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Kita-Leiterin Christine Charles geht in den Ruhestand

„25 Kinder – alle wissen, dass das zu viel ist!“

HAMELN. Am 1. April 1985 war ihr erster Tag in der Awo-Kita Barchusen in Klein Berkel. „Wir lassen uns hier nicht alles gefallen“, sei einer der ersten Sätze einer „Kollegin vom alten Schlag“ gewesen, erzählt Christine Charles. Ihre Antwort: „Ich mir auch nicht.“ Seither sind 33 Jahre vergangen; jetzt geht sie in den Ruhestand. Mit der Dewezet hat sie über ihre Wünsche und Gedanken rund um Kindertageseinrichtungen gesprochen.

veröffentlicht am 26.11.2018 um 12:30 Uhr
aktualisiert am 26.11.2018 um 17:50 Uhr

Christine Charles an ihrem letzten Tag in der Awo-Kita Barchusen. Eine ihrer Überzeugungen: „Man muss lernen und sich trauen, sich einzumischen!“ Wenn mit einem Kind nicht gut umgegangen werde, muss jemand anderes Couragiertes einschreiten. Foto: Dan
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Natürlich hat sie keiner gezählt, doch würden die Tränen, die in den vergangenen Wochen geflossen sind, als Maß für Beliebtheit, Erfolg und Anerkennung herangezogen – mehr Bestätigung könnte Christine Charles kaum erfahren. Kollegen und Kolleginnen, Eltern, den Kita-Kindern, auch den ehemaligen weiteren Weggefährten und ihr selbst geht der Abschied nahe. Nach über 33 Jahren als Leiterin der Awo-Kita Barchusen geht „Charlie“, wie sie von nahestehenden Menschen genannt wird, in den Ruhestand. Der Rahmen, in dem sie sich 1985 in Klein Berkel bewegte, hat mit dem heutigen nicht mehr viel gemein.

„Damals waren die Aufgaben viel, viel, viel kindzentrierter“, erzählt Christine Charles. In der Beschreibung dessen, was es in ihren Augen heute häufig ist, schwingt Bedauern mit: „Heute ist Kita Verwaltung.“ Es werde von morgens bis abends dokumentiert, evaluiert, „wie viele Feiern mit Eltern haben wir gemacht, es gibt Checklisten, Audits, Balance-Score-Cards haben wir ausgefüllt – es gibt einen riesigen Berg an Dokumenten“. Letztlich hätten sie als Erzieher das dokumentiert, was sie wussten, sagt Christine Charles und nennt als Beispiel die zu beantwortende Frage: „Ist ein Kind eingewöhnt?“

Auch das Programm, das Kindern heute aufgebürdet wird – oft gut gemeint und auch sinnvoll –, betrachtet sie kritisch. „Der ganze Tag ist zerhackt“, sagt sie. Von alltagsintegrierter Sprachförderung, Logopädie über Angebote der Jugendmusikschule bis hin zum Sport haben viele Kinder reichlich zu tun. Was ihr daran missfällt: „Die Kinder können kaum Sachen so lange machen, bis es für sie zu Ende ist“, weil sie häufig das, womit sie sich gerade beschäftigen, unterbrechen müssen.

Du bist nicht geeignet.

Christine Charles, über einen Satz, den Ausbilder zu Auszubildenden sagen müssen, wenn er zutrifft.

Ihren Anspruch an eine gute Kita und in ihren Augen förderliche Rahmenbedingungen zu formulieren, fällt ihr leicht. Richtung Landesregierung sagt sie, sie hätte lieber reduzierte Gruppen gehabt statt weiterer Projekte. „Lieber 15 Kinder und zwei Erwachsene“ statt des dritten Erziehers mit Blick auf den zur Verfügung stehenden Platz. „Die Kinder brauchen Raum“, sagt Charles. „25 Kinder – alle wissen, dass das zu viel ist!“ Nicht der Betreuungsschlüssel sei entscheidend, sondern die Anzahl der Kinder, die in einer Gruppe Platz zum Spielen, zum Ausprobieren benötigen.

„Qualität in Kitas“ zu gewährleisten, das funktioniere nur, weil das Personal so engagiert ist. Ein Thema elektrisiert sie: die Qualifikation des Personals. Von der Schnellausbildung der dritten Kraft und Quereinsteigern hält sie nur bedingt etwas. Grundsätzlich sei Quereinstieg gut, doch man müsse bei jeder einzelnen Hilfskraft hinterfragen, was nehme die für die Kinder mit – sprich wie nützt sie den Kindern. „Nur weil jemand zwei Beine hat und geradeaus laufen kann, kann der nicht einfach auf Kinder losgelassen werden!“ Ihre Hoffnung liegt auf den Ausbildern, die sich trauen müssen, deutlich zu sagen: „Du bist nicht geeignet.“

Hunderte Eltern und Kinder haben ihren Weg gekreuzt, und zu vielen von ihnen fallen Christine Charles auch Jahre später noch Anekdoten ein. Sie merkt sich Menschen, beobachtet sie genau, analysiert und versucht zu verstehen. Bei Eltern fällt ihr auf, dass sie zum einen verunsichert sind hinsichtlich ihrer Erziehung. Früher galt die Kita als „familienergänzend“, heute „übernimmt sie viele Erziehungsaufgaben“; Christine Charles nennt als Beispiele feste Strukturen und Rituale. Zum anderen beobachtet sie bei Eltern eine enorme Mitteilungsbereitschaft. Sie erzählten vieles von ihren Kindern und über sie, was diesen vielleicht gar nicht recht und unangenehm wäre. Die Intimsphäre der Kinder gelte es zu achten – Kinder sollen geschützt, nicht bloßgestellt werden.



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