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Ist die S-Bahn dank Alu-Schiene behindertengerecht – oder müssen doch Rampen her?

Spalt spaltet Bahn und Nutzer

Bad Pyrmont. Vier Wochen ist es her, dass Marcel Hamann auf dem Pyrmonter Bahnhof zurückblieb. Weil eine Rampe fehlte, kam der 15-Jäheige mit seinem schweren Elektro-Rollstuhl nicht in die S-Bahn (wir berichteten). Und obwohl man seiner Mutter später am Service-Telefon versprach, sich zu melden, wartet Anja Hamann noch immer auf den Rückruf.

veröffentlicht am 29.12.2015 um 08:20 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:49 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Ihr Sohn ist nicht der Einzige, der ein Problem mit der laut DB-Selbstbeschreibung „behindertenfreundlichen“ Ausstattung der Züge hat. So schildert die Pyrmonterin Ute Meeßen gegenüber dieser Zeitung ein ganz ähnliches Erlebnis. Demnach passierte ihr am 17. Dezember das Gleiche, wie Marcel zehn Tage zuvor: „Der Lokführer sagte, er hätte keine Rampe. Ich sollte rückwärts fahren“, berichtet die 70-Jährige weiter. Doch davor hat sie Angst. Weil sie – anders als das Gros der Rolli-Fahrer – auch einen Moment allein stehen kann, kletterte sie mit einiger Mühe aus ihrem E-Rolli, und ein anderer Fahrgast zog das Fahrzeug für sie in die S-Bahn. Auf der Rückfahrt half ihr jemand von der Hamelner Bahnhofsmission: „Er fuhr bis Bad Pyrmont mit. Hier legte er die aus Hameln mitgebrachte Rampe an, und ich konnte rausfahren.“ Ein DB-Mitarbeiter habe ihr jedoch gesagt, „dass jetzt öfter Bahnen fahren, die keine Rampe haben“, berichtet Meeßen.

Das bestätigt Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis in seiner Antwort auf die Fragen unserer Redaktion: Da auf der Strecke Hameln - Paderborn seit dem Wechsel auf den Winterfahrplan andere S-Bahn-Züge führen, bräuchte es keine Überfahrrampen mehr. Die Züge seien dank eines „Spaltüberbrückers“ behindertengerecht.

Und was, wenn die beim Öffnen der Zugtür automatisch ausfahrende schmale Alu-Schiene den Spalt zum Bahnsteig gar nicht schließt? „Der Spalt ist so klein, dass die Rollstuhlfahrer rüberfahren können“, erklärt der Bahn-Sprecher auf Nachfrage weiter. Nachgearbeitet werden müsse nicht, weil die Nutzung möglich sei. Kunden, die unsicher beim Überfahren des Spaltüberbrückers seien, empfehle man, rückwärts in den Zug zu rollen.

Für einen solchen Tipp hat Dirk Pieper kein Verständnis. Der Behindertenbeauftragte des Fleckens Coppenbrügge nennt ihn „eine große Unverschämtheit und unverantwortlich gegenüber einem Behinderten“. Pieper schließt daraus auf mangelnde Kundenfreundlichkeit der Deutschen Bahn AG.

Die etwa acht Zentimeter, die trotz ausgefahrener Schiene noch zwischen Zug und Bahnsteig bleiben, sind für manchen Rollstuhl offenbar zu viel. „Ein Bekannter von mir ist beim Rückwärtsfahren hängengeblieben“, berichtet Ute Meeßen. „Es hat mindestens eine Viertelstunde gedauert, bis sein E-Rolli zwischen Zug und Bahnsteigkante befreit war.“

Solche Erfahrungen sind in der Bahn-Pressestelle in Hamburg offenbar nicht bekannt. „Es kam bisher zu keinen Beschwerden“, erklärt Bahn-Sprecher Meyer-Lovis per E-Mail.

Dort, wo die Bahn kein Problem erkennt, sieht Rainer Engel vom Fahrgastverband „Pro Bahn“ durchaus eines. „Da macht die S-Bahn Hannover es sich sehr einfach“, findet der Detmolder. Er sieht im Verzicht auf zusätzliche Rampen eine „typische Entscheidung ohne Praxiserprobung“ – zumal längst nicht alle Bahnsteige auf der Strecke Hameln-Paderborn, passend zur S-Bahn, 96 Zentimeter hoch seien. Die vor zehn Jahren umgebauten Pyrmonter Bahnsteige haben laut Bahn eine Höhe von 76 Zentimetern.

Allerdings sieht Rainer Engel auch die bis zu 200 Kilo schweren Elektrorollstühle als problematisch an, da es immer mehr Sonderbauten gebe. Er glaubt: „Keiner der Rollstuhl-Produzenten hat den Willen, sich mit der Nutzbarkeit der Fahrzeuge im öffentlichen Nahverkehr auseinanderzusetzen.“

Und er gibt zu bedenken: „Die Züge können nicht so gebaut werden, dass sie überall spaltfrei am Bahnstein anhalten könnten. Deshalb findet er: „Auf der Linie nach Paderborn muss es zusätzliche Rampen geben.“ Kurzsichtig sei, dass die S-Bahn auf den Betrieb ohne Zugbegleiter ausgelegt sei. Deshalb müssten die Lokführer ran. Aber dazu brauche es Zeit.

Die ist beim S-Bahn-Halt in Bad Pyrmont knapp: Zwischen An- und Abfahrt in Richtung Hameln liegt laut Plan eine Minute. In der Gegenrichtung sind es zwei Minuten. „Der Spalt ist so klein, dass die Rollstuhlfahrer rüberfahren können“, heißt es aus der Bahn-Pressestelle in Hamburg über die S-Bahn-Züge auf der Strecker Hameln-Paderborn. Die Rolli-Fahrer sehen das offenbar anders: Sie fürchten sich vor der Überfahrt – auch und gerade rückwärts, wie es die Bahn empfiehlt.



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