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Platz und Brunnentempel waren Mittelpunkt eines wachsenden Alleen-Systems

Sinnbild für den Pyrmonter Kurort

Das Jahr 1868 ist für den hoch angesehenen Kurort Pyrmont von höchster Bedeutung. Das Bad befand sich in einer existenziellen Krise, das Haus Waldeck-Pyrmont musste dringend investieren, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Ein erster Schritt war der Anschluss Waldeck-Pyrmonts an den Norddeutschen Bund im Jahr 1866. Der nächste Schritt war ein Jahr darauf der Akzessionsvertrag mit Preußen. Damals übernahm Preußen die gesamte innere Verwaltung in den Fürstentümern Pyrmont und Waldeck und bezuschusste das arme Fürstentum mit 100 000 Talern per anno. 4000 Taler entfielen dabei auf die Förderung des Kurwesens in Pyrmont. Die Stilllegung der hohe Kosten verursachenden Salinenanlage an der Emmer war damals ebenso unumgänglich. Von höchster Bedeutung war 1872 der Anschluss Pyrmonts an das Eisenbahnnetz. Aber in der Zwischenzeit und im Vorgriff auf dieses Ereignis wird in den Jahren 1867/68 der Brunnenplatz, das Herzstück des Kurortes Pyrmont, grundlegend modernisiert – vermutlich die Voraussetzung, dass die zuvor sinkenden Zahlen der Kurgäste nach 1872 Jahr für Jahr wieder eine steigende Tendenz erleben. Im Jahre 1668 wird über der Quelle des Hylligen Borns ein erster Brunnentempel errichtet, der vor allen Dingen das Wasser der Quelle, die das Wundergeläuf von 1556 ausgelöst hatte, vor Verschmutzung schützen sollte. Gleichzeitig war das Gebäude auch die Inszenierung eines heiligen Platzes, eben des Brunnenplatzes, der den Endpunkt des „Spazierganges“ der schattigen Hauptallee bildete. Ein zweiter Brunnen auf dem Brunnenplatz, der berühmte Brodelbrunnen, war von nicht geringerer Bedeutung. Aber erst ab 1863 hatten Grabungsarbeiten mit dem Fund des Brunnenfundes dokumentiert, dass diese Quelle seit der Zeit um Christi Geburt bereits von Germanen verehrt wurde. Schließlich zählten der Augenbrunnen (1775) sowie der südöstlich des Hauptbrunnens gelegene „Alte Badebrunnen“ (1716) zu den vier heilbringenden Stahlwassern auf dem Brunnenplatz. 200 Jahre war der Brunnenplatz mit dem achteckigen Brunnenhaus das Sinnbild für den Pyrmonter Kurort, Platz und Brunnentempel waren der barocke Mittelpunkt eines wachsenden Alleen- und Straßensystems um die heilbringenden Quellen herum. Die bauliche Substanz war in einem sehr schlechten Zustand, die Architektur der Wandelhalle völlig veraltet. 1867 begann also die völlige Neuplanung. Wandelbahn, Brunnenhaus und Kolonnade wurden versteigert und über dem Hylligen Born eine „eiserne Pyramide“ errichtet, dahinter zwei Wandelbahnen, von denen eine für das gehobene Publikum, die andere für Landleute reserviert war. Das Farbfoto aus der Zeit um 1900 zeigt einen Teil des Brunnenplatzes, fotografiert vom Balkon des Hauses Ockel. Gepflasterte Wege weisen von allen Himmelsrichtungen auf das Zentrum des Brunnentempels, auf die Quelle des Hylligen Born. Die neue Brunnenüberbauung übernimmt dabei im Grundriss das Oktagon des Vorgängerbaus. Auf acht Steinsockeln stehen je drei Gusseisenstützen, die durch ein umlaufendes gusseisernes Kranzgesims verbunden sind. Darauf liegt das achteckige Wellblechdach, das zur Dachmitte hin von einer Verglasung abgelöst wird. Ein überdachter Gang führt von hier aus zur nördlich liegenden Wandelhalle der „Standespersonen“, der wie ein Riegel den Brunnenplatz abschließt. Grünflächen mit Korbbeeten und Baumreihen begrünen die Kulisse. Im Vordergrund, von einem filigranen Gitter eingefasst, befindet sich der Brodelbrunnen, der für die Geschichte der Pyrmonter Badgeschichte von höchster Bedeutung war. Kurgäste aller Generationen, sämtlich elegant gekleidet, konzentrieren sich bei dieser zum Teil „montierten“ Aufnahme auf ein Zentrum – auf die Quelle des Hylligen Borns. Im Mittelpunkt des Brunnentempels befindet sich diese Quelle. Brunnenknechte reichen den Kurgästen die gefüllten Gläser, die direkt aus dem Brunnen geschöpft werden, zu. Die gusseiserne Architektur des Brunnentempels und der Wandelgänge orientierte sich an Gebäuden, die im 19. Jahrhundert die Bäderarchitektur bestimmten. Die tschechischen Gebäude in Karlsbad, in Marienbad und in Franzensbad dienten ebenso als Vorbild wie etwa Baden-Baden oder Bad Kissingen. In jedem Fall spiegelte diese Bauweise eine moderne Architektur wider, wie sie der bürgerlichen Zeit in den Großstädten Europas entsprach. Das Material entsprach einem seriellen Produkt des Industriezeitalters. Zudem war es von höchