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Schätze des Museums kehren in die Innenstadt zurück / Möbel kommen als Letztes an die Reihe

„1.0.7.-03“ heißt der Code für eine Kostbarkeit

Hameln (ni). Umzug der anderen Art: Die Packer in der unscheinbaren Lagerhalle am Rande der Stadt tragen weiße Handschuhe. Das Seidenpapier auf dem großen Tisch vor ihnen ist säurefrei; die auf Rollen gewickelte Luftpolsterfolie und die Schaumgummimatten, die an der Wand lehnen, enthalten keine Weichmacher. Und jedes Stück, das durch die großen Männerhände wandert, ist nicht nur nummeriert, inventarisiert und auf einer langen Liste notiert, sondern wird auch so behutsam angefasst, als sei es aus dünn geschliffenem Glas. Die Schätze des Hamelner Museums kehren in die Innenstadt zurück.

veröffentlicht am 05.10.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 22:21 Uhr

Vorsichtig ist der Lüster in der Kiste aufgehängt – untendrunter ist Vließ verlegt. Fotos: Wal
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„1.0.7.-03“ – die großen schwarzen Ziffern auf dem gelben DIN-A4-Blatt sind nicht zu übersehen. Sie kleben an einem 80 x 40 Zentimeter großen Pappkarton, der gleich seinen Weg in den vor der Tür geparkten Umzugswagen finden wird. Dr. Gesa Snell gestattet einen Blick in den Karton. Zwischen Bergen von zerknülltem Seidenpapier liegt, weich geborgen, ein kostbares altes Gefäß. Die Nummer auf dem Karton entspricht der Nummer auf der Vitrine, die schon in einem der neu gestalteten Räume des modernisierten und erweiterten Museums steht und in der das Objekt seinen Platz finden soll. Durch diese Nummerierung wird die schnelle Zuordnung der im Museum angelieferten Kisten zu ihren Standorten in der neu konzipierten Ausstellung erleichtert – „und ein Chaos beim Auspacken verhindert“, erklärt Snell.

Vor drei Jahren wurde das „alte“ Museum für den bevorstehenden Umbau geräumt. Fast drei Wochen dauerte es damals, bis alle Exponate ins Depot transportiert waren. Alle? „Das dachten wir und haben dann bei den Umbauarbeiten auf einem Spitzbogen doch noch historische Bilderrahmen entdeckt“, erinnert sich Snell. In nur drei Tagen soll der Umzug der Ausstellungsstücke zurück ins Leisthaus und Stiftsherrenhaus über die Bühne gehen. Packer Marco Thanner und sein Kollege Olaf Mertin sind optimistisch, den Terminplan einhalten zu können.

Speziell ist bei diesem Umzug fast alles: Das Verpackungsmaterial, von dem die Exponate umhüllt werden, darf keine Chemikalien ausdünsten; die Packer sind ausgebildete „Kunst-Packer“, die Spedition ist eine anerkannte „Kunstspedition“, der Umzugswagen ist klimagesteuert und luftgefedert; eine Fachrestauratorin begleitet das Verpacken der Objekte und berät die Kunstpacker; jeder Gegenstand, der in einen Karton wandert, wird auf einer Liste abgestrichen, wenn er das Depot verlässt – und wird auf einer identischen Liste angekreuzt, wenn er im neuen Museum angekommen ist.

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Bei diesem Umzug „vergrößert sich das Volumen der Exponate enorm“, sagt Snell. Kleine Urnen erhalten eine maßgeschneiderte Umhüllung aus zentimeterdickem Schaumstoff, die wiederum exakt in einen Karton passt. Auch der mehrere Hunderttausend Jahre alte Wollnashorn-Schädel, „sehr schwer und zugleich extrem fragil“ wird mit Luftpolsterfolie umhüllt und zusätzlich in Schaumstoff gebettet, „damit er beim Transport ganz fest liegt, sich nicht bewegt und bitte nicht zerbricht“, so Snell. Für den vier Meter langen Einbaum aus der frühen Neuzeit wird eigens eine Sänfte gezimmert, damit er beim Rein- und Raustragen „nicht in der Mitte auseinanderbricht“. Und für den gläsernen Lüster haben die Packer einen „Löwenkäfig“ aus stabilen Brettern konstruiert. Das Prachtexemplar ist darin aufgehängt, und falls beim Transport doch eines der unzähligen kleinen geschliffenen Kristallplättchen abfallen sollte, landet es sanft auf einem zwischen Leuchter und Kistenboden gespannten Vließ.

Während die Packer dabei sind, Ausstellungsstücke aus der frühesten Epoche der Hamelner Geschichte in weich ausgepolsterten Umzugskartons zu versenken, warten die kostbaren Kirchenfiguren in einem klimatisierten Nebenraum noch auf ihre Rückreise. Der Heilige Antonius trägt einen Mantel aus Seidenpapier, damit sich auf seinem restaurierten Gewand möglichst kein Staubkorn niederlassen kann. Die Maria steckt schon in einer Kiste, umgeben von zerknülltem Papier, „damit sie nicht wackelt“, so Snell.

Insgesamt 1300 Objekte – von der winzigen Pfeilspitze aus einer Tür des Klütturmes, in deren Holz ein Besucher schon 1857 seinen Namen eingeritzt hat – ziehen vom Depot in das neue Museum um. Gut drei Viertel der Exponate waren laut Snell „bisher nicht zu sehen“. Als Letztes kommen die Möbel an die Reihe. Die sollen gleich „an ihren endgültigen Platz“ verfrachtet und damit vor unnötigem Hin- und Hertragen bewahrt werden. Noch sind sie von weißen Bettlaken und -bezügen bedeckt. „Die hat uns das Krankenhaus geschenkt, und wir haben sie gern genommen, als Schutz, der nichts kostet“, sagt Snell.

Diese alte Tonschale ist vorsichtig in Schaumgummi gebettet.



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