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Bad Pyrmonter über seine Zeit als Korrespondent für die ARD in London

Vassili Golod zurück in Köln

BAD PYRMONT. Ein Fan der Briten ist und bleibt Vassili Golod. Auch nach dem Brexit, dem unfairen Verhalten englischer Fußballfans und einer Regierung unter Premier Boris Johnson, die mit ihrem Zickzackkurs Tausende Corona-Opfer zu verantworten hat. Die Vielfalt, die Lockerheit, das Gemeinschaftsgefühl und die Bereitschaft vieler Briten, sich für andere einzusetzen, spielen dabei eine Rolle für den Pyrmonter Journalisten, der seit März 2020 als Korrespondent für das ARD-Studio in London gearbeitet hat und jetzt zum WDR nach Köln zurückkehrt.

veröffentlicht am 04.08.2021 um 08:00 Uhr

Hans-Ulrich Kilian

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Freier Mitarbeiter zur Autorenseite

Für die Tagesschau, Tagesthemen, den Weltspiegel, das Europamagazin, das Morgenmagazin oder Phoenix berichtete er über die Folgen des Brexits vom Hafen in Dover, interviewte den in London lebenden russischen Ex-Oligarchen Michail Chordorkowski zur Verhaftung des Oppositionellen Alexej Nawalny oder gab seine Einschätzung zur Ankündigung des G7-Gipfels in Cornwall, geschlossen gegen die Corona-Pandemie vorzugehen.

Diese Pandemie habe sich wie ein roter Faden durch seine Zeit in London gezogen, zog Golod jetzt im Gespräch mit dieser Zeitung Bilanz. „Ich war selber drei Wochen an Corona erkrankt, habe London im Lockdown als Geisterstadt erlebt, konnte am 8. Dezember 2020 über den Beginn der ersten Impfungen in Europa berichten und bin jetzt im Juni selbst geimpft worden“, sagt er. Besonders erinnere er sich daran, als er mit dem Fahrrad mutterseelenallein die üblicherweise vielbefahrene und begangene Tower Bridge überquert habe. „Da war kein Mensch, kein Radfahrer, kein Auto, kein Bus – nichts. Das war wie in einem Katastrophenfilm.“

London sei nicht zuletzt wegen seiner überall zu spürenden Historie seine absolute Lieblingsgroßstadt, versichert er – auch wenn das Leben dort ziemlich teuer ist. „Zwei Drittel meines Gehalts musste ich für meine 40-Quadratmeter-Wohnung in Shoreditch ausgegeben“, sagt er. Das ist ein angesagter Stadtteil im nordöstlichen London, den Golod als sehr atmosphärisches Viertel mit einer aktiven kulturellen Szene beschreibt. Ihm sei aber auch klar, dass London eine Stadt der Gegensätze ist. „Viele Londoner können sich die Miete selbst in Vororten nur leisten, weil sie drei oder vier Jobs haben“, berichtet er. „Die Kontraste Londons sind schön, aber auch extrem belastend.“

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Vassili Golod vor dem ARD-Studio an der Tottenham Court Road. Foto: Privat

Das ARD-Studio liegt an der Tottenham Court Road im Zentrum Londons. „Viele Briten respektieren das deutsche Fernsehen und sind offen für Interviews, auch wenn wir erst einmal erklären müssen, dass wir so etwas wie die deutsche BBC sind. ARD sagt vielen natürlich nichts.“ Im Gegensatz dazu interessiere sich die derzeitige britische Regierung seiner Erfahrung nach kaum für ausländische Medien. „Für die sind die eigenen Medien wichtig, von denen Premier Johnson einige auch als Sprachrohr nutzt.“ Das Studio mit seiner Leiterin Annette Dittert sei aber gut vernetzt und insbesondere Twitter eine wertvolle Quelle für Journalisten.

