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Erstklassig aber irgendwie autistisch:Thomas Reis macht es seinen Zuhörern nicht leicht

Spröde wie der Homo faber

Bad Pyrmont. Waren Sie schon einmal mit einem auf einer Party, der nicht getanzt hat sondern nur diskutiert hat? So etwa dürften sich die Kabarettbesucher vorgestern im Bad Pyrmonter Kurtheater gefühlt haben, als Thomas Reis auf der Bühne stand – im Halbprofil, Beine geschlossen, Fußspitzen parallel – und zwei Stunden lang seinen Text abgespult hat.

veröffentlicht am 20.10.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 23:21 Uhr

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Autor:

Carlhermann Schmitt
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Der Text war erstklassig, intellektuell hoch anspruchsvoll voller Pointen von subtil bis kegelausflugstauglich obszön. Treffsicher bis ins Mark war er bei seinen Definitionen: „Leistungsträger sind Parasiten, die sich für den Wirt halten.“ Oder „Kinderriegel entstehen, wenn man Fleischabfälle gemeinsam mit Zuckerrüben entsaftet.“ Reis trieb auch den Wortwitz auf die Spitze und forderte an einem Punkt, an dem es „ums nackte Überlegen“ gehe auf: „Intellekt mich kreuzweise!“

Aber irgendwie kam es beim Publikum oft so an, als mache er nicht einen Witz, sondern doziere darüber. Selbst als er die „Bundesmutti“ persiflierte, war es so als demonstriere er jemanden, der Angela Merkel imitiere. Am authentischsten war Reis, wenn er in unterschiedlichen Dialekten ganze Gesprächsrunden inszenierte.

Dennoch lohnte es sich für die Zuhörer im nicht ausverkauften Kurtheater genau zuzuhören, denn Reis hatte zu allem etwas zu sagen. Er sprach „intelligente Waffen“ an: „Die müssten eigentlich den töten, der sie abgefeuert hat. Andererseits müsste ein aufgeweckter Sprengkopf, der über den Tod nachdenkt, zum Blindgänger werden.“ Ganz aktuell war auch sein Beispiel für Pumpgun-Pädagogik. Und er fragte, ob Seide nicht Kinderarbeit sei.

In seinen Ausführungen bemühte Reis Wittgenstein, Popper und Kant, fand, dass der freie Wille der Quotient aus der Summe der Sachzwänge und den laufenden Kosten sei. Bei alledem blieb er jedoch so spröde wie der Homo faber, der in einer lauen Nacht seiner Begleitung im Angesicht des glitzernden Sternenhimmels die Gravitation erklären will. Und so konnten sich Sprüche wie „Lassen wir Frauen sprechen, dann schweigen die Waffen – denn sie kommen nicht mehr zu Wort“ einfach nicht recht entfalten.

Und so könnte Thomas Reis sich ganz große Hoffnungen auf den Titel des besten autistischen Kabarettisten machen. Mit seinen Aphorismen liegt er jedenfalls schon ganz weit vorn.



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