weather-image
10°

Vor 50 Jahren siedelte Familie Warda von Ostpreußen nach Hameln über

10 000 Zloty für ein neues Leben

HAMELN. Familie Warda siedelte vor 50 Jahren von ihrer Heimat Ostpreußen nach Hameln um. Angekommen in der Rattenfängerstadt konnte Familienvater Heinz Warda nicht mehr in seinem eigentlichen Berug als selbstständiger Landwirt arbeiten, doch er fand eine neue Aufgabe. 50 Jahre danach erzählen Sohn Erwin und Tochter Hannelore von damals.

veröffentlicht am 14.12.2017 um 12:00 Uhr
aktualisiert am 14.12.2017 um 14:25 Uhr

Leben immer noch in Hameln: Renate Hartig (v.li.), Reinhold Warda, Erwin Warda und Hannelore Knips. Die Schwester Edeltraut Venzmer wohnt in Königslutter. Foto: Dana
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

In dem Satz klingen Wehmut und Hoffnung mit: „Wenn er auch nicht in seinem eigentlichen Beruf tätig sein wird, so bestehen doch schon jetzt einige Aussichten, eine Stellung zu bekommen.“ Wehmut, weil Heinz Warda nicht mehr als selbstständiger Landwirt arbeiten würde, so, wie er es zuhause in Polen getan hatte; Hoffnung, weil eine feste Arbeit den 38-Jährigen befähigte, seine siebenköpfige Familie selbst zu ernähren. Und ja, Heinz Warda bekam einen Job. 50 Jahre nachdem der Satz in der Dewezet geschrieben stand, erzählen Sohn Erwin und Tochter Hannelore von damals.

Erwin war 10, Hanne 5, als sie zusammen mit ihren Eltern und den drei Geschwistern Renate, Edeltraut und Reinhold, ihr bisheriges Leben hinter sich ließen. Aufgewachsen waren sie bis dahin im einstigen Hügelwalde in Ostpreußen. Heute heißt der Ort Zieleniec und liegt in Masuren, wo damals die deutsch-polnische Grenze verlief. Vater Heinz und seine Frau Waltraut hatten seit Anfang der 1950er Jahre ein Ziel: Hameln, dorthin, wo schon Heinz’ Mutter Charlotte zusammen mit seiner Schwester und deren Mann lebten. Die Zusammenführung der Familie, um die sich das Deutsche Rote Kreuz und das Rote Kreuz in Polen damals kümmerten, beantragte Heinz Warda 1962. „Beamten bestochen, über Jahre gekämpft“, erzählt Sohn Erwin von den Bemühungen der Eltern, um aus der polnischen Besatzungszone zu reisen. Fünf Jahre später und gegen Bezahlung von 10 000 Zloty, die heute etwa 2300 Euro entsprechen, konnten sie ihr neues Leben im Westen beginnen.

Das vorweihnachtlich und hell beleuchtete Berlin, als sie nachts durch die Stadt fuhren, hat die damals siebenjährige Renate nachhaltig beeindruckt; der Unterschied zum kleinen Heimatdorf war riesig. „So viel Spielzeug!“ – Das ist Hannelores erste Erinnerung, die ihr in den Sinn kommt. So viel Spielzeug in Friedland, dem Grenzdurchgangslager, das seit 1945 für über vier Millionen Menschen das Tor zu einem neuen Leben war. „Das kannten wir so nicht“, erzählt Hanne, wie sie genannt wird, aus ihrer Kindheit. Und Kaugummi! „Das war nicht lecker, aber besonders.“ Das Leben der Wardas in Ostpreußen war bescheiden gewesen, und gemessen an dem kleinen Häuschen, in dem sie damals gelebt hatten, war die etwa 80 Quadratmeter große Vier-Zimmer-Wohnung, die sie knapp einen Monat nach ihrer Ankunft in Hameln beziehen konnten, luxuriös. In Hügelwalde teilten sich alle fünf Kinder zusammen ein Zimmer – die drei Mädchen schliefen in einem Bett, die drei Jungs im anderen; das Plumpsklo war hinterm Haus. In Hameln gab es immerhin zwei Kinderzimmer, ein Bad, eine Küche, ein Wohn- und das elterliche Schlafzimmer. Das Datum, an dem sie in die „nagelneue Wohnung“ in einem Sechsfamilienhaus an der Dr.-Winter-Straße in der Nordstadt zogen, ist den längst großen Kindern noch bekannt: 11. Januar 1968.

Edeltraut Venzmer

Bereut hätten die Eltern ihre Entscheidung, nach Hameln umzusiedeln, nie, erzählen Hanne und Erwin. Nur vermisst hätten sie die landwirtschaftliche Arbeit. Als kleiner Ersatz diente der Schrebergarten am Einsiedlerbach, mit dessen Ertrag sie die Familie noch jahrelang selbst versorgten. Außerdem arbeitete Vater Heinz bei „Biermeyer“ an der Fischbecker Straße. Dort, wo heute Aldi & Co. sind. „Schwere Arbeit, wenig Geld“, weiß Erwin noch. Auch die Mutter habe mitgearbeitet, als Reinigungskraft. „Sie hatte ja durch die Kriegszeit keine komplette Schulausbildung“, erzählt Hanne. Und trotzdem habe sie lesen und schreiben können, erinnert sich Erwin.

Viele Male sind sie seit ihrer Ankunft noch zusammen mit den Eltern zurückgereist, in deren Heimat. Auch sie selbst habe „ein leichtes Heimatgefühl“ gehabt, sagt Hanne über das Wiedersehen mit dem Elternhaus, in dem sie fünf Jahre gelebt hatte. „Elf Leute waren wir 1986“, erzählt Erwin, „bis 2010 sind wir regelmäßig hingefahren.“ Zuletzt mit fünf Enkelkindern. Immer seien sie ganz herzlich aufgenommen und üppig bewirtet worden. Urlaubsziel war in all den Jahren stets Polen, sagt Hanne, das war auch für ihre Kinder unumstößlich. Trotz aller Sprachbarrieren – denn nur ihre Eltern konnten neben deutsch auch polnisch sprechen, was sie mit ihren Kindern wiederum nie taten, erzählt Hanne. Heute bedauere sie es, dass sie die Sprache, die sie mit den anderen Kindern im Dorf noch verbunden hat, nicht mehr beherrscht. Ihr Bruder Erwin, der bei der Umsiedelung schon zehn Jahre alt war, kann noch ein paar Brocken Polnisch verstehen, sprechen aber auch nicht mehr.

Die gemeinsamen Familienreisen zu den eigenen Wurzeln gehören der Vergangenheit an. Die Verständigung wäre ein Problem, sagt Hanne. Denn die beiden Dolmetscher, Vater Heinz und Mutter Waltraut starben im vergangenen Jahr im Alter von 87 und 83. Und, da sind sich Erwin und Hanne einig, „ohne Eltern wäre es nicht das Gleiche“.

Die Zusammenführung der Familie in Hameln war dem Vater ein Herzenswunsch, ein weiterer war die Zukunft seiner Kinder. „Ihm war es immer wichtig, dass wir alle eine Ausbildung machen und Eigentum erwerben“, erzählt Hanne Knips. Diesen Wunsch „haben ihm alle fünf Kinder erfüllt“. Die Ausbildung machten alle bei Hamelner Firmen – Erwin ist Kfz-Mechaniker, Renate und Edeltraut lernten Kauffrau im Einzelhandel, Hanne Bankkauffrau und Reinhold Goldschmied. Noch heute leben vier der fünf Geschwister in Hameln.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt