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In der Psychosomatik für Kinder und Jugendliche wird nach seelischen Ursachen für körperliche Leiden gesucht

Abgekapselt - wenn Jugendliche seelisch leiden

HAMELN. Totale Erstarrung. Das beschreibt den Zustand, in dem Paula S. . (Name von der Redaktion geändert) in die Psychosomatik für Kinder und Jugendliche in Hameln eingewiesen wird, am ehesten. Wie eine Puppe muss sie angekleidet werden, den Tag verbringt sie im Rollstuhl. Warum das so ist, wusste man zunächst nicht.

veröffentlicht am 04.04.2017 um 16:11 Uhr
aktualisiert am 04.04.2017 um 17:00 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Deshalb wird das Mädchen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Psychosomatik für Kinder und Jugendliche im Sana-Klinikum überwiesen. Dort kümmern sich Ärzte, Psychologen, Pfleger und Therapeuten um die 16-Jährige. Sie ist Teil einer Gruppe von insgesamt acht Jugendlichen, die zumeist über einen längeren Zeitraum in dieser noch recht neuen Abteilung des Sana-Klinikums betreut wird. Meist sind es Mädchen. Sie werden hier behandelt, weil sie Essstörungen haben, Depressionen, und Angststörungen mit körperlichen Beschwerden. Einige der 12- bis 18-Jährigen haben chronische Schmerzen, für die die Schulmedizin keine Erklärung findet. Auch psychische Belastungen bei chronischen Krankheiten, wie Diabetes mellitus oder Morbus Crohn, werden hier therapiert. Bei Paula liegt eine dissoziative Störung zugrunde. Dabei reagieren Betroffene auf sehr belastende Erlebnisse mit der Abspaltung von Erinnerungen oder gar ganzen Persönlichkeitsanteilen, um unerträgliche Erfahrungen auszublenden. Lena hat verdrängt, dass sie außerhalb der Familie mehrfach missbraucht worden ist. Vier Jahre ist der Übergriff her. Die Therapie und liebevolle Behandlung bringen die Erinnerungen zurück, aber auch das Leben. Paula beginnt, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Über ihre ersten Bewegungen – es sind unbewusste körperliche Reaktionen auf Musik – erschrickt sie selbst. „Es war ihr peinlich“, erinnert sich Dr. Philipp von Blanckenburg, Chefarzt der Kinderklinik. „Weil sie dachte, wir nehmen an, sie habe uns etwas vorgespielt.“

Paula konnte nach sechs Wochen wieder laufen. Was klingt wie ein Wunder, ist in der Psychosomatik gar nicht so ungewöhnlich. Die Ärzte und Therapeuten dort kennen recht viele Krankheitsbilder, hinter denen der Laie niemals eine psychische Ursache vermuten würde. Dazu gehören zum Beispiel psychogene Krampfanfälle, bei denen es sogar für Ärzte schwer ist, das Geschehen von einem echten epileptischen Anfall zu unterscheiden. Oft bekommen die diese Patienten starke Neuroleptika verschrieben – ohne das jemand die wahre Ursache erkennt.

Bei einer Patientin der Psychosomatik hatte man es herausbekommen, weil während des Anfalls ein unauffälliges EEG abgeleitet werden konnte: Dennoch krampfte die Patientin fast zwei Stunden lang. „Man kann diese Patienten durch taktile Stimulation zurückholen“, sagt Oberarzt Sebastian Gärtig. Durch Musik etwa, auch durch beruhigende Ansprache. Die Patienten lernen mit der Zeit, das wahrzunehmen.“

Wahrzunehmen was hinter den körperlichen steckt, ist für Patienten, Eltern und Ärzte eine Herausforderung. Viele ärztliche Tests könnten den Betroffenen erspart bleiben, wenn psychische Ursachen früher in den Blick genommen würden, glaubt von Dr. Philipp von Blanckenburg. Auch Patienten und Eltern müssten zunächst lernen, mit einer entsprechenden Diagnose umzugehen.