Einen Tag, den 9. April dieses Jahres, werde er ganz sicher sein ganzes Leben lang nicht vergessen, erzählt der Pyrmonter, der seine ersten journalistischen Erfahrungen bei dieser Zeitung und radio aktiv gesammelt hat. „Ich habe gerade vor dem Buckingham Palast den früheren Pressesprecher der Queen, Dickie Arbiter, interviewt, als immer mehr Journalisten und Kamerateams dort eintrafen. Es hieß, dass der Palast eine wichtige Mitteilung machen werde, nur war nicht klar, welche.“

Golod vermutete, dass der Ehemann der Queen, Prinz Philip, gestorben war und informierte sein Studio. Er behielt recht und berichtete – gekleidet in einen vom Studio eilig herbeigeschafften schwarzen Mantel – in diversen Liveschaltungen für die Tagesschau von den ersten Reaktionen der Menschen auf diese Nachricht. „Viele kamen und legten Blumen nieder. Sie waren geschockt, traurig und hatten Mitgefühl mit der Queen und sprachen von einem Verlust für Großbritannien. Das war auch für mich ein prägendes und bewegendes Ereignis, denn die Queen ist die bekannteste Frau der Welt und der Duke of Edinburgh war über 70 Jahre lang an ihrer Seite.“

Wer in London als Journalist arbeitet, hat immer wieder mit den Royals zu tun, auch als politischer Korrespondent. „Der Streit im Königshaus und Rassismusvorwürfe spalten die Briten und alles, was die Royals tun und sagen, hat immer auch eine gesellschaftspolitische Dimension“, so Golods Sicht der Dinge. Die Windsors müssten sich unter einem König Charles oder spätestens mit dem Thronfolger Prinz William verändern, wollen sie als Königshaus eine Zukunft haben.

Doch es sind vor allem die Begegnungen mit den vielen Briten, die seine Zuneigung zum Vereinigten Königreich haben noch größer werden lassen. Ob die „Mudlarks“, die in der Themse nach historischen Relikten suchen oder die Mitglieder der „Männerwerkstadt“ von Frome in Sommerset, die versuchen, etwas gegen die Einsamkeit ihrer älteren Mitbürger und Mitbürgerinnen zu tun. „Dass eine der beiden Leiterinnen des Ärztehauses von Frome die Aufgabe hat, Netzwerke zu knüpfen, um der Einsamkeit entgegenzuwirken, ist ein gutes Beispiel für lokales Engagement.

Das könnte auch für Bad Pyrmont sinnvoll sein“, überlegt er. In der ehemaligen Arbeiterhochburg Stoke-on-Trent in Staffordshire, die für ihre Töpferei-Industrie bekannt ist, begegnete er Engländern, die sich von der Politik vergessen fühlten und in Premier Johnson Hoffnung fanden. „Der Populist Johnson verspricht viel, hält aber kaum Versprechen ein. Er spaltet die britische Gesellschaft“, sagt der TV-Journalist. Die erfolgreiche Impf-Kampagne habe zwar vieles, selbst den Brexit, bisher überstrahlt, doch die wirtschaftlichen Folgen würden das Land in den kommenden Monaten und Jahren belasten, prognostiziert er. „Was mir Hoffnung macht, sind die Menschen, die mit ihrer pragmatischen Mentalität viele Dinge selbst in die Hand nehmen und immer lösungsorientiert denken. Nach dem bewährten Motto: keep calm and carry on.“

Diese Einstellung möchte Vassili Golod auch persönlich beibehalten. Zukünftig arbeitet er für den „Newsroom“ des WDR in Köln. Als „Chef vom Dienst“ ist er unter anderem für die Planung von Nachrichtensendungen zuständig, bleibt aber auch als Reporter und Autor etwa der Tagesschau und den Tagesthemen erhalten. „Deutschland von der Insel aus zu beobachten, war wertvoll und hat meine journalistische Perspektive erweitert. Jetzt freue ich mich darauf, mit diesem frischen Blick in meiner neuen Rolle über die anstehende Bundestagswahl zu berichten.“



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