weather-image
Friedrich Schorlemmer, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, spricht in der Kirche zum Heiligen Kreuz

„Über die Schwierigkeiten, ein Land zu regieren“

Hameln. Friedrich Schorlemmer ist ein wortgewaltiger Mann, einer, der die Massen faszinieren kann, der sich aber auch nicht zu schade ist, vor einem kleinen Publikum zu sprechen, so wie am Dienstagabend auf Einladung der Stiftung zum Heiligen Kreuz in der gleichnamigen Kirche im Klütviertel. „Narren soll man nicht über Eier setzen“ lautete der Titel des Vortrags, zu dem Schorlemmer aus der Lutherstadt Wittenberg angereist war, um über Martin Luther und dessen Auffassungen, „über die Schwierigkeiten, ein Land zu regieren“ referierte.

veröffentlicht am 15.12.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 11:41 Uhr

270_008_4422906_NDZ_Hm_1_.jpg

Autor:

Wolfhard F. Truchseß
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Wie ein roter Faden zieht sich durch Schorlemmers Vortrag der Anspruch Luthers an die Obrigkeit, ihre Untertanen gut und weise zu regieren und dabei vor allem jegliche Gewalt zu meiden. Das steht zwar in deutlichem Widerspruch zu Luthers Schrift während der Zeit des Bauernkrieges mit dem Titel „Wider die mörderischen Rotten der Bauern“ und seine Aufforderung, den Aufstand niederzuschlagen. Aber Schorlemmer verweist darauf, dass kaum einmal erwähnt werde, dass der Reformator zuvor scharfe Kritik an den Fürsten geübt und sie dafür gerügt habe, „dass sie schinden und rauben, um ihr üppiges Leben zu führen“. Ein üppiges Leben, das er auch jenen vorwirft, die heute im Gegensatz zu Hartz-IV-Empfängern ihren Wohlstand genießen. Äußerst kritisch setzt er sich dabei mit Verteidigungsminister zu Guttenberg und dessen teurem Flug mit seiner Frau nach Afghanistan auseinander. „Oder hat das alles RTL bezahlt?“, spekuliert der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels.

Ausgesprochen ärgerlich findet Schorlemmer auch die lukrativen Übergänge von Politikern in die Wirtschaft und nennt als Negativbeispiele die ehemaligen Minister Müller und Clement, den Ex-Staatssekretär Tacke, den früheren Ministerpräsidenten Koch und Ex-Bundeskanzler Schröder. „Das ist nicht mehr der Gerhard, den ich einst kannte“, klagt Schorlemmer und zieht eine Linie zum Raub der Nazis an den Juden, „die sie vertrieben und vergast haben, um dann auch noch ihr Eigentum auf den Flohmärkten zu verhökern“. Auch Propagandaminister Goebbels sei einer gewesen, „der sich schamlos bereichert hat“. Obrigkeit aber, und damit kommt Schorlemmer wieder auf Luther zurück, habe nach Auffassung des Reformators vor allem Dienstfunktion für die Menschen und müsse dafür sorgen, dass es ihnen gutgehe. Sie müsse für „Recht und Ordnung“ sorgen, wobei das Recht aus gutem Grund an erster Stelle stehe.

Als „unerträglich“ bezeichnet der frühere DDR-Bürgerrechtler jegliche Gewaltanwendung. „Wenn Gewalt angewendet wird“, erklärt Schorlemmer, „kann nicht mehr von Christen gesprochen werden.“ Und wenn es Krieg gebe, „straft Gott einen Schurken mit dem anderen“. Unerträglich findet Schorlemmer auch, wenn mit Gebeten wie von George W. Bush Krieg religiös legitimiert werde. Luthers Forderung sei klar: „Lasset die Geister aufeinander prallen, aber die Fäuste haltet still.“ Ein Streit sei mit Worten und Argumenten zu führen, Gewalt dürfe es nur zum Eindämmen von Gewalt geben.

Der Kirche weist Schorlemmer in Konflikten mit der Obrigkeit ein besonderes „Wächteramt“ zu. „Kirche muss der Obrigkeit ins Gewissen, aber nicht der Gewalt das Wort reden.“ Auch Widerstand dürfe es nur geben, ohne dabei Unrecht zu tun. Und weil das Regieren so schwierig sei, forderte der Vortragende seine Zuhörer auch auf, für die Regierenden zu beten. Schorlemmer: „Das meine ich ganz ernst.“

Friedrich Schorlemmer: „Betet für die Regierenden. Das meine ich ganz ernst.“ Foto: wft



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt