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Weltenwanderung mit Alem Grabovac

„60 Jahre Gastarbeit“: Fremd im eigenen Land

HAMELN. Um „60 Jahre Gastarbeit“ sollte es gehen. Am Ende ging es vor allem um Menschen. Und um das Wandern zwischen verschiedenen Welten. Was ja auch eine Art Migration ist.

veröffentlicht am 23.11.2021 um 17:26 Uhr
aktualisiert am 24.11.2021 um 20:00 Uhr

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Das Publikum, das am Montagabend in den Kunstkreis kam, war fast so bunt gemischt wie die Gesellschaft auf Bundesebene. Da hat jeder vierte Deutsche heute einen Migrationshintergrund. Das trifft auch auf die Hamelner Einwohnerschaft zu. „Da hat mich mein Eindruck beim Gang durch die Stadt also nicht getäuscht“, sagte Alem Grabovac (47) dazu. Der in Berlin lebende Autor war gekommen, um aus seinem autobiografisch geprägten Roman „Das achte Kind“ zu lesen. Die Lesung war Teil des Themenabends „60 Jahre Gastarbeit“, zu dem das Integrationsmanagement der Stadt eingeladen hatte. Im Rahmen der Begrüßung umriss Stadträtin Martina Harms die Geschichte der Gastarbeiter im Allgemeinen und von Hameln im Besonderen.

„Es roch nach Armut“

1961 schlossen Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen, das sich am 30. Oktober zum 60. Mal jährte. Bereits vor 1961 kamen Gastarbeiter aus Italien, Spanien und Griechenland nach Deutschland, danach aus Marokko, Südkorea, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Eine der Gastarbeiterinnen aus Jugoslawien war Alem Grabovacs Mutter. Ihr Sohn kommt in Würzburg zur Welt. Als er sechs Wochen alt ist, gibt seine Mutter ihn in eine deutsche Pflegefamilie. Er wächst auf in einem krassen Kontrastprogramm: bei seinen bürgerlichen deutschen Pflegeeltern in der baden-württembergischen Provinz und an jedem zweiten Wochenende an der Hanauer Landstraße in Frankfurt am Main, „wo es nach Armut roch“, so Grabovac; sein liebevoller Pflegevater war zugleich ein glühender Antisemit und Holocaustleugner, sein Stiefvater ein gewalttätiger Trinker. Mit ein bisschen mehr Frankfurt hätte er als Jugendlicher leicht Anschluss an die seinerzeit in der Mainmetropole umtriebige „Jugo-Mafia“ finden können. „Man kannte die Leute“, erzählte er. Aber, natürlich, hätte er auch Profifußballer bei Eintracht werden können! Stattdessen wurde er Diplom-Soziologe und Schriftsteller. Von all dem handelt Grabovacs Buch, aus dem er einzelne Kapitel einnehmend vorlas, von all den Gegensätzen und einander ausschließenden Welten also, die er früh „auszutarieren“ versuchte. „So habe ich gelernt, dass es mehrere Wahrheiten gibt“, sagte er in einer der Lesepausen, in denen, empathisch moderiert von Buchhändlerin Cornelie von Blum, einzelne Aspekte im Gespräch vertieft wurden.

„Wir durften keine Deutschen sein – aber wir waren’s“

Zum Beispiel die Wahrheit, dass er und seine türkischen oder griechischen Freunde lange nicht als Deutsche anerkannt wurden, obwohl sie hier geboren und aufgewachsen waren. „Wir durften keine Deutschen sein – aber wir waren’s“, sagte Grabovac. Denn um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, hätte lange Zeit zunächst die von den Eltern automatisch übertragene Staatsangehörigkeit aufgegeben werden müssen. Ein komplizierter bis unmöglicher Akt – Stichwort Jugoslawien-Krieg –, der teuer werden konnte. Eine Erfahrung von vielen, die zeige, dass Deutschland sich lange nicht als Einwanderungsland begriff. Aber heute sei vieles besser – „trotz AfD und Fremdenfeindlichkeit“, so Grabovac. „Immerhin sind wir jetzt Menschen mit Migrationshintergrund, statt -vordergrund.“ Gleichwohl, gab er zu bedenken, seien die „Machtstrukturen noch sehr deutsch geprägt“ … Doch dann war die Zeit auch schon um.

Teil des Programms waren auch eine Ausstellung des 2015 aus Syrien nach Hameln geflüchteten Künstlers Chahrazad Suliaman sowie eine Schmuckdarbietung von Zeynep Üretmen, Enkelin eines türkischen Gastarbeiters aus Hameln. Ferner gab es Exponate weiterer Türken, die als Gastarbeiter nach Hameln gekommen waren. Auch die im Juli erschienene Dewezet-Reihe über die türkischen Gastarbeiter von Hameln wurde ausgestellt. So vergingen zwei kurzweilige Stunden zum Thema Gastarbeiter im weiteren Sinne – und Menschen im engeren.



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