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Auf welchen Trip Kabarettist Bernd Regenauer sein Publikum lockt

Stadt-Trauma und Land-Horror

Bad Pyrmont. Irgendwie schien es, als wollte der Kabarettist Bernd Regenauer seine Sinnkrise am Samstag auf der Bühne des Pyrmonter Kur-theaters therapeutisch aufarbeiten. Als 55-Jähriger steht er auf der Leiter der Lifestyle-Evolution nun ja auch in etwa auf der Höhe eines Dinosauriers. So wundert es nicht, dass er die Zeit im Verkehrsstau als verloren ansieht, als Einladung zur Spontan-Entschleunigung oder Chance, via i-Pad oder Handy die Community auf den neuesten Stand seiner Therapieerfolge zu bringen.

veröffentlicht am 19.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 03:41 Uhr

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Autor:

Carlhermann Schmitt
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Therapeuten hält er für Kriegsgewinnler unserer Gesellschaft, „in der das Handy den sozialen Mutterkuchen der digitalen Welt voller Benutzeroberflächlichkeit“ darstellt.

Die knapp 80 Gäste im Kurtheater konnten die Kritik des Kabarettisten an der webbasierten Soziokultur ebenso nachvollziehen wie die verheerende Analyse der Alternative zum ökonomisch optimierten Lebensmodell: „draußen aufm Land, weg von den Schnöseln und Selbstdarstellern“.

Mit überschwänglichem Lachen quittierten sie seine Skizze vom authentischen Landleben, wo das Wirtshaus gleich neben dem Mobilfunkmast noch ebenso ursprünglich ist wie die Eingeborenen. Einigen gelang es nur geräuschvoll, den Würgreiz zu unterdrücken, als Regenauer ein plastisches Bild entwarf vom klebrigen Wirtshaus- Toilettenboden, der seit Anbeginn unbenutzt herumliegenden Kernseife, über den Weg der Geruchsschwaden in die Küche mit der schwitzenden Köchin in ihrer blutverschmierten Schürze. In der Wirtsstube gefiel es ihm auch kaum besser – ersetzt dort doch das Mosaik eingegerbter Essensreste auf den Tischen die Speisekarte vollständig.

So zog Regenauer es vor, die Sinnfrage im ästhetisch abgeklärten Raum moderner Zivilisation zu stellen: in der Stadt. Fand, dass es eine Vielzahl von Menschen mit Bewegungsmangel gebe, und von denen, die sich nicht bewegen, 80 Prozent im Weg stehen. Mit Vorliebe an Engpässen, wo sie auch richtig nerven. Und er geißelte die Blockadehaltung älterer Damen an Supermarktkassen, die sie mit den Worten einleiten: „Ich schau grad’ mal, ob ich’s passend hab‘.“

Regenauer glaubt auch nicht, dass jedes Mal, wenn er im Wartezimmer sitzt, gerade ein IC entgleist ist, was er als Grund für die Wartezeit akzeptieren würde.

Der Kabarettist handelte viele Themen ab – von der digitalen Kultur, die eine Saunalandschaft mit Hotspot hervorbringt, bis zur neoliberalen Sackgasse, die in einem Bahn-Fahrplan gipfelt, der nur drei Abfahrtszeiten kennt: „‚Vormittags‘, ‚vor Einbruch der Dämmerung‘ und ‚es kann schon Nacht werden‘“.

Und für den schlimmsten Extremterroristen hält er jenen Selbstmordattentäter, der zuvor noch FDP gewählt hat – was das Publikum in Szenenbeifall ausbrechen ließ. Die Gäste hatten viel Spaß und konnten sich dadurch vielleicht eine Therapiesitzung sparen.



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