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Freiheit? Entzogen.

Über den sensibleren Umgang mit Fixierung in der Pflege

HAMELN. Freiheit. Ein Wort, das, wenn es wirken darf, etwas auslöst: Sehnsucht, Angst, immer starke Gefühle. Sie zu besitzen, ist in Deutschland das Recht eines jeden Bürgers, zugesichert über Artikel 2 des Grundgesetzes. Bis zu jenem Moment, in dem ein Richter anderes beschließt, nämlich dass sie eingeschränkt oder entzogen werden darf. Dafür, dass in Pflege- und Seniorenheimen, in Krankenhäusern und Psychiatrien, der Freiheitsentzug das letzte Mittel der Wahl ist im Umgang mit Bewohnern und Patienten setzt sich in Hameln eine Gruppe aus etwa 30 Personen ein, die sich dem „Werdenfelser Weg“ verschrieben hat.

veröffentlicht am 08.02.2018 um 07:00 Uhr

Freiheitsentzug: Neben der mechanischen Fixierung beispielsweise durch Gurte oder Bettgestelle kommen auch sedierende Medikamenten in der Pflege zum Einsatz. Foto: dpa
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Vor drei Jahren haben Marius Marczik, Pflegedienstleiter in der Scharnhorst-Residenz und die Richterin Desirée Wilkening die Initiative in Hameln ins Leben gerufen.

Davon, dass „die drei Jahre in Hameln-Pyrmont was gebracht haben“, ist Marczik überzeugt. Am Amtsgericht Hameln, zuständig für Betreuungsfragen, wird das bestätigt. Laut Direktor Dr. Herbert Seutemann erfassen Gerichte allerdings erst seit zwei Jahren separat, wenn eine sogenannte „unterbringungsähnliche Maßnahme“ beantragt wird. Zwar ist die Anzahl der Anträge auf eine Genehmigung derartiger Maßnahmen gestiegen – von 240 im Jahr 2016 auf 273 im Folgejahr –, doch das bedeute nicht, dass mehr fixiert werde, so Seutemann. Im Gegenteil, führt er aus, dahinter stecke, dass inzwischen mehr Maßnahmen genehmigungspflichtig seien als noch vor einigen Jahren und die Sensibilität in den Einrichtungen zugenommen habe. Als Beispiel nennt er Armbändchen mit GPS-Sender. Anders als früher bedürfe deren Einsatz heute eines richterlichen Beschlusses.

Regelmäßig treffen sich Ärzte, Richter, Pfleger, Heimleiter, Heimaufsicht und weitere Akteure im Zirkel „Werdenfelser Weg“ treffen, um eine zunehmende Sensibilisierung zu erreichen für diesen heiklen Bereich der Betreuung, in dem Entscheider abwägen müssen, und das oft schnell: Gefährdet ein Bewohner sich selbst? Andere? Ein Isolationsraum oder ein Griff zum Bettgitter, hochgestellt, löst ein Problem schnell. Eben dieser Griff beraubt den Betroffenen aber auch seiner im Grundgesetz verankerten Freiheit.

Neben der mechanischen Fixierung durch beispielsweise Gurte oder eben Bettgestelle spielt die Fixierung der Psyche eine Rolle: die Sedierung per Medikament. Für beides braucht es gemäß Paragraf 1906 Absatz 2 BGB den richterlichen Beschluss. Doch gerade bei der Gabe von Psychopharmaka ist laut Marczik manchmal schwer einzustufen: „Ist das schon Sedierung oder noch therapeutisch?“

Wir müssen eine Verhaltensauffälligkeit der Bewohner auch mal zulassen und nicht immer alles gleich stoppen.

Marius Marczik, Pflegedienstleiter

Der Werdenfelser Weg hat es sich zur Aufgabe gemacht, im Austausch nach kreativeren Möglichkeiten zu suchen, um Heimbewohnern, Patienten, aber auch Ärzten und Pflegern zu helfen und Freiheitsentzug zu vermeiden. Etliche Heime im Landkreis Hameln-Pyrmont hätten bereits ihre Konzepte überdacht und geändert, auch die Ärzte, Pflegekräfte und Berufsbetreuer hinterfragten inzwischen eher eine bis dato vielleicht als notwendig eingestufte Medikation. Berufsbetreuer müssten überdies einmal jährlich einen Bericht schreiben und die Behandlungspläne dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen übergeben. Das Verständnis habe zugenommen, macht Marczik eine Veränderung aus im Umgang mit den Menschen, die unruhig, rastlos, auffällig, vielleicht sogar aggressiv sind. „Wir müssen eine Verhaltensauffälligkeit der Bewohner auch mal zulassen und nicht immer alles gleich stoppen“, fordert Marius Marczik. „Und den Angehörigen sagen wir manchmal, dass Stürzen einfach auch Lebensrisiko sei.“

Bei allen erreichten Fortschritten sieht Marczik die Gefahr, dass der „akute Pflegenotstand“ weitere Verbesserungen verhindert. Die Pflegekräfte seien jetzt schon ausgeblutet. Die Aussicht der möglichen Großen Koalition auf 8000 weitere Pflegekräfte sieht Marczik kritisch und bezeichnet die Größenordnung als Tropfen auf den heißen Stein. Dabei ist ein deutliches Mehr an Personal nach seinen Schilderungen der Schlüssel zum würdigen Umgang mit zu betreuenden Menschen. Woher das kommen soll – darauf hat derzeit keiner eine Antwort. Aus Marcziks Sicht müsste zum einen die Gehälterkluft zwischen Kranken- und Altenpflegern beseitigt werden – in Krankenhäusern verdienen die Pflegekräfte bis zu 600 Euro mehr im Monat –, zum anderen müssten geregelte Arbeitszeiten durch eine größere Personaldecke ermöglicht werden. Unter den gegebenen Bedingungen in diesem Beruf bis 67 zu bleiben sei nicht möglich.

Um weiterhin das Bewusstsein für die Bedeutung der Freiheit und ihrer Einschränkung zu schärfen, würden in diesem Jahr Ärzte zu einer Fortbildung eingeladen von der Ärztekammer Niedersachsen. Gerade aus dieser Berufsgruppe „könnten es mehr sein“, die sich am Austausch der Gruppe Werdenfelser Weg beteiligen. Daneben wünscht sich Marczik mehr Beachtung auch durch Politiker.

Bekannter machen wollen die Akteure ihre Anliegen auch im Rahmen der Gesundheitstage, die am 23. September im Weserberglandzentrum stattfinden und am 7. Oktober in Hannover – und zusammen mit dem Landkreis ist ein Flyer zum Werdenfelser Weg entstanden, der auch online abrufbar ist, denn, so Marczik, „Freiheitsentziehung bedeutet auch immer ein Versagen der Gesellschaft“.

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