weather-image
13°
21 Monate wegen Körperverletzung

Von Anklage bleibt nichts: Weder Dolch noch Tötungsabsicht

HANNOVER / BAD PYRMONT. Ein guter Kerl – das war Rehat B. zumindest in den vergangenen fünf Jahren nicht. Dazu hat der 21 Jahre alte Pyrmonter einfach zu viele Vorstrafen. Aber die Tat, die ihm die Staatsanwaltschaft vorwarf, kann B. nach Auffassung des Landgerichts Hannover so brutal dann doch nicht begangen haben.

veröffentlicht am 06.02.2018 um 21:37 Uhr

Der Pyrmonter – hier im Gespräch mit seinem Anwalt Dr. Holger Nitz – hat nun 15 Monate Jugendstrafe vor sich. Nach dem Urteil am Dienstag aber kam er auf freien Fuß. Foto: jl
Juliane Lehmann

Autor

Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Ob es der zunächst unterstellte versuchte Totschlag am 31. Juli 2017 auf dem Herderschul-Spielpatz mit einem Dolch(!) und heftigen Fußtritten auf den Kopf, ein räuberischer Diebstahl oder die Bedrohung war – von diesen Anklagepunkten blieb im Urteil nicht viel übrig. Stattdessen wurde der Pyrmonter vor der Großen Jugendkammer des Landgerichts am Dienstag wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen zu einem Jahr und neun Monaten Jugendstrafe verurteilt. Die von Staatsanwältin Kathrin Heuer – auch mit Blick auf die Dauer einer sicherlich sinnvollen Sozialtherapie – geforderten zwei Jahre und vier Monate erschienen der Kammer als nicht tat- und schuldangemessen. B.s Anwalt Dr. Holger Nitz plädierte für ein Jahr und sechs Monate Jugendstrafe.

Nach Auffassung der Kammer hat Rehat B. am letzten Juli-Tag, wohl angetrunken und bekifft, einen anderen Mann (58) im Streit ins Gesicht geboxt, sodass das ebenfalls betrunkene Opfer zu Boden stürzte. Nach den Aussagen eines guten halben Dutzends junger Mädchen, die den Vorfall aus etwa 30 Metern Entfernung zum Teil mitbekommen hatten, sah das Gericht es zudem als erwiesen an, dass B. den am Boden Liegenden anschließend noch zwei-, dreimal trat. Was gegen die von einigen der Teenager beschriebene Heftigkeit der Tritte auf den Kopf und somit eine Tötungsabsicht sprach: Das Opfer trug nur eine Platzwunde an der rechten Schläfe davon. Richter Stefan Lücke hielt „Tritte in der Art von Stupsern“ für wahrscheinlich. Den ebenfalls in den Reihen der Zeuginnen angesprochenen Dolchstoß in die Rippen, der die Tat erst so spektakulär erscheinen ließ, gab es nicht.

Da dürfte sich nicht nur B.s Anwalt gefragt haben: „Wie kam der Anklageverfasser auf diese Idee?“ Dass das Opfer keine Stichwunde davontrug, hätte der Staatsanwalt [nicht identisch mit der Anklagevertreterin im Verfahren, d. Red.] schon aus den Akten erkennen können. Denn nach der Tat war das Opfer bei der Polizei fotografiert worden. Ohne Schlitz oder Fleck am hellen Hemd. Und auch der Entlassungsbericht aus dem Krankenhaus erwähnt am Folgetag nur die Kopfwunde. Der 58-Jährige konnte gestern im Zeugenstand nichts zur Aufklärung beitragen. Im fehlt die Erinnerung an den Vorfall.

Dass eine der Zeuginnen, die ihm nach der Tat beistanden und Polizei und Rettungswagen riefen, ausgesagt hatte: „Ich habe das Blut an den Rippen gesehen“, wertete Anwalt Nitz als einen Fall von Autosuggestion. Dass sich die gleich nach der Tat gemeinsam befragten Mädchen vor und zwischen ihren im Laufe mehrerer Wochen durchgeführten Einzel-Anhörungen auf der Wache mehrfach über das Erlebte ausgetauscht hatten, nahm auch der Richter an.

Der zweite Fall von Körperverletzung passierte in der Nacht zum 6. August in einer Pyrmonter Kneipe. Dort schlug B. einem anderen Gast (39) im Streit um eine Zigarette ein Glas gegen den Kopf. Auch dieser Angriff blieb ohne schwerwiegende Folgen für die Gesundheit des Opfers.

Weil B. die abgesessenen sechs Monate Untersuchungshaft angerechnet werden, bleiben ein Jahr und drei Monate Jugendstrafe. Der Haftbefehl gegen ihn wurde nach dem Urteil aufgehoben. Der Pyrmonter bleibt nun so lange in Freiheit, bis er die Ladung zum Strafantritt erhält.

Als mildernd wertete die Kammer unter ihrem sehr sorgfältigen Vorsitzenden, dass B. die beiden Schläge zugegeben hatte und die Taten – offenbar nicht nur pro forma – bedauerte.

Gelingt es Rehat B. nun, an seiner Frust-Toleranz zu arbeiten und die Finger von Drogen zu lassen, dann hat er die Chance auf einen Neustart.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt