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Im damaligen Philadelphia-Club: Diskjockey stellte Weltrekord im Schallplattenauflegen auf

518 Stunden ohne Schlaf

HAMELN. Eine Nacht ohne Schlaf mag wohl jeder schon hinter sich haben. Vielleicht auch zwei. Aber gleich drei Wochen? Lothar Behnke stellte vor 50 Jahren in Hameln einen Weltrekord auf. 518 Stunden hat der Diskjockey in der Tanzbar „Philadelphia“ an der Ohsener Straße unentwegt Schallplatte aufgelegt – ohne Schlafpausen. Weltrekord!

veröffentlicht am 19.04.2019 um 09:30 Uhr

Lothar Behnke wohnt heute in Bremen. Foto: M. Märtens, Stadtmagazin Bremen
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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Während dieser Zeit verließ der damals 25-Jährige nur für drei Stunden täglich den Plattenstand. Vielleicht zwischendurch auch mal für die Länge einer Single – dann, wenn die Blase drückte. Zwischen den Ansagen blieb Zeit, um sich mit rohem Sauerkraut und Zwieback füttern zu lassen – um fit zu bleiben. Eine Tasse Pfefferminztee stand zur Aufmunterung bereit, auch Eiswürfel für die heiße Stirn des Rekordjägers. Schließlich wollte der damals als „Ralf“ von Radio Luxemburg bekannte Moderator in der Rattenfängerstadt den Rekord eines Schotten gleich um 200 Stunden überbieten. Das schaffte Behnke dann auch, bekam einen mächtigen Siegerkranz um den Hals gehängt und einen Citroën als Geschenk vor die Tür der Disko gestellt.

Ursprünglich lag sein Traumziel anfangs bei 450 Stunden. Dass er dann fast 70 Stunden draufpackte, soll „Schuld“ der Ufa-Wochenschau gewesen sein, die ihn in Hameln filmte, wie die Dewezet vor 50 Jahren schrieb. Mediziner trübten allerdings die Siegesfreude des neuen Rekordhalters. „Kein Mensch könne 518 Stunden ohne Schlaf auskommen, ohne ernsthafte gesundheitliche Probleme davonzutragen“, warnte ein Arzt aus Hannover.

Behnke dagegen muss die Torturen gut überstanden haben, auch auf Dauer. „Ich habe keine gesundheitlichen Schäden davongetragen. Ich bin jetzt 75 Jahre alt und habe keine großen körperlichen Mängel, kann alles essen, auch gut laufen. Das geht alles noch sehr ordentlich“, sagt der Rekordjäger, der heute in Bremen wohnt. Dabei sei das Gastspiel in Hameln nur ein Aufgalopp gewesen, meint er. Denn kurz nach seinen schlaflosen Tagen in Hameln schraubte er den Rekord in einer Kasseler Disko hoch auf 685 Stunden. Weltrekordler ist Behnke noch immer. Mit 2432 Stunden – also mehr als 100 Tagen – Plattenauflegen holte sich der DJ 1972 in der Mannheimer Diskothek „Blow up“ den noch aktuellen Weltrekord.

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1969 berichtete die Dewezet über den Weltrekord. Foto: Archiv/ Dewezet

„Das war schon dramatisch. Da passierten ganz böse Dinge. Ich habe am 40. Tag meine Eltern nicht mehr erkannt. Ich konnte nicht mehr sitzen, nicht mehr stehen, bekam hohes Fieber. Der Magen weiß nicht mehr, wann Tag und wann Nacht ist und fängt an zu rebellieren“, erinnert sich der DJ an die Tage in Karlsruhe. Als er die Augen nicht mehr offen halten konnte, habe man ihm die Lider festgenäht“, so Behnke. Und im „Blow up“ sei ihm bei vollem Bewusstsein ein Weisheitszahn gezogen worden, weil man ihn nicht narkotisieren konnte. Danach sei er wegen „tierischer Schmerzen“ einige Tage hellwach gewesen.

In den größeren Pausen sei er massiert worden, habe sich frisch machen und auf Toilette gehen können, erzählt „DJ Ralf“. Und essen konnte er in der Zeit. „Solange man noch essen konnte“, schränkt er ein. Aber schlafen? Das sei nicht möglich gewesen, so Behnke. „Machen Sie mal drei Nächte durch. Wenn Sie dann mal eine Stunde schlafen wollen, geht das nicht“, erklärt der Rekordhalter. Er habe versucht, während der Laufzeit einer Single punktuell zu ruhen. Das habe ihm ein Mediziner geraten, sagt der Weltrekordler.

In Hameln seien für ihn die Morgenstunden die schwersten Stunden gewesen. „Da gibt es nicht so ein reges Nachtgeschäft wie in den Metropolen. Deshalb musste er morgens, wo sich vielleicht zehn Leute in die Disko verirrt hatten, hinwegkommen“, erzählt der Musikfreund. Anders sei es in Kasel und Karlsruhe gewesen. „Da kamen schon morgens ganze Schulklassen. Die haben Biologieunterricht gemacht. Sie wollten den Idioten sehen und das, was an dem alles normal ist. Ich fühlte mich wie in einem Affenkäfig“, erinnert sich Behnke. Wie kam der Mann auf die verrückte Idee, Rekorde am Plattenteller aufzustellen? Behnke hatte von Rekordjagden gehört, die in Großbritannien stattfanden. Aber auch Geld soll eine Rolle gespielt haben. Lothar Behnke hatte zuvor in einer Band gespielt, kam dann zum Bund. Ein Psychologiestudium brach er ab. „Da habe ich mich dazu entschlossen, das berufsmäßig zu machen. Ich musste ein neues Feuer anfachen, mit dem ich richtig viel Geld verdienen konnte“, verrät der Champion. In Hameln sei der Verdienst schon recht ordentlich gewesen, so Behnke. Rund 500 D-Mark Tagesgage habe es gegeben, schätzt der Ex-Diskjockey. Brauereien und Mikrofonhersteller hätten seine Auftritte gesponsort, schließlich schaute auch die Öffentlichkeit zu. Selbst die Tagesschau soll berichtet haben und etliche Reporter von Frauenzeitschriften seien zu seinen Rekordversuchen gekommen. „Danach wurde ich durch die Diskotheken herumgereicht, weil alle dieses anatomische Wunder sehen wollten.“ Im Musikgeschäft ist der ehemalige Moderator nach seiner Diskjockey-Karriere geblieben. Vielen wird sein Name oder sein Gesicht nicht unbedingt bekannt vorkommen. Allerdings werden viele eine Erinnerung an ein Konzert haben, das Behnke arrangiert hat. Der Bremer hat jahrzehntelang mit seinem Partner Fritz Rau als Konzertveranstalter Weltstars in den Norden geholt. Bon Jovi, Harry Belafonte, Elton John, Queen, Genesis, die Rolling Stones und Michael Jackson. Die Liste der Musiker, die ganze Arenen in Hamburg, Bremen und Hannover füllten, ist lang.

„Bands wie PUR habe ich schon begleitet, als sie noch vor 100 Leuten spielten – und später dann in vollen Stadien“, sagt der 75-Jährige. Im Jahr, in dem er im Philadelphia-Klub den Rekord brach, lernte die DJ-Legende Peter Maffay kennen. Die beiden verbinde noch heute eine Freundschaft, so Behnke.



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