Am Schiller wurden klassisch die Türen zur Schule und zum Lehrerzimmer verbarrikadiert und an der Vikilu verabschiedeten sich die Schüler mit einer Geisterstunde, in der der Schulleiter entführt wurde.

Seit Jahrzehnten müssen die Lehrer am Tag des Abistreichs mit diversen Hindernissen rechnen. Auch Fahrzeuge bekommen manchmal was ab, so wie einst das rundum mit Zahnpasta verschönerte Auto von Wolfgang Weber, ehemaliger Schulleiter am Albert-Einstein-Gymnasium.

AEG: Pink Floyd stand Pate für „The Wall“ Foto: Archiv
  • AEG: Pink Floyd stand Pate für „The Wall“ Foto: Archiv

„Meist sind die Streiche harmlos“, sagt Lehrerin Bettina Schröder-Brautlecht (AEG), die aus Hildesheim Härteres gewohnt sei. Schade, dass die Rede eines AEG-Abiturienten im Jahr 1987 an ihr vorbeigegangen ist. Sie gehört zwar nicht direkt zu den Abistreichen, genießt aber bis heute Kultstatus: Als er Eltern, Schüler und Lehrer der Schule mit „Liebe Gebärmaschinen und Samenspritzer“ begrüßte und ähnlich provokant fortfuhr, herrschte Aufruhr. Ein Teil verließ empört die Aula.

Nur geteilte Zustimmung gab es für die gemeinsame Idee von Vikilu- und Schiller-Abiturienten, für einen Tag die Schulen zu tauschen. Während Andreas Jungnitz, damals Studienrat am Schiller, das Spiel in seinem Kurs mitspielte, schickte Vikilu-Lehrerin Peters die Schüler weg. „Sie sei nicht in die Schule gekommen, um sich verspotten zu lassen, soll der Tenor ihrer Begründung gewesen sein“, schrieb die Dewezet am 20. April 1988.

An seinen eigenen – ebenfalls umstrittenen – Abi-Streich kann sich Vikilu- Schulleiter Michael Glaubitz noch gut erinnern: „Die Abiturienten hatten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vorher etliche Lehrer heimlich besucht und ein Stück ihres (Vor-)Gartens abgegraben. Die ergaunerten Schollen sahen sehr verschieden aus, je nach Lehrer von ‚naturwüchsig‘ bis ‚very british‘. Am Tag des Abistreichs wurden alle ausgestellt, die jüngeren Schüler durften erraten, welcher Lehrer zu welchem Gartenstück gehört. Den Schülern hat es sehr viel Spaß gemacht – manchem Lehrer eher nicht“, erinnert sich Glaubitz. „Es gab im Nachgang noch einen intensiven Austausch zwischen besonders erbosten Lehrern und dem Abitur-Jahrgang.“

Fast wie ein Streich wirkt heute die Idee von Schiller-Schülern in den 70er Jahren, die mit Treckern – heute undenkbar – und Bierfässern vorfuhren, das gemeinsam (!) mit Lehrern auf dem Schulhof genossen worden sein soll.

Der Abistreich erfreut sich geschätzt seit Mitte der 80er Jahre zunehmender Beliebtheit. Das war nicht immer so. Die Protestgeneration der ausgehenden 60er Jahre grenzte sich bewusst gegen die Erziehungs- und Lehrmethoden von Schule ab. Viele verweigerten symbolisch die Entgegennahme des Abiturzeugnisses. Mit der Oberstufenreform hielten langsam harmlose Spielchen und Streiche Einzug und ab Mitte der 80er und in den 90er Jahren wurde das Ganze professioneller. Ein relativ neues Element ist die Mottowoche, die aus den USA zu uns gekommen ist. In dieser Zeit verkleiden sich die Schüler jeden Tag zu einem anderen Motto.

Fazit: Der Abistreich an den Hamelner Gymnasien hat eine identitätsstiftende Wirkung. Gewalttätige Ausschreitungen, wie man es beispielsweise besonders von Kölner Gymnasien kennt, ist den Hamelner Abiturienten fremd. Bundesweit negative Schlagzeilen machte im letzten Jahr lediglich ein als Islamist verkleideter Schüler, der sich mit einer Soft-Air-Waffe aus dem Fenster eines fahrenden Autos lehnte. Das Thema der inzwischen ebenfalls traditionellen Mottowoche war an jenem Tag „Gut und Böse“. Der Schulleiter setzte den Hehlener auf den Pott.

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Abi-Antihaltung

Der Abistreich erfreut sich geschätzt seit Mitte der 80er Jahre zunehmender Beliebtheit. Das war nicht immer so. Die Protestgeneration der 60er Jahre grenzte sich gegen die Schule ab. Viele verweigerten symbolisch die Entgegennahme des Abiturzeugnisses. Mit der Oberstufenreform hielten harmlose Spielchen und Streiche Einzug, ab Mitte der 80er und in den 90er Jahren wurde das Ganze professioneller. Ein relativ neues Element ist die Mottowoche, die aus den USA kommt. In dieser Zeit verkleiden sich Schüler täglich zu einem anderen Motto.



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