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„Wenn ich es spiele, ist es Blues“ – Bad Temper Joe in der Kulturmühle

Mut zur Pause

BUCHHAGEN. Seine Titel schreibt er alle selbst und seine Stimme knarzt wie 60 Jahre gelebtes Leben: Bad Temper Joe, 29-jähriges Bluestalent aus Bielefeld. Der Mann mit den schnellen Fingern war zu Gast in der Kulturmühle in Buchhagen. Ein Konzert voller Wehmut.

veröffentlicht am 26.09.2021 um 15:33 Uhr

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Reingelassen wird man nur, wenn man geimpft oder genesen ist. „Lieber safe als sorry“ sagt Ruth Emanuel am Freitag zur Begrüßung. Sie hat zum ersten Konzert seit Langem in die Kulturmühle geladen. Und knapp 50 Besucher sind gekommen, um den Sänger und Gitarristen Bad Temper Joe zu erleben.


„Lieber safe als sorry“ wäre auch ein guter Titel für ein Bluesstück. Denn Joe hat den Blues. Er hat ihn in den Fingern, in den Haaren und in der Stimme. Und seine Titel schreibt er alle selbst. „Gerade war ich noch ein Vogel am Himmel, jetzt sind meine Flügel lahm“, singt der Mann mit Hut. Liebeskummer ist eins der bevorzugten Themen im Blues. Und ein weiteres: Das Leben ist anstrengend und ich hasse alle Menschen. Auch davon singt - nennen wir ihn im Folgenden einfach BTJ – des Öfteren. Der zweite Song zeigt viel von der kunstvollen Gitarrentechnik, die der medial vielfach gelobte Bielefelder beherrscht. Dazu kommt die knarzige Stimme, die sich anhört, wie sechzig Jahre gelebtes Leben.

„Erst mal hinsetzen“, sagt er, „den ganzen Abend zu stehen ist gar nicht so einfach im Alter.“ Nun ist der Sänger auf der Bühne der Kulturmühle erst neunundzwanzig – es ist eben alles eine Frage der Attitüde. BTJ hat hier heute Abend auch im Sitzen durchaus das Zeug, zum Publikumsliebling zu avancieren. Er moderiert wenig und kassiert für jeden seiner gelassenen Sätze viel Applaus. Er spielt ein Lied in D-Dur, sagt, das ginge ja wohl aus dem Blues-Schema hinaus, aber es gäbe eine einfache Regel dafür, was Blues ist. „Wenn ich es spiele, ist es Blues.“

Schwüle Südstaatenatmosphäre im Weserbergland

Seine Fingerfertigkeit ist grandios. In „If tears were diamonds“ bringt er mit dominanten Bass- und filigranen Flagiolettönen eine schwüle Südstaatenatmosphäre ins Weserbergland. Der Song könnte auch die Titelmusik eines Wim-Wenders-Films sein. Man verzieht unwillkürlich das Gesicht vor lauter Weltschmerz. Mäuschenstill ist es, wenn BTJ ein Solo aus nur drei Tönen spielt; die langen Pausen werden zur unendlichen Traurigkeit.

Drei Gitarren hat er mitgebracht, und er wechselt sie mit Bedacht, um trotz des relativ überschaubaren Grundschemas des Blues eine breite Vielfalt an Klängen zu erzeugen. Bottleneck auf der Slidegitarre, Fingerpicking, Obertöne und Schlagen – das sind die Techniken, derer er sich bedient. Bluegrass, Country (und Western, für die Eingeweihten) Folkballaden, ein bisschen Cajun und schnöder, erdiger Rock, das sind die Genres, in denen er sich bewegt.

Man wäre auch nicht erstaunt, wenn Rick Parfitt, der Sänger von Status Quo, auf die Bühne schlurfen würde, um zur Begleitung von BTJ „Whatever you want“ zu singen. Von der Haarlänge her könnte Parfitt sein Bruder sein, vom Alter her sein Opa. Aber gute Gitarrenphrasen sind gute Gitarrenphrasen, und gut geklaut ist halb gewonnen. Man ahnt John Mayall und Canned Heat; auch dieses Lied wird durch die nasale, eindringliche Stimme zu einem BTJ-Werk.

Das mittelständige weserbergländische Publikum ist nicht gerade die Zielgruppe des Blues. Die wenigsten der heutigen Gäste haben den Freitag auf dem Feld verbracht, während sie von Peitschenschlägen der Aufseher angetrieben wurden, aber das rhythmische Kopfnicken und die vereinzelten Tanzeinlagen der Zuhörenden zeigen, dass das, was der sechzigjährige Mann von neunundzwanzig Jahren hier heute Abend präsentiert, gut ankommt.

Musikalisch ist das sicher nicht jedermanns Sache. Aber dieser traurige, zynische junge Sänger mit den atemberaubend schnellen Fingern wirkt eben total authentisch.

Das macht das Konzert zu einem Höhepunkt der herbstlichen Kulturveranstaltungen in der Region. Zwei Besucherinnen sind aus Goslar gekommen. „Wir wären auch bis nach Braunschweig gefahren, um BTJ zu sehen“, erklären sie. Na wenn das kein Kompliment ist ...



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