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So vergeht die Urlaubsfreude

Von wegen barrierefrei: Anreise mit Hindernissen

BAD PYRMONT. Endlich mal wieder nach Bad Pyrmont! Hilde und Karl-Heinz Lihring aus Bremerhaven hatten sich mächtig auf die Urlaubswoche in der Kurstadt gefreut. Doch schon die Ankunft am vergangenen Wochenende empfanden beide als Katastrophe: „Ich kam nicht aus der S-Bahn“, schildert Hilde Lihring, was ihr widerfuhr.

veröffentlicht am 23.05.2018 um 21:21 Uhr

Hilde und Karl-Heinz Lihring aus Bremerhaven hatten ihre Anreise nach Bad Pyrmont mit der Bahn ganz ordentlich geplant. Doch dann kam für die auf den Rollstuhl angewiesene 79 -Jährige und ihren 93 Jahre alten Ehemann auf den letzten Metern alles ande
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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„Die Vorderräder meines Elektro-Rollstuhls haben sich im Spalt zwischen Zug und Bahnsteig verkantet.“ Die 79-Jährige gab panisch Gas, ihr 120-Kilo-Rolli drehte sich um die eigene Achse, „und dann bin ich dem Lokführer und meinem Mann über den Fuß gefahren“. Der Lokführer habe, offenbar mangels Klapprampe, nicht helfen können. Er empfahl nur das Rückwärts-Herausfahren.

Dabei hatte Hilde Lihring Bad Pyrmont in guter Erinnerung. Sie war schon wiederholt hier und hat viele andere Besucher mit ihrer Begeisterung angesteckt. Ganzen Seniorengruppen aus Bremerhaven zeigte sie als ehrenamtliche Reisebetreuerin die Schönheiten des Ortes, als sie noch gehen konnte. Aber nun sagt sie: „Nie wieder Bad Pyrmont.“ Nach der Amputation beider Beine hat sie die letzte Etappe der Anreise von der harten Seite kennengelernt.

„Als wir in Bad Pyrmont aus der S-Bahn rauswollten, ging ich nach vorn zum Triebwagen, klopfte an die Scheibe und fragte nach einer Rampe“, erzählt Karl-Heinz Lihring. Auf seine Frage hin habe der Lokführer die Gegenfrage gestellt, ob Lihrings die Fahrt mit dem E-Rollstuhl denn nicht angemeldet hätten, erinnert sich der 93-Jährige weiter. Doch. Hatten sie. In dem im Bremerhavener Hauptbahnhof für die Eheleute ausgedruckten Reiseplan sind zwei Eigenschaften der gebuchten S 5 Hannover-Bad Pyrmont sogar extra erwähnt: „Fahrzeuggebundene Einstiegshilfe vorhanden“ und „behindertengerechte Ausstattung“.

„Vor Reiseantritt rief uns dann noch jemand von der Bahn an und sagte, dass am Samstag auf dem Pyrmonter Bahnhof kein Helfer warten werde“, erinnert sich Hilde Lihring. „Aber, kein Problem, hier sei ja alles barrierefrei.“

Dass der 15-Zentimeter- Spalt zwischen Zug und Bahnsteig für Menschen mit Handicap sehr wohl eine Barriere darstellt, musste die Bremerhavenerin dann vor Ort feststellen – wie etliche andere auf Rollstuhl oder Rollator angewiesene Reisende und Pendler vor ihr, die ebenfalls vor der Kluft erschraken (wir berichteten mehrfach).

Den Namen „Spaltüberbrücker“ für die bei der Türöffnung der Wagenreihe 424 automatisch ausklappenden Mini-Leisten halten die Betroffenen, aber auch Fahrgastverbände wie „Pro Bahn“ oder die „Verkehrs-AG Hannover“, aber auch der Pyrmonter Beirat für Menschen mit Behinderung für Wortkosmetik. Denn eine schmale Schiene, die nur gut ein Drittel einer Kluft überdeckt, verdient den Namen Brücke nicht.

Wegen der bekannten Probleme hatte die für die Anschaffung zusätzlicher Klapp-Rampen verantwortliche Region Hannover schon vor Jahren ins Auge gefasst, alle 68 S-Bahnen damit auszurüsten. Bereits Ende 2014 listete die Bahn-Tochter DB Regio die Anschaffungskosten dafür auf. Doch dann wurden nur Rampen für 15 Fahrzeuge einer anderen Baureihe mit noch schwierigerem Einstieg angeschafft. Größere Investitionen in das Thema Barrierefreiheit sparte sich die Region.

Und warum hängt auf dem Pyrmonter Bahnsteig nicht wenigstens eine Rampe? Den Wunsch danach hatte der örtliche Behindertenbeirat auch schon vor Jahren geäußert. Doch deren Installation hätte die Stadt Bad Pyrmont in Kooperation mit der für die Bahnsteige zuständigen Bahn-Tochter DB Station & Service anschieben müssen – durch ein offizielles Ersuchen bei der Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG). Doch auch das unterblieb offenbar. Erstaunlich auch: Bisher hat kein örtlicher Politiker das Thema zu seiner Sache gemacht.

Doch, zurück zu den Lihrings. Deren Odyssee ging noch weiter. Der nächste Frust folgte vor dem Bahnhof. „Wir hatten uns vor Reiseantritt erkundigt, wie wir mit dem Bus zum Pflegehotel Senator kämen“, sagt Lihring. Doch dem Bus der Linie 63, der dann vorfuhr, fehlte jegliche Einstiegshilfe. „Es war ein Ersatzfahrzeug. Der Fahrer sagte, der reguläre Bus sei kaputt und in Reparatur.“ In Bremerhaven hätten alle Busse eine Rolli-Rampe, sagt die 79-Jährige und beklagt: „Das ist ja hinterwäldlerisch hier.“ Immerhin organisierte dann ein Taxifahrer ein Auto mit Rampe. Für die drei Kilometer bis zum Hotel zahlten Lihrings 25 Euro.

Weil die betagten Gäste fanden, dass all diese Widrigkeiten einer Kurstadt nicht würdig seien, führte ihr Weg sie am Dienstag ins Rathaus. Dort wurden sie ihren Frust dann aber auch nicht los. „Es hieß, der zuständige Mitarbeiter sei im Urlaub“, sagt Hilde Lihring und schiebt hinterher: „Wir bleiben bis Samstag. Doch am liebsten wäre ich gleich wieder weggefahren.“ Vor dem Einsteigen aber hat sie jetzt schon Angst. Die versucht ihr nun Regine Köpnick von Bad Pyrmonts Tourismusgesellschaft BPT zu nehmen. Nachdem sie zufällig von den Erlebnissen der Bremerhavener erfuhr, telefonierte sie herum, um für Samstag wenigstens eine problemlose Abreise zu organisieren. Somit könnte der rettende Engel aus der BPT schonmal eine positive Urlaubserinnerung hinterlassen.

Entsetzt zeigt sich unterdessen die Vorsitzende des Pyrmonter Behindertenbeirats über den Zwischenfall. Mehr als zwei Jahre lang hat das Gremium für die Ausstattung der S-Bahnen mit mobilen Klapprampen gekämpft. Anita Bechtloff schrieb der Bahn, es gab einen Ortstermin mit einem Bahn-Vertreter. „Ich dachte, jetzt würde es endlich funktionieren,“ sagt die Beiratsvorsitzende, für die nun feststeht: „So kann es nicht weitergehen.“ Sie will sich jetzt an die Behindertenbeauftragte der niedersächsischen Landesregierung wenden.



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