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Bislang bringt die Stadt Obdachlose in der Winzenbergstraße unter / Jetzt sind die Gebäude verkauft

Unter der Brücke soll niemand übernachten

Bad Pyrmont (uk). Der alte Herr war sehr bescheiden und zufrieden, denn sonst hätte er es wohl nicht acht Jahre in dem kargen Zimmer, das im Dachgeschoss des Mehrfamilienhauses an der Winzenbergstraße untergebracht ist, ausgehalten. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, eine Kommode und eine nackte Glühbirne an der Decke – das ist schon das gesamte Mobiliar, mit dem er sich begnügte.

veröffentlicht am 27.01.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 05:41 Uhr

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„Erst als es nicht mehr anders ging, haben die Kollegen dafür gesorgt, dass er in ein Pflegeheim kam“, berichtet Tanja Pohl vom Ordnungsamt der Stadt Bad Pyrmont. Das ist schon eine Weile her, aber sie kann sich noch gut an den Senior erinnern, der sozusagen einen Rekord hält. Er hat bislang die längste Zeit als Obdachloser in einer städtischen Wohnung gelebt.

Jede Gemeinde und Stadt muss sich um Menschen kümmern, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind. „Das ist Teil der Gefahrenabwehr“, erläutert die stellvertretende Fachbereichsleiterin. Gefahrenabwehr? Es gehe um die möglichen Gefahren für Leib und Leben der Betroffenen, erklärt sei. „Dass wir uns um Obdachlose kümmern müssen, schreibt das Niedersächsische Gesetz für Sicherheit und Ordnung zwar nicht explizit vor, aber es lässt sich daraus ableiten“, so Pohl. „Auf jeden Fall wollen wir verhindern, dass jemand unter einer Brücke schlafen muss.“

Das Gros der Fälle, um die sich das Ordnungsamt der Stadtverwaltung kümmern muss, sind Zwangsräumungen. Fünf- bis sechsmal im Jahr wird der Außendienst auf den Weg geschickt, wenn ein Termin für die Wohnungsräumung anberaumt wurde. Die meisten auf die Straße gesetzten Mieter kümmern sich selber um eine neue Unterkunft. Sollte das nicht der Fall sein, dann bringt die Stadt sie unter. Zehn Einzel- und acht Doppelzimmer stehen dafür bislang noch in zwei städtischen Mehrfamilienhäusern an der Winzenbergstraße in Holzhausen zur Verfügung. Einige Zimmer stehen leer, einige sind mit Tisch, Stuhl und Bett möbliert. „Wer mag, der kann eigene Möbel mitbringen“, berichtet die Stadtmitarbeiterin. Allerdings sind die Zimmer sehr klein, viel passt nicht hinein. „Alles andere müssen die Betroffenen auf eigene Kosten einlagern, das ist nicht Aufgabe der Stadt“, so Pohl. Und eigentlich sei das auch nicht als Dauerlösung gedacht.

In diesen Häusern an der Winzenbergstraße bringt die Stadt bislang Obdachlose unter. Jetzt sind die Gebäude verkauft.

Eine Dauerlösung soll die Unterbringung nicht sein und ist sie in der Regel auch nicht. Mitunter schon nach wenigen Tagen, manchmal nach zwei Wochen, haben die Neumieter der Stadt etwas anderes gefunden. Dabei zahlen sie laut Pohl nicht im eigentlichen Sinn eine Miete, sondern lediglich eine geringe Nutzungsentschädigung, die gerade die Nebenkosten decke. Es sind meistens Alleinstehende, ab und zu auch Paare, die hier untergebracht werden. „Noch vor 20 Jahren waren es oft ganze Familien mit Kindern, die eine vorübergehende Bleibe brauchten“, weiß Pohl aus Erzählungen früherer Kollegen. Das sei heute zum Glück kaum noch der Fall.

Der Wohnort spiele keine Rolle, um Männern oder Frauen zu helfen, die obdachlos sind. „Tippelbrüder“ auf der Durchreise sind selten darunter. Anfragen kommen, wenn der Winter einmal gar zu kalt ist. Doch manche Räume verfügen noch nicht einmal über eine Heizung. Auch die Polizei hat den Schlüssel für ein Zimmer, wenn es Bedarf an einem Wochenende gibt und im Rathaus niemand Dienst hat. „Das kommt vielleicht einmal im Jahr vor“, berichtet Tanja Pohl.

Offen ist, wie die Stadt künftig ihrer Verpflichtung nachkommt, denn die Gebäude an der Winzenbergstraße sind an eine auswärtige Immobiliengesellschaft verkauft worden, wie die Stadtverwaltung bestätigt. Im Bemühen, die strapazierte Finanzsituation etwas zu verbessern, stößt die Stadt die Gebäude ab, die sie nicht mehr benötigt. Das ist ihr mit den drei Mehrfamilienhäusern zum Jahreswechsel gelungen. Sehr groß, sich um eine Alternative zu kümmer, ist der Druck aber nicht. Zurzeit ist dort nur eine Frau untergebracht. Allerdings will auch die sicher nicht demnächst auf einer Parkbank oder unter einer Brücke nächtigen.

Die Zimmer in der Winzenbergstraße sind karg möbliert. Für einen längeren Aufenthalt sind sie nicht gedacht.

Foto: uk



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