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Nicht gewinnorientierte Projekte – warum manche es schaffen und andere nicht

Überleben trotz Ideologie

HAMELN.Es sind Mikrowelten, die Sozialkaufhäuser und Tauschbörsen der Region. Statt Gewinnmaximierung steht hier der Mensch und die Hilfe von Bedürftigen im Fokus. Geben und Nehmen soll sich die Waage halten, damit am Ende alle versorgt sind, so der Grundgedanke. Nun aber hat es ein Sozialkaufhaus erwischt: Der Shop des Vereins „Alle Gemeinsam“ in der Hummenstraße muss zu Ende August schließen (wir berichteten). Der Grund: Finanzielle Engpässe wegen nicht beglichener Rechnungen. Doch warum scheitern manche Projekte und andere nicht? Und wo stoßen soziale Projekte, die auf das gute im Menschen setzen, an die Grenzen der ökonomischen Realität?

veröffentlicht am 01.06.2016 um 18:09 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:54 Uhr

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Autor:

von Andrea Tiedemann
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Der Verein Arbeit und Integration Bad Pyrmont (AIBP) betreibt in der Hamelner Stüvestraße den Zweiten Markt als Second-Hand-Kaufhaus. Die Fläche ist 15-mal so groß wie die des Alle-Gemeinsam-Shops. Auch der AIBP bietet Umzüge und Haushaltsauflösungen an. Was ist das Geheimnis? Das Second-Hand-Kaufhaus hat mittlerweile eine größere Stammkundschaft, denn er ist Dienstleister des „Sozialen Möbeldienstes“. Das bedeutet, er versorgt nicht nur Privatkunden, sondern regelmäßig auch Jobcenter-Klientel und Empfänger der Grundsicherung.

Dennoch gilt auch hier: Die Zahlen müssen stimmen, auch wenn das Konzept noch so antikapitalistisch daherkommt. „Den Zweiten Markt müssen wir wirtschaftlich betreiben“, sagt Geschäftsführer Ralf Gehring. Zuschüsse im engeren Sinne gebe es nicht, nur beim Personal seien Mitarbeiter dabei, denen durch staatliche Unterstützung unter die Arme gegriffen würde. Dass Rechnungen für beauftragte Umzüge und Entrümpelungen nicht immer beglichen werden, kennt Gehring auch. „In Einzelfällen“, wie sagt. Es sei normal, dass die Zahlungsmoral nicht die beste sei. Allerdings habe man das immer auffangen können.„Man sollte eine gewisse Rücklage haben“, sagt er – wie hoch der ist und wie hoch der Gesamtumsatz des Marktes ist, wollte Gehring nicht sagen. Hinter dem Geld herzulaufen, sei seiner Erfahrung nach aber vergebliche Liebesmüh. „Es lohnt sich nicht, das weiter einzutreiben.“

Solche Erfahrungen hat Susanne Lührs von der Arbeitsloseninitiative Bad Münder nicht gemacht. „Das kommt nicht vor“, sagt sie auf die Frage, ob sie auch auf Kosten sitzenbleibe. Unter der Trägerschaft des Kirchenkreises bietet die Initiative auch Möbeltransporte, Haushaltsauflösungen, Entrümpelungen und Renovierungsarbeiten an. „Ich weiß ja, wen ich da vor mir habe“, sagt sie über die Auftraggeber. Zudem gebe es standardmäßig einen Vorvertrag.

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  • Der Alle-Gemensam-Shop in der Hummenstraße bietet auch Gebrauchtes für den kleinen Geldbeutel. Zu Ende August allerdings muss der Shop schließen. FOTO: WAL
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  • Kein Gewinnstreben, stattdessen kostenlose Tauschbörse: die Umsonstboutique im Freiraum läuft. FOTO: WAL

Auch der Verein Freiraum hat unter anderem das Ziel, Räume zu schaffen, die sich dem regulären wirtschaftlichen Markt entziehen, also antikapitalistisch ausgerichtet sind. Erst vor kurzem wurde nun das Gebäude an der Walkemühle gekauft. Damit sei es „weg vom Gewinnstreben und Eigentumsmarkt“, so Mitglied Sven Kornfeld. Damit könne man stabilere Preise für die Bewohner sichern. Zudem sei jeder Mieter auch Eigentümer, sodass es kein klassisches Abhängigkeitsverhältnis gebe.

Allerdings: Um das Projekt umzusetzen, mussten auch die Projektbeteiligten sich ein wenig an die Bürokratie der Marktwirtschaft anpassen – es wurde eine GmbH gegründet. Der Verein selber ist allerdings Hauptgesellschafter dieser GmbH. Der Verein hat etwa 130 Mitglieder, Mitgliedsbeiträge sind aber keine Pflicht, sondern freiwillig. Doch wenn grundsätzlich nach dem Motto verfahren gibt, dass jeder gibt, was er kann und möchte, stellt sich die Frage, wie mit finanziellen Engpässen umgegangen wird. „Das hatten wir in dem Sinne noch nicht“, sagt Kornfeld, wenn spontaner Bedarf – zum Beispiel durch einen Schaden – entstanden sei, habe es immer jemanden gegeben, der eingesprungen sei. Allerdings hantiere man auch nicht mit großen Rechnungen. Vorauslagen für andere wie bei den genannten Umzugsaufträgen gebe es nicht.



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