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Die Mediziner im Medical Center der Kaserne arbeiten ohne Hightech – aber sie haben Zeit für ihre Patienten

Ärzte, die zuhören können

Die gute medizinische Versorgung in der Kaserne hat sich herumgesprochen in der Erstaufnahmeeinrichtung. Die Flüchtlinge kommen gerne, auch um das Einerlei des Alltags zu durchbrechen. Die Ärzte, die dort für eine Aufwandsentschädigung arbeiten, ist eine Sache anders: Sie haben in diesem Umfeld Zeit für ihre Patienten.

veröffentlicht am 28.02.2016 um 17:25 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:04 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Hameln.Sie kommen mit Husten und Schnupfen. Besonders häufig auch mit Wirbelsäulenbeschwerden und Hautkrankheiten – meist ein Andenken an die beschwerliche Flucht. Und sie kommen gerne, denn der Alltag in der Linsingen-Kaserne ist lang und grau. Für die Flüchtlinge in der Hamelner Erstaufnahmeeinrichtung ist das Medical-Center eine willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei. Privatdozent Dr. Franz Josef Vonnahme kann ihnen das nicht verübeln. Er ist Arzt im Ruhestand und auch an seinem Alltag ist etwas anders als früher im Sana-Klinikum. Dort war er lange Jahre Chef der Hepato-Gastroenterologie. Vonnahme hat jetzt nämlich Zeit zum Zuhören. In der Kasernenpraxis braucht er keine ellenlangen Befunde zu dokumentieren, und Hightech-Medizin gibt es im Medical Center sowieso nicht. Nur ein Ultraschallgerät, um die Bäuche anzugucken, dass hätte Vonnahme gern. Und was er auch toll findet: Die Patienten bekommen sofort einen Termin, zumindest wenn es um allgemeine Beschwerden geht.

Rund 20 Menschen sind es, die jeden Tag kommen. Die gute medizinische Versorgung hat sich herumgesprochen unter den Flüchtlingen. Sprechzeit ist von 10 bis 14 Uhr. Insgesamt 28 Ärzte arbeiten im Wechsel für eine Aufwandsentschädigung. Dazu kommen 15 medizinische Assistenten, Sprachmittler und einmal in der Woche kommt eine Hebamme. Es gibt vier normale Betten und acht Quarantänebetten.

Bis Dezember wurde die Mitarbeit komplett ehrenamtlich organisiert. Koordinator ist Dr. Jens Mosel. Auf Dauer sei das jedoch nicht leistbar, die meisten Ärzte kämen neben ihrem normalen Praxisbetrieb in Kaserne um zu helfen. Extra einen Arzt anzustellen, kann sich der Landkreis nicht leisten. Genauso wenig übrigens wie Taxis für alle Patienten, die einen Arzttermin außerhalb der Kaserne hat. Das Gerücht, dass jeder Flüchtling die Fahrt zum Arzt umsonst bekomme, sei nicht wahr, sagt Vonnahme. „Eine Fahrt mit dem Taxi oder Krankentransport bekommen nur diejenigen, bei denen es medizinisch notwendig ist.“

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  • Dr. Franz Josef Vonnahme.

Langfristig soll eine Kollegin eingearbeitet werden, die schon jetzt aushilft. Sie ist selbst Migrantin, kommt aus Moldawien. Was noch fehlt, ist die Fachsprachprüfung.

Was oft besonders gefragt ist: seelische Unterstützung. Da ist der junge Mann mit den komplizierten Brüchen beider Oberschenkel, der die Schmerzen nur mit Opiaten ertragen kann und innerlich resigniert hatte. Oder der Junge, der beide Hände durch eine Bombe verloren hat. In beiden Fällen kümmert sich Vonnahme persönlich darum, wie es weitergehen kann, hört sich um nach Operationsmöglichkeiten und dem Preis für Prothesen – sie sollen auf Spendenbasis finanziert werden. Natürlich gebe es auch mal jemanden, der überzogene Erwartungen habe, doch das seien Einzelfälle. Besonders sorgfältig müsse man bei manchen Verschreibungen, sein, zum Beispiel Matratzen. „Das weckt schnell Begehrlichkeiten.“ Was alle wollen: das vermeintliche Allheilmittel – ein Antibiotikum. Gegen diese Erwartung kämpfe er durchaus mit Erfolg an. Doch ganz ohne Lutschpastille verlässt eigentlich keiner die Praxis. Aber unterscheiden sich die Flüchtlinge da tatsächlich von den deutschen Patienten? „Eigentlich nicht“, räumt Vonnahme ein.

Einen großen Unterschied gibt es allerdings: Die Patienten bekommen keine Rezepte. Die Sie bekommen ausschließlich Medikamente, manch einer muss dafür drei Mal am Tag in der Praxis vorbeikommen. „Medikamente sind viel wert“, sagt Vonnahme, durch die portionierte Ausgabe soll Handel vermieden werden.

Am Anfang habe er schon ein bisschen Angst gehabt, dass ihn die Aufgabe überfordere, sagt der Internist. Doch die Arbeit sei sehr entspannt. „Man hat hier echt Zeit für die Patienten“, wiederholt Vonnahme. Und er höre interessante Geschichten. Zugute sei ihm gekommen, dass er auch schon in der Dritten Welt als Arzt praktiziert hat, auch nach dem Irakkrieg hat er im Kurdengebiet geholfen. „Ich habe hier den Ehrenpeschmerga-Bonus“, sagt der Arzt stolz.

Wer ein ausrangiertes Ultraschallgerät spenden möchte, kann sich bei Koordinator Dr. Jens Mosel Tel. 05151/23906, melden.

Allgemeinmediziner Dr. Klaus Arnscheidt aus Bad Münder untersucht einen Patienten in der Kaserne. Ihm zur Seite steht Sprachmittler Driss Mayngote. Er spricht Arabisch, Französisch, Spanisch und Deutsch.

Foto: Doro



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