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Gegen das Vergessen: Wie sich Bad Pyrmont in das bundesweite Gedenken zum 9. November einreiht

Von Flucht, Mauerspechten und Trauer

Bad Pyrmont. Während in Berlin Tausende von weißen Luftballons entlang der Mauer an deren Fall vor 25 Jahren erinnern sollten, hatte Wilfried Seibel als Ratsherr im Bad Pyrmonter Stadtrat und Initiator der Feierstunde am Freitag die Besucher gebeten, zu Beginn des Gedenkens mit einer Vielzahl von Kerzen den Platz vor dem Rathaus zu erhellen. Nasskaltes, windiges Wetter gab dieser gut gemeinten Absicht keine Chance. Dafür resümierten annähernd 100 Teilnehmende im Anschluss, dass es eine wirklich gelungene Feierstunde gewesen sei, der sie beiwohnen konnten.

veröffentlicht am 10.11.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 20:41 Uhr

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Autor:

Klaus Titze
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Hierzu trugen sicher nicht nur die dezente Beleuchtung im Ratssaal und die ausgesucht passende musikalische Begleitung durch Dozenten der Pyrmonter Musikschule bei. Kateryna Troyitska und Arndt Jubal Mehring stimmten mit Maurice Ravels „Pavane für eine tote Prinzessin“ und dem Hauptthema der Filmmusik zu „Schindlers Liste“ von John Williams auf die Schrecknisse der beiden Weltkriege und die verbrecherische Herrschaft der Nationalsozialisten ein. Den Schlusspunkt setzten beide zusammen mit Andreas Vogt mit Klaus Meines „Wind of Change“ – einem Song, den viele an die Menschen knüpften, die nach der Grenzöffnung 1989 auf der Berliner Mauer tanzten.

So eindrucksvoll der Klang der Melodien war, so sehr fesselten die Schilderungen der vom Bürgermeister Klaus Blome in lockerer Moderation befragten Zeitzeugen. Es war nahezu mucksmäuschenstill in den Stuhlreihen, als der in Elbrinxen lebende Tierarzt Dr. Torsten Köhler von seiner Flucht vor der drohenden Verhaftung durch die Stasi wenige Tage vor dem Fall der Mauer berichtete. Er nahm seine Zuhörer mit in den Zug in Richtung Prag, ließ sie mit ihm noch einmal die Kontrollen der Stasi überstehen und rührte mit dem abschließenden Höhepunkt in der Prager Botschaft, als Genschers vom Balkon gesprochene Worte um die Welt gingen.

Ratsmitglied Dr. Wolf-Dieter Nagel berichtete, wie er die Entwicklung am 9. November 1989 in Halle an der Saale verfolgte, um sich am folgenden Tag an der Berliner Mauer einzufinden. Durch eine der ersten entstandenen Öffnungen habe er Westberliner Gebiet betreten und sei direkt von einer Westberliner Familie in ihr Haus eingeladen worden. Noch heute bestehe die unter den damaligen Ereignissen entstandene Freundschaft.

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  • Siegfried Schrader meißelte am 9. November schon ein paar Betonstücke aus der Berliner Mauer heraus, während im Osten noch die DDR-Grenzer patrouillierten. ti

Wilfried Seibel erzählte derweil, wie er sich inmitten Tausender Menschen an einem der ersten Mauerdurchlässe eingefunden und die Freude der Menschen unmittelbar habe erleben können.

Hans-Georg von Bodecker, ehemaliger Vorsitzender des Seniorenbeirates, hingegen fand sich einige Zeit darauf als Bundeswehroffizier beruflich in Leipzig wieder, beschäftigt mit der Auflösung der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR. Noch heute denkt er an die bereichernden Erfahrungen zurück, die er in Leipzig machen konnte.

Neben den programmgemäß vorgesehenen Zeitzeugen berichtete Siegfried Schrader aus dem Pyrmonter Ortsteil Hagen am Rande der Veranstaltung von seinem ganz persönlichen 9. November ‘89. Zu Besuch bei seiner Familie in Berlin, fuhr er mit seinem Bruder gleich nach den ersten Bildern im Fernsehen an die Mauer, mit Fäustel und Meißel im Gepäck. Im Bereich der Heinrichstraße entdeckten sie bereits in die Mauer gehackte kleine Löcher. So bearbeitete Schrader von der Westseite aus die Mauer mit seinem Werkzeug, während die Volkspolizisten auf der anderen Seite noch mit geschultertem Gewehr patrouillierten. Dann erschienen immer mehr Menschen freudig tanzend auf der Mauer, ein Durchbruch sei entstanden, Menschenmassen hätten sich hindurchgezwängt und selbst die VoPos hätten angefangen, Sachen zu tauschen.

Emotional mitreißend war sicherlich so manche unter den Besuchern der Feierstunde ausgetauschte Erinnerung. Keinesfalls beschönigend sprach Pastor Hans-Christian Müller von der evangelisch-lutherischen Stadtkirchengemeinde die Mitschuld der Glaubensgemeinschaften an, die vorrangig dem Ersten Weltkrieg eine religiöse Rechtfertigung gaben und den Namen Gottes missbrauchten. Der Fingerzeig zur Gegenwart, wo im Kampf Gefallenen himmlische Belohnungen versprochen werden, wurde überdeutlich.

Sachlich und wortgewandt trat Prof. Rolf Wernstedt auf. Als er einen Bogen von den Tragödien der beiden Weltkriege bis zur Wiedervereinigung schlug, fesselte sein gekonnter Vortrag das Publikum. Eingebunden in die sich wandelnde Trauerkultur um die gefallenen Soldaten führte er seine Zuhörer hin zu einem Umgang mit Erinnerung und Trauer, in die zunehmend sämtliche Kriegstoten Eingang finden.

Früher war das anders: Schon in der Weimarer Republik und noch stärker während der Zeit des Nationalsozialismus wurden gefallene Soldaten zu Helden verklärt und bekamen schließlich sogar die Rolle Wache Haltender auf heimatlicher Erde weit weg von den Grenzen des damaligen Deutschen Reiches zugewiesen.

Heutiges Gedenken nimmt indes auch sämtliche zivile Opfer in den Blick – Bomben- oder Vertreibungsopfer ebenso wie Angehörige verfolgter Gruppen, eigene oder gegnerische Kriegs- oder Lagergefangene.

Seit der Amtszeit des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog gebe es in Deutschland zwei herausragende Gedenktage: den Volkstrauertag und den 27. Januar, der an die Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz erinnert. Beide Tage hätten keinen Raum für Heldenmythos. Vielmehr gäben sie Hinterbliebenen, Angehörigen wie auch unmittelbaren Opfern die Chance, genannt und nicht vergessen zu werden, wie insgesamt die traumatischen und schrecklichen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts.

Mahnend schloss Wernstedt, dass selbst 70 Jahre Frieden in Europa keine Gewähr dafür böten, dass dies auch die nächsten 70 Jahre so bleiben werde. Geschichte müsse verstanden werden, sonst wiederhole sie sich auf schreckliche Weise.

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