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Nach Leukämie-Erkrankung: Junge Frau möchte in Hildesheim studieren

Überleben dank Gen-Zwilling: Annika macht wieder Pläne

Hameln. Selten haben Menschen inhameln-Pyrmont ein so beeindruckendes Zeichen der Solidarität gesetzt wie im Falle der an Leukämie erkrankten Annika. Sie gab der Krankheit, an der nach Angaben der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) alle 16 Minuten in Deutschland ein Mensch erkrankt und jeder Fünfte stirbt, im Frühjahr ihr Gesicht. Das Kollegium der Wilhelm-Raabe-Schule, an der Annikas Mutter unterrichtet, initiierte mit Unterstützung der DKMS eine Typisierungsaktion. 2118 Menschen spendeten Blut. Die Kosten für die Analyse: 105 900 Euro. 90 000 Euro gingen „für Annika und andere an Leukämie Erkrankte“ ein. Laut DKMS-Aktionsbetreuerin Bettina Steinbauer haben mittlerweile zwei der damals Typisierten durch Stammzellenspende Leben gerettet. Wenige Wochen nach der Aktion erfuhr Annika, dass es auch für sie einen genetischen Zwilling gibt: ihre ältere Schwester.

veröffentlicht am 19.12.2013 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 10:41 Uhr

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Autor:

VON ANNETTE HENSEL
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Sieben Monate sind seither vergangen. Auf ihrem Lieblingsplatz vor dem Kachelofen hat Annika es sich gemütlich gemacht. Sie sieht zerbrechlich aus, wiegt etwa 50 Kilo bei einer Größe von 1,80 Metern, ihre Haare wachsen „endlich wieder“. 15 Tabletten nimmt sie pro Tag – an „schlimmen Tagen“ sei es die doppelte Menge gewesen, verrät sie und sagt: „Körperlich geht es mir jetzt ganz gut, ich fühle mich auch nicht so schwach, aber mir ist häufig übel.“

Nach Chemotherapie, Bestrahlung und Stammzellenspende sind ihre Blutwerte einwandfrei, sie gilt als gesund, nicht als geheilt, denn die Leukämie kann wiederkommen. Dass Folgeerkrankungen aufgrund der Bestrahlung möglich sind, ist Annika bewusst. Alle zwei Wochen geht sie zur Kontrolle, bis zu 17 Röhrchen Blut werden abgenommen. Nach einem halben Jahr Aufenthalt in der Medizinischen Hochschule in Hannover sitze sie zu Hause meist am Ofen und warte, dass der Tag vorbeigeht. Ausbildungsbedingt seien viele Freunde nicht mehr vor Ort. Sie freut sich über Besuch und Einträge auf Facebook. Zu schaffen machen ihr mangelnde Konzentration und Merkfähigkeit. „Ich lese gerne, aber das geht im Moment gar nicht“, erklärt sie.

Als Annika erstmals an Leukämie erkrankt, vergehen fast drei Jahre bis zur Genesung. Nach Fachabitur und Start des Freiwilligen Sozialen Jahres spürt sie im Februar 2013 „monströse Schmerzen am ganzen Körper“ und ahnt: „Die Leukämie ist zurück.“ Die endgültige Diagnose sei wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. In Erinnerung an all die Infektionen während der Ersterkrankung denkt sie: „Wie soll das werden?“, bei starken Schmerzattacken: „Ich kann nicht mehr.“

Am Tag der Registrierungsaktion, bei der sie „so gerne“ dabei gewesen wäre, kommt sie an einem psychischen Tiefpunkt an. „Mich hat die Aktion sehr bewegt“, sagt sie. Große Freude keimt hingegen auf, als ihre Schwester als Stammzellenspenderin festgestellt wird. Die Transplantation erfolgt am 26. Juli. 20 Minuten dauert bei Annika die Bluttransfusion, für ihre Schwester ist die Spende nach viertägiger Hormontherapie anstrengender. „Dafür habe ich nur Qualität geliefert“, erklärt sie mit verschmitztem Lächeln. Danach liegt Annika isoliert, muss wegen Infektionsgefahr viele Medikamente einnehmen, sich aufgrund ihrer Immunschwäche sehr einschränken. Sie ist auch körperlich sehr geschwächt. 100 Tage sind Fisch, Speiseeis oder frische Sachen tabu, unter Menschen darf sie außerhalb des Krankenzimmers nur mit Mundschutz, registriert dabei Anstarren oder Wegschauen. Als Annika heimkehrt, müssen zeitweise Katzen und Pflanzen aus dem Elternhaus entfernt, ihr Zimmer steril gehalten werden. „Dadurch, dass es von Leukämie zu Leukämie schlimmer wird, bin ich sehr sarkastisch, selbstironisch geworden“, meint Annika und ergänzt: „Sobald ich Knochenschmerzen bekomme, schrillen bei mir die Alarmglocken.“ Aber sie kann auch lachen und Witze machen, hat während der Zeit im Vierbettzimmer in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) eine Party geschmissen mit Pommes und Cheeseburger – „worauf wir eben so Heißhunger hatten“.

Wie soll es 2014 weitergehen? „Nach meinem Freiwilligen Sozialen Jahr wollte ich eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin anfangen, doch wegen der Infektionsgefahr wurde mir davon abgeraten. Nun plane ich, ab dem Sommersemester in Hildesheim Soziale Arbeit zu studieren, doch erst muss ich aus meinem Tief herauskommen.“ Dazu tragen auch die regelmäßigen Untersuchungen in der MHH bei, bei denen immer jemand aus der Familie dabei ist. Ihre Eltern bestätigen, dass es „psychisch wie physisch ein wahnsinnig anstrengendes Jahr“ gewesen sei, in dem Strukturen wie Familie, Arbeit oder Freunde Halt gegeben haben. Die Angst sei aber immer präsent. „Wir wünschen uns ein leichteres neues Jahr“, sagen sie und fügen hinzu: „Das hohe Maß an Anteilnahme, den Zusammenhalt der Menschen, als die Typisierung anlief, fanden wir überwältigend. Wir sind allen von Herzen dankbar.“



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