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Strenge Regeln in der Fußgängerzone

Ungerecht: Taxen dürfen nicht bis vor die Tür

Bad Pyrmont (jl/uk). Wer in der Fußgängerzone wohnt, darf auch mit seinem Auto durchfahren. Dafür gibt’s im Rathaus auf Antrag spezielle Ausnahmegenehmigungen. Für Anwohner gratis, für gewerbliche Anlieger gegen Geld. Doch was tut jemand, der im Herzen der Stadt wohnt und kein Auto hat? Nach geltender Rechtslage dürfen Anwohner der Fußgängerzone sich in Bad Pyrmont nicht mal ein Taxi vor die Tür rufen – auch, wenn sie hochbetagt sind und jede Menge Gepäck dabeihaben. Denn das Befahren der Brunnenstraße und des Postweges ist grundsätzlich nur Anlieferern bis 10 Uhr erlaubt.

veröffentlicht am 08.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 22:21 Uhr

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So geht es bisher jedenfalls Ilse Kalle. Wenn die 83-Jährige aus dem Postweg zum Bahnhof will, um ihre Verwandten zu besuchen, muss sie hinunter zur Bathildisstraße gehen – egal, wieviel Gepäck sie hat. Oder wie glatt es auf dem Pflaster ist. Denn die Taxifahrer weigern sich, bis vor die Tür zu fahren. Sie würden zwar gern, aber sie dürfen nicht. „Früher hatten wir mit dem Ordnungsamt ein stillschweigendes Abkommen“, sagt Peter Danzinger von der Pyrmonter Taxenzentrale. „Da konnten wir auch in den Postweg fahren.“

Für Ilse Kalle ist der Weg zur Straße hinunter ein Problem. „Ich kann schlecht sehen, und gerade im Dunkeln habe ich große Probleme“, sagt sie. „Und wenn ich früher verreiste, dann hat mir der Taxifahrer, der vor der Tür hielt, auch schon mal den schweren Koffer hinuntergetragen.“

Doch früher ist nicht heute. Danzinger und seine Kollegen halten sich zwar an das Einfahrverbot. Verständnis dafür aufzubringen, fällt ihnen aber schwer. „Hier leben so viele alte Leute. Die müssen auch mal zum Arzt, zur Massage oder zur Physiotherapie“, argumentiert der Taxifahrer. „Doch zu den Praxen in der Fußgängerzone dürfen wir auch nicht fahren.“ Ein derart strenges Reglement gilt nach seiner Wahrnehmung so „in keiner anderen Stadt“.

Mit ihrem Problem hat sich die Seniorin jetzt an Hans-Georg von Bodecker vom Pyrmonter Seniorenbeirat gewandt. Und der hat den Kontakt zum Ordnungsamt gesucht. Denn seinem Gerechtigkeitsempfinden nach „müssten auch Anwohner ohne Auto eine Ausnahmegenehmigung bekommen“.

Das sieht man im städtischen Ordnungsamt aber offenbar anders. Dort rang man sich nun immerhin zu einer zweimonatigen Ausnahmegenehmigung für die eine betagte Anwohnerin durch. Aber auch erst, nachdem Hans-Georg von Bodecker ein Attest des Hausarztes von Ilse Kalle eingereicht hatte. Zudem empfahl man ihr im Amt, sich einen Behindertenausweis zu besorgen. Denn der berechtige zu einer dauerhaften Ausnahmegenehmigung.

Die Chancen, einen solchen Ausweis zu bekommen, schätzt Hans-Georg von Bodecker jedoch als äußerst gering ein: „Ein alter Mensch kriegt allein aufgrund seines Alters keinen Behindertenausweis“, ist der Seniorenbeirats-Chef sicher. Er will sich deshalb dafür einsetzen, dass die Stadt Anwohnern ohne Auto künftig das gleiche Recht widerfahren lässt wie den motorisierten – damit Menschen wie Ilse Kalle künftig wenigstens ein paar beschwerliche Wege erspart bleiben. Von Bodecker findet: „Das wäre gerecht.“ In dieser Einschätzung hat er Taxifahrer Danzinger auf seiner Seite: „Die Stadt wirbt um alte Leute“, sagt er, „aber sie weigert sich, deren Bedürfnisse zu berücksichtigen.“

„Die Fußgängerzone ist in erster Linie nun einmal für Fußgänger da“, rechtfertigt Stadtsprecher Wolfgang Siefert, dass es nur wenige Ausnahmegenehmigungen für Autos gebe. Nur wer nicht über die rückwärtige Seite auf sein Grundstück komme, dürfe durch die Fußgängerzone zu seinem Stellplatz fahren. Lebensmittellieferanten bekämen eine 80 Euro teure Ausnahmegenehmigung, die jährlich überprüft werde. Ilse Kalle rät er: „In der Bathildisstraße gibt es einen Taxistand und der kurze Weg dorthin ist sicher zumutbar.“ Zugleich versichert er, dass die Stadtverwaltung in begründeten Ausnahmefällen großzügig sei. „Im Notfall kann ein Taxi bis vor die Tür fahren“, sagt er und zählt auch schwere Koffer zu diesen Ausnahmen. Sein Tipp: „Einfach vorher beim Ordnungsamt anrufen und die Fahrt ankündigen.“

Für Taxis sind der Postweg und die Brunnenstraße tagsüber tabu. Das ärgert Taxifahrer Peter Danzinger und so manchen seiner Kollegen, die gerade gebrechliche Kunden gern näher ans Ziel chauffieren würden. „Hier leben so viele alte Leute. Die müssen auch mal zum Arzt, zur Massage oder zur Physiotherapie“, sagt Danzinger.

Foto: uk

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