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Wie der Sabbenhausener Wolfgang Focke den offiziellen Anlaufstellen ehrenamtlich auf die Sprünge hilft

Zähes Ringen um Geld aus dem Heimkinder-Fonds

Sabbenhausen / Baarsen. Kinder, die nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre hinein von Amts wegen ins Heim gesteckt wurden, mussten viel aushalten. Denn mit dem, was heutige Pädagogen unter Erziehung verstehen, hatte die Behandlung der „Zöglinge“ in den staatlichen und kirchlichen Heimen wenig zu tun. Die Mädchen und Jungen wurden oft von vornherein als „schwer erziehbar“ abgestempelt – auch dann, wenn ihr einziges Vergehen darin bestand, in eine Problemfamilie oder unehelich geboren zu sein.

veröffentlicht am 05.05.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.01.2017 um 09:22 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Lieblosigkeit war in den Anstalten üblich. Oft kamen drakonische Strafen für jedes Fehlverhalten, Zwangsarbeit und Misshandlungen dazu. Die waren zwar auch schon damals strafbar. Doch die Täter bauten darauf, dass den Heimkindern ohnehin niemand glauben würde, wenn sie sich beschwerten. Denn jedes gesunde Selbstbewusstsein wurde ihnen ausgetrieben. Viele tragen auch Jahrzehnte später an den Folgen und haben ihr Leben nie wirklich in den Griff bekommen. Aber nur wenige wollen nach so langer Zeit eine Therapie, sondern Geld aus dem Fonds „Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1949 bis 1975“.

Der heute in Sabbenhausen lebende Wolfgang Focke sagt: „Ich bin kein dummes Heimkind mehr.“ Deshalb hilft er jetzt anderen im Kampf um Wiedergutmachung aus de Fonds. Denn er ist ehrenamtliches Mitglied des dazu in Münster angesiedelten Arbeitskreises (wir berichteten).

„Ich bin auch ein paar Mal aus dem Heim abgehauen“, erzählt Rita de Beer. Die 65-Jährige verbrachte fast sechs Jahre im Heim und erinnert sich: „Wann man wieder aufgegriffen wurde, gab es drei Tage Bunker. Da standen nur eine Pritsche und ein Eimer drin.“ Um einen weiteren Fluchtversuch zu verhindern, habe sie danach wochenlang nur Holzschuhe tragen dürfen. „Denn diese Klotschen waren laut und scheuerten. Man konnte darin nicht schnell laufen.“

Mit solchen Gedanken an ihre Jugend quält sich Rita de Beer nicht gern. Daran, dass sie als Heranwachsende unentgeltlich schuften musste, wird die Baarsenerin allerdings jeden Monat beim Blick auf ihre 182 Euro Rente erinnert, die mit Grundsicherung aufgestockt werden muss. Denn für das Pflücken von Erdbeeren oder das Nähen von Arbeitshandschuhen im Akkord in ihrer Jugend ist sie nie entlohnt worden. Weder die Arbeitgeber noch das Heim, dem das Geld zufloss, zahlten für sie in die Rentenkasse ein. „Man musste die Arbeit ja machen, sonst wäre man wieder in den Bunker gekommen“, sagt de Beer.

Die Idee, dass sie eine Entschädigung beantragen könnte, kam der 65-Jährigen Anfang des Jahres. Da las sie in den Pyrmonter Nachrichten, dass der Sabbenhausener Wolfgang Focke nun ehrenamtlich Betroffene in Nordrhein-Westfalen berät.

„Wenn ich ihn nicht gehabt hätte…“, sagt die Baarsenerin heute. Denn Focke recherchierte für sie, wer bei der Kreisverwaltung in Hameln zuständig ist und verhandelte mit dem Mitarbeiter dort. „Der kam dann nach Baarsen und versprach, die Anträge nach einer Woche zum Unterschreiben vorbeizubringen.“

Denn nicht nur Rita de Beer konnte eine Rentenersatzzahlung erwarten, sondern auch ihr Mann. Auch er hatte als Junge im Heim gelebt und für „Gotteslohn“ arbeiten müssen.

Von dem Landkreis-Mitarbeiter sei dann aber vier Wochen lang nichts mehr zu hören gewesen, erzählt Focke. „Er hat gesagt, er sei Vormund für 51 Kinder. Die gingen vor“, erinnert sich Focke.

Während dieser Wartezeit starb Rita de Beers Mann. Somit trage der Kreis-Mitarbeiter die Verantwortung dafür, dass die errechnete Summe – einmalig 300 Euro für jeden Monat unbezahlter Arbeit in der Jugend – nicht komplett ausgezahlt wurde, ist Focke sicher. Das hat der Kreis-Mitarbeiter sogar schriftlich eingeräumt und dem zuständigen Lenkungsausschuss in Köln empfohlen, das Geld auszuzahlen. „Von dort bekam ich trotzdem die Auskunft, es sei nicht vererbbar“, sagt Focke. „Aber das stimmt nicht.“ Deshalb will er weiterkämpfen. „Denn hier geht es um eine Wiedergutmachung für die Heimkinder.“ Blockiere Köln weiter, dann wolle er sich ans Sozialministerium wenden.

Was Focke ärgert: „Die Beratungsstellen wissen mit den Anträgen gar nichts anzufangen. Dabei werden die Leute dort bezahlt – und ich mache die Arbeit.“ Obwohl es bundesweit zig Anlaufstellen gibt, ist es Focke, den Ratsuchende aus ganz Deutschland anrufen. „Ich habe seit Januar etwa 40 Antragsformulare verschickt“, überschlägt er. „Und ich packe immer eine Kopie meines ausgefüllten Antrags dazu, damit die in den Anlaufstellen sehen, wie der ausgefüllt werden muss.“

Immerhin: Rita de Beer in Hameln-Pyrmont hat sein Einsatz geholfen. Aber sie scheint dort die bisher einzige Nutznießerin zu sein. „Acht ehemalige Heimkinder haben sich bei uns gemeldet“, erklärt Landkreis-Sprecherin Sandra Lummitzsch auf Anfrage. „Ein Fall davon ist beendet, der Antrag wurde bewilligt.“ Der in der Anfang 2012 eingerichteten Anlaufstelle arbeitende Kollege habe Ende 2011 eine eintägige Fortbildung zum Thema bekommen und erhalte seither regelmäßig Informationen, wenn sich Änderungen ergäben. Lummitzsch: „Aber das Thema ist für uns noch Neuland.“

Dass viele Beratungsstellen mit der Aufgabe schlicht überfordert sind, legt eine Nachricht aus Berlin nahe. Dort hat die Leiterin der Anlaufstelle nach wenigen Monaten gekündigt, weil die Stellen aus ihrer Sicht nicht hinreichend auf ihre Aufgaben vorbereitet seien.

„Wenn ich ihn nicht gehabt hätte…“, sagt Rita de Beer über Wolfgang Focke. Der für Heimkinder in NRW ehrenamtlich Tätige Berater hat ihr zu einer Rentenersatzzahlung aus dem Heimkinder-Fonds verholfen. Dass die Wiedergutmachung für ihren Mann zu spät kam, weil ein Behördenmitarbeiter zu lange brauchte, will Focke nicht hinnehmen. Foto: jl



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