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Stadtarchiv ist keine Einbahnstraße

BAD PYRMONT. Immer mehr Interessierte bieten dem Pyrmonter Stadtarchiv Erinnerungsstücke aus der Pyrmonter Geschichte an. Archivar Dr. Dieter Alfter nimmt sie gerne, wenn sie denn für die Stadthistorie relevant sind. „Ich möchte, dass dieses Archiv ein lebendiges Archiv ist, das vom Austausch lebt“, sagt er.

veröffentlicht am 04.01.2018 um 12:36 Uhr
aktualisiert am 04.01.2018 um 21:30 Uhr

Dr. Dieter Alfter stöbert in den alten Postkarten, die ihm für das Stadtarchiv überlassen worden sind. Foto: uk
Hans-Ulrich Kilian

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Hans-Ulrich Kilian Redaktionsleiter Bad Pyrmont zur Autorenseite
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„Ein zweites Museum im Stadtarchiv?“ Dr. Dieter Alfter lacht und schüttelt den Kopf. „Nein, ganz bestimmt nicht!“ Die grandiose Else alias Jörg Schade hatte diese Behauptung am Silvesterabend im Kurtheater in die Welt gesetzt und dem Bürgermeister auf den Wunschzettel geschrieben. Seit Mai vergangenen Jahres kümmert sich der frühere Leiter des Museums im Schloss um das Pyrmonter Stadtarchiv und hat an dieser Aufgabe richtig Gefallen gefunden. Umso mehr, da das Archiv keine Einbahnstraße ist. Immer mehr Interessierte bieten dem Kunsthistoriker Erinnerungsstücke aus der Pyrmonter Geschichte an. Und Alfter nimmt sie gerne, wenn sie denn für die Stadthistorie relevant sind. „Ich möchte, dass dieses Archiv ein lebendiges Archiv ist, das vom Austausch lebt“, sagt er.

Offenbar ist es auf dem richtigen Weg. Zumindest kommen seit dem Umzug in die Rathausstraße 7 mehr Besucher, wohl auch, weil die Räume hier leichter zu erreichen sind. Immer wieder bringen sie auch Postkarten mit Stadtansichten von anno dazumal mit. „Sie sind die einfachste Form, sich an Dinge zu erinnern, denn wenn man sie betrachtet, kehren viele Erinnerungen zurück“, begründet er sein schon lange vorhandenes Faible für Ansichtskarten, mit dener er in seiner früheren Funktion im Museum eine große Sammlung aufgebaut hat, denn dorthin gehören diese Karten seiner Meinung nach hin.

Ganz besonders freut und interessiert ihn eine alte Getränkekarte des früheren Hotels „Reichshof“ in der Brunnenstraße, das längst aus dem Stadtbild verschwunden ist. „Ein schönes Dokument“, schwärmt er, als er die vielseitige Karte durchblättert und auf Preise wie 80 Pfennige für ein Bier stößt. Auf „Stücke des Alltagslebens unserer Stadt“ ist der ehrenamtliche Archivar aus. Ein Prospekt mit Produkten der Firma Kinkeldey-Leuchten zum Beispiel, die einst da stand, wo heute Phoenix Electronics Hightech produziert. „Mit diesen Leuchten war die Firma besonders in Arabien erfolgreich“, weiß Alfter zu berichten. Mit dem Schachbrett, das einen Platz in einer Vitrine im Eingangsbereich gefunden hat, hat es eine besondere Bewandtnis. Es wurde einst von Kriegsversehrten nach 1945 hergestellt, als das Berufsförderungswerk noch im Pyrmonter Schloss untergebracht war. Bekommen hat er es von einem Nachfahren der Reichshof-Hoteliers.

Dieses Schachbrett wurde von Kriegsversehrten nach 1945 hergestellt, als das Berufsförderungswerk noch im Pyrmonter Schloss untergebracht war. Foto: uk

Geschichte ist mittlerweile auch der Frauenchor Löwensen, der 1952 gegründet wurde und sich 2017 aufgelöst hat. Löwensens Ortsbürgermeisterin Sieglinde Patzig-Bunzel war der Meinung, dass die Erinnerung an den Chor bewahrt werden sollte und lieferte einen Karton mit Notenblättern, Jahresberichten, Kassenbüchern und anderen Dokumenten ab, die nun darauf warten, von Alfters Helferinnen aus der Stadtbibliothek inventarisiert zu werden.

Ein Pyrmonter, der ungenannt bleiben will, hat ihm ein Exemplar der „Wochenschrift des Internationalen Hotelbesitzer Vereins aus dem Jahr 1911“ überlassen, die sich mit der Erweiterung des damaligen Kurhotels um 70 Zimmer befasst. Die Pläne damals lösten Panik unter den Pyrmonter Vermietern aus, welche die mit öffentlichen Mitteln der Fürstentümer Waldeck und Pyrmont geförderte Konkurrenz fürchteten. Irgendwie kommt einem das bekannt vor. Eine Eingabe an den Landtag der Fürstentümer blieb erfolglos. Alles dieses sieht Alfter im Archiv gut aufgehoben.

In der anderen Richtung sind vor allen Dingen Unterlagen gefragt, die über Personen Auskunft geben. Über Eheschließungen, Sterbefälle oder Geburten. Das geschieht nicht nur aus rein privatem Interesse. Immer wieder wenden sich Anwaltskanzleien auf der Suche nach Erben an Alfter. Oder es erreicht ihn die Frage, seit wann Pyrmont Bad ist. Antwort: seit 1914.

Für ihn selber kann jeder Gang durch die Archivräume mit ihren insgesamt neun Abteilungen zur Entdeckungsreise werden, denn genau kennt er die Bestände natürlich noch nicht. So stieß er jüngst auf Unterlagen über Bad Pyrmonts jüdische Geschichte. „Ich hätte nie gedacht, dass darüber bei uns so viel vorhanden ist“, stellt er fest. Das kommt sehr gelegen, denn bei ihm haben sich Realschüler angemeldet, die sich mit dem Thema befassen wollen. Alfter freut sich auf das Gespräch. Ein Archiv muss keine staubige Angelegenheit sein, sondern kann voller Leben und Erinnerungen stecken.



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