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Schulpflicht kein Garant, richtig lesen und schreiben zu können / Sinti besonders betroffen

Über 3000 Hamelner sind Analphabeten

HAMELN. Analphabetismus in Deutschland? In einem Land, in dem Schulpflicht herrscht? Doch die ist offensichtlich kein Garant dafür, richtig lesen und schreiben zu können. Rund sieben Millionen Deutsche gelten als sogenannte funktionale Analphabeten. Das bedeutet, sie können nicht gar nicht, sondern nicht richtig oder kaum lesen und schreiben. In Hameln gibt es mehr als 3000 Analphabeten, wie es vonseiten der Volkshochschule Hameln-Pyrmont heißt. Auffällig viele Analphabeten scheint es unter der nationalen Minderheit der Sinti zu geben.

veröffentlicht am 19.02.2018 um 12:30 Uhr
aktualisiert am 19.02.2018 um 14:45 Uhr

Funktionale Analphabeten können nicht gar nicht, sondern nicht richtig lesen und schreiben. Foto: dpa
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Inge Sporleder von der Volkshochschule (VHS) ist studierte Grund -und Hauptschullehrerin. An der Volkshochschule gibt sie Alphabetisierungskurse, also Lese- und Schreibunterricht. Zweimal die Woche jeweils zwei Schulstunden. Die Kurse sind klein, bestehen wie derzeit aus nur vier Personen, zwei Frauen um die 40 Jahre und zwei älteren Männern.

„Die Hemmschwelle ist sehr groß“, sagt Sporleder. Viele schämten sich oder hätten Angst vor der Herausforderung. Deshalb bestehe ihre Arbeit nicht nur im Unterrichten, sondern auch darin, Distanz abzubauen, Vertrauen herzustellen. Auch, um zu verstehen, wieso jemand nicht lesen kann. Der eine habe vielleicht eine motorische Störung, der andere eine Lernbehinderung. Häufig stecke auch ein psychisches Problem, eine Traumatisierung dahinter, sagt sie. Alkoholismus, Drogensucht im Elternhaus oder Missbrauch, führt Sporleder als mögliche Gründe an. Zum Lernen sei dann nicht mehr viel Platz im Kopf eines Kindes.

Die Gründe für Analphabetismus unter Sinti sind offenbar anders gelagert. Im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft haben überproportional viele Sinti keinen Schulabschluss oder gingen überhaupt nicht zur Schule, wie aus einer Studie der Bundeszentrale für politische Bildung hervorgeht. Vor allem unter den älteren Sinti haben viele nie richtig oder gar nicht Lesen gelernt. Ein Grund dafür liegt im Nationalsozialismus, der viele Sinti zum Schulabbruch zwang. Aber nicht nur.

„Früher ging es vor allem darum, zu überleben“, erinnert sich der Sinto Reilo Weiß (70) im Gespräch mit der Dewezet an seine Kindheit. „Schon als Kinder wurden wir von unseren Eltern zum Hausieren oder zu anderen Arbeiten mitgenommen.“ Es sei darum gegangen, dass am Ende des Tages Geld mit nach Hause gebracht wird. Dem habe alles andere hintanstehen müssen.

Dies übertrug sich auch auf die nächste Generation, wie Reilo Weiß’ Neffe Markus Weiß bestätigt. „Unsere Eltern haben uns mit auf Geschäft genommen, zum Hausieren, und so erzogen, später selbst mal selbstständig zu sein“, sagt der 50-Jährige beim Besuch der Dewezet in der Sinti-Missionsgemeinde in Wehrbergen. Markus Weiß kann jedoch lesen und schreiben, ging auf die Hauptschule. Aber einen Abschluss hat er auch nicht. In der Gemeinde predigt er.

Geleitet wird die Gemeinde von Mirko Weiß (46). Richtig lesen und schreiben kann er nicht. Dabei würde er nichts lieber können, als die Bibel richtig zu verstehen und eines Tages vielleicht mal selbst zu predigen. „Ich möchte in unserem Glauben weiterkommen“, sagt er. In der Schule habe er Vorurteile zu spüren bekommen. „Darum habe ich mich da nicht so wohlgefühlt“, sagt er. „Aber meine Eltern haben auch nicht so viel Wert auf die Schule gelegt.“ Seine Mutter könne lesen, sein Vater habe es nicht gekonnt.