Neben der Akzeptanz ist die Einbeziehung der Familie in die Therapie ganz wesentlich. Wenn die jungen Patienten zum Beispiel für Belastungserprobungen am Wochenende Hause dürfen, muss ein Protokoll geschrieben werden. Bei rund vier Fünftel zeige die Langzeittherapie in der Psychosomatik erfolgreich, sagt von Blanckenburg. „Voraussetzung ist, dass die Patienten bereit sind sich zu öffnen.“ Und manchmal zeigt die Therapie zwar beim Patienten Erfolg, nicht aber, wenn er in sein familiäres Umfeld zurückkehrt. So wie bei Paula. Ihre Mutter war nicht in der Lage, mit den Problemen ihrer Tochter fertig zu werden. Nach drei Rückfällen wohnt sie heute in einer Wohngruppe.

Sieben Fragen an Dr. Philipp von Blanckenburg

Seit wann gibt es die Einrichtung für Kinder und Jugendliche?
„Seit 2013, insgesamt werden dort in Kooperation mit der Ameos-Klinik Hildesheim acht Kinder betreut.


Wie läuft der Alltag?
Die Patienten haben täglich acht Stunden Therapie, oft zwei bis drei Stunden Schule. Auch in der Freizeit gibt es klare Regeln, wie zum Beispiel bestimmte Zeiten für‘s Internet


Wie ist der Personalschlüssel?
Besonders gut. Ein Psychotherapeut, eine Psychologin, zwei Fach-Therapeuten, sechseinhalb Pfleger und Erzieher, ein Kinderarzt (halbe Stelle) und drei Lehrer kümmern sich um die Kinder. Der Personalschlüssel entspricht dem einer Schwerstpsychiatrie.


Wie kam es zu Zusammenarbeit mit Ameos?
Ich habe mir schon lange mehr Raum für die Psychosomatik gewünscht. Als die psychiatrische Tagesklinik eröffnete, sah ich eine Chance. Ich habe zunächst mit Kinder-Psychiaterin Katrin Brunhorn gesprochen, danach nahm der Plan Form an.


Wie ist die Zusammenarbeit?
„Die Kooperation ist ein Glücksfall. Dadurch haben wir einen besseren Zugriff auf Jugendpsychiater und Psychologen, denn der Markt ist leergefegt. Es wird viel zu wenig ausgebildet. Fällt jemand aus, ist Ameos in der Pflicht, nachzubesetzen.“


Die Kinder sind am Tag in der Wilhelmstraße, Freizeit und Nacht verbringen sie im Sana. Ist das nicht umständlich?
„Das ist eine Platzfrage. In der Wilhelmsstraße haben die Kinder viel Raum für Aktivitäten. Außerdem haben sie nach dem Ortswechsel das Gefühl, ihre „Arbeit“ für den Tag beendet zu haben und die Freizeitgestaltung kann in Angriff genommen werden. Hier greift das Prinzip der therapeutischen Wohngruppe. Auch in der Freizeit werden die Kinder therapiert.


Wie groß ist das Einzugsgebiet?
„Die Kinder kommen aus einem Umkreis von 150 Kilometern, lediglich im Westen verursacht die Landesgrenze eine kleine ‚Aussparung‘.“


Termine für eine Sprechstunde gibt es unter Tel. 05151/ 9567856-7 (-8). Weitere Infos unter www.sana-hm.de/leistungsspektrum/fachabteilungen/kinder-und-jugendmedizin/stationrepsychosomatik.html

Information

Die Psychosomatische Medizin ist noch recht jung: Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Bedeutung der Fachrichtung zunehmend anerkannt. 1970 hielt das Fach Einzug an den Medizinischen Fakultäten der Bundesrepublik Deutschland. 1992 beschloss der Deutsche Ärztetag die Einführung eines eigenen Fachgebietes in der Ärztlichen Weiterbildungsordnung - zunächst mit dem Titel „Psychotherapeutische Medizin“, ab 2003 es den Titel „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“.

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