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Fette Brocken in der Unterwelt

Was Bad Pyrmonts ganz spezieller Wassermix im Kanal anrichtet

BAD PYRMONT. Die Kurstadt ist schon ein ganz besonderer Ort. Auch und gerade unter der Erde. Die diversen gesundheitsfördernden Quellen sind das einzigartige Kapital des Staatsbades. Doch was dem Menschen guttut, kann einem Kanal gewaltig zusetzen.

veröffentlicht am 15.06.2017 um 21:25 Uhr

Wenn die Reinigungsdüse mit einem Höllenlärm durch den Kanal tobt, spritzt das Wasser nur so aus dem Schacht. Und das Rohr wird frei. Foto: jl
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Wo rohe Kräfte sinnvoll walten: Wenn Marc De Rouck den „Blue 100 Vibro“ zum Einsatz bringt, dann empfehlen sich Lärmschutz-Stöpsel im Ohr. Denn einmal am Netz, wird aus dem unscheinbaren Metallvorsatz am Schlauchende eines Kanal-Spülwagens ein mörderisch lautes Spezialwerkzeug. Das kam jetzt unterm Pyrmonter Sparkassenweg zum Einsatz, vor dem Minipark mit seinem Trampelquellen-Weg. Zwar unterirdisch in einem Kanalrohr, aber weithin hörbar. Denn die Kombination aus tanzender Abrissbirne und Wasserdüsen entwickelt am Einsatzort eine ungeheure Kraft. Während der vibrierende Düsenkopf wild durchs Rohr springt und dabei immer wieder gegen dessen Seitenwände stößt, werden die Ablagerungen zusätzlich mit Wasser beschlossen. 330 Liter pro Minute, mit einem fast unvorstellbaren Druck von 200 bar. Zum Vergleich: Das Trinkwasser in den Leitungen eines Wohnhauses steht im Durchschnitt mit 3 bis 4 bar unter Druck. Und ein fabrikneuer Feuerwehrschlauch hält maximal 60 bar aus, bevor er platzt.

Der Vibro funktioniere ungefähr so wie eine elektrische Ultraschallzahnbürste, erklären die beiden von der Stadt mit der Kanalwartung beauftragten Fachleute aus Marienmünster. Wer dabei die prügelnde Düse und das Krachen der berstenden Kalkbatzen im Betonrohr hört, könnte glatt Zahnweh bekommen. Denn der Schlauch des Abwasserreinigungswagens wird mit der Spezialdüse zur Waffe. Sie kommt dann zum Einsatz, wenn selbst hochpotente Fräsroboter versagen. Und doch arbeite er so schonend, dass die eigentliche Kanalwand keinen Schaden nehme, sagt Vertriebler De Rouck. Der 32-Jährige kommt mit Wohnmobil samt Anhänger aus der Gegend von Augsburg und fährt zu Kundenbesuchen durchs ganze Land. Und mehr noch: „Wir haben sogar schon Kunden am Balkan.“

Für den zugesetzten Mischwasserkanal in der Pyrmonter Innenstadt entpuppt sich das stählerne Spezialgerät als letzte Rettung. Zwei Drittel des 30-Zentimeter-Rohrs waren dicht. Der Belag: steinhart. „Da passte auch keine Kamera mehr durch“, sagt Hans-Joachim Böhnke aus der Bauverwaltung im Rathaus. Er bekam es vor ein paar Monaten mit dem Problem zu tun. „Nach der Reparatur eines von Baumwurzeln eingewachsenen Hausanschlusses haben wir geguckt, wie der öffentliche Kanal da überhaupt aussieht.“ Und, Überraschung: Da floss fast gar nichts mehr. Nach einem Regen sei das Wasser aus dem Kanaldeckel geschwappt und den Weg hinuntergeflossen, erinnern sich die Service-Mitarbeiter. „Wir konnten die Leitung nur notdürftig freispülen“, sagt Kanaltechniker Jakob Schmidt. „Die Ablagerungen gingen einfach nicht runter.“ Erst habe man überlegt, ob da jemand etwas in einen Ausguss kippt, was da nicht reingehört. Doch inzwischen ist der Grund bekannt: Es ist die ganz spezielle Qualität des Pyrmonter Wassers.

Marc De Rouck zeigt einen kiloschweren Belag-Brocken, der sich von der Kanalschacht-Wand gelöst hat. Die eigentliche Leitung war zu fast zwei Dritteln zugesetzt. Da half nur die Spezialdüse aus Süddeutschland. Fotos: jl
  • Marc De Rouck zeigt einen kiloschweren Belag-Brocken, der sich von der Kanalschacht-Wand gelöst hat. Die eigentliche Leitung war zu fast zwei Dritteln zugesetzt. Da half nur die Spezialdüse aus Süddeutschland. Fotos: jl

Doch warum sollte das regelmäßig von Regenwasser verdünnte Abwasser im Mischkanal so kalkig sein? Ist der saure Regen also doch nur ein Gerücht? Die Antwort ist simpel: Durch das Rohr fließt auch überschüssiges Heilwasser. Was die nach dem Badearzt Dr. Johann Erhard Trampel (1737-1817) benannte nahegelegene Trampelsche Quelle aus den Tiefen der Erde freigibt, enthält einen ganz speziellen Mineralen-Cocktail. Der Calcium-Magnesium-Hydrogencarbonat-Sulfat-Säuerling gilt als Arzneimittel. Das Heilwasser entspringt einer der sieben Quellen, die in der Pyrmonter Wandelhalle ausgeschenkt werden. Doch was dem Menschen guttut, bekommt der Abwasserleitung nicht. Sie verkalkt.

Gute drei Stunden brauchen die beiden Kanal-Experten von Weise & Sohn mit Unterstützung von Marc De Rouck, um das Rohr auf 30 Metern Länge von der über Jahrzehnte gewachsenen dicken Wand im Innern zu befreien. Hätte Jakob Schmidt den Wasser-Wagen nicht mehrfach neu betanken müssen, wäre es noch ein bisschen schneller gegangen.

„Ein Fräsroboter so teuer wie ein Oberklasse-Auto hätte da wochenlang drangehockt“, glauben die Männer. Die Alternative wäre dann eine große, noch teurere OP: Straße aufreißen, Rohr raus und neues verlegen.

So aber werden die Belag-Batzen noch im Rohr zertrümmert und gleich nach dem Spülen in einen Spezialtank gesaugt. Nach dem Wasserablassen enden sie als Bauschutt. Bis auf einen kiloschweren Brocken, der sich von der Schachtwand gelöst hat. Der wird jetzt zum Souvenir.

Die 40 000 Liter, die in den Kanal gepumpt werden, sind übrigens kein Trinkwasser. Ihren Wagen füllen die Männer aus dem Nachklärbecken der Pyrmonter Kläranlage. „Das ist so sauber, dass es in die Emmer abgeleitet wird.“

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