Für Andreas Weiß (54) wurde Lesen und Schreiben erst wichtig, als er mit 18 seinen Führerschein machen wollte. „Da kam ein Lehrer zu uns nach Hause und zeigte mir, wie man die Buchstaben zusammenzieht“, erzählt er. Für den Führerschein hat es dann irgendwie gereicht. Dafür, die Bibel zu verstehen, reiche es nicht. Ein anderer Sinto, Anfang 60, erzählt, wie peinlich es ihm oft ist, nicht lesen zu können. „Es ist unangenehm, wenn man auf dem Amt oder im Krankenhaus Papiere ausfüllen soll, die man nicht versteht“, sagt er. Auf die Frage, ob die Mitarbeiter die Formulare für ihn ausfüllen könnten, heiße es oft: Das kriegen Sie schon hin! „Leider nein“, sagt er. „Ich kann heute ja noch nicht mal mehr einen modernen Fernseher einstellen.“ Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Aus Angst vor Repressalien will er sich in der Öffentlichkeit weder als Analphabet noch als Sinto zu erkennen geben.

Auch unter jüngeren Sinti gibt es Analphabeten. Viele gingen früher auf die Förderschule. Gar nicht mal, weil sie unbedingt mussten. Aber dann waren dort schon Cousins oder Geschwister, und da war es manchen Eltern nur recht, wenn ihr Kind auf die Schule ging, wo es schon Ältere gab, die auf die Kleineren aufpassten, erzählt Mirko Weiß. Die Gemeinschaft ist ihnen wichtig, das Misstrauen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft bis heute groß.

Bei Sabine Rosenberg-Laubinger (49) kamen noch andere Faktoren dazu. „Mein Vater war meistens unterwegs, meine Mutter ist taubstumm, dadurch blieb viel an mir hängen“, sagt sie. Etwas lesen habe sie sich selbst beigebracht, auch zur Abendschule sei sie mal gegangen. „Aber das reicht nicht“, sagt sie. So geht es auch Mirko Weiß. Auch er nahm mal an einem Alphabetisierungskurs teil – schloss ihn aber nicht ab.

Inge Sporleder kennt das. Immer mal wieder nähmen einzelne Sinti an ihren Kursen teil. „Die meisten halten nicht durch“, sagt sie. „Aber Lernen ist nun mal mühevoll und ein schrittweiser Prozess.“ Doch viele hätten offenbar nie richtig gelernt, was es heißt, zu lernen. Die Kinder von Mirko Weiß haben wie die meisten Sinti ihrer Generation dieses Problem nicht mehr. Sie können lesen und schreiben. Die Eltern haben irgendwann einsehen müssen, dass mit dem Reisegewerbe nicht mehr so leicht Geld zu verdienen ist. Also achteten sie darauf, dass die Kinder zur Schule gehen, damit sie es beruflich später einfacher haben als sie selbst, sagt der Gemeindeleiter.

In der Missionsgemeinde gibt es einige, die nicht lesen können, es gerne lernen würden, aber davor zurückscheuen, sich außerhalb ihres vertrauten Umfelds als Analphabeten zu outen. „Da sind viele gehemmt“, sagt Mirko Weiß. „Aber hier sind wir unter uns und alle zusammen“, meint Andreas Weiß. Es ist der unausgesprochene Wunsch nach einem Lehrer, um im trauten Kreise lernen zu können.

Von der Dewezet darauf angesprochen, zeigt sich Ilka Meinecke, Leiterin des VHS-Fachbereichs Grundbildung/Schulabschlüsse, nicht abgeneigt. „Wir sollten uns mal zusammensetzen“, findet sie.

Information

Hier gibt’s Hilfe

Wer Lesen und Schreiben lernen möchte, hat dazu in Hameln verschiedene Möglichkeiten. So bietet die Volkshochschule (VHS) Hameln-Pyrmont entsprechende Kurse für Erwachsene an, die in der Regel in Kleingruppen stattfinden. „Ein Einstieg ist jederzeit möglich“, teilt Ilka Meinecke von der VHS mit. Der Zugang soll so einfach wie möglich gestaltet werden. Beratungsgespräche und „Schnupperkurse“ sind möglich. Eine weitere Anlaufstelle ist das Regionale Grundbildungszentrum Weserbergland bei der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) in der Ruthenstraße 10. Ansprechpartnerin dort ist Susanne Schäfer-Dewald.pk



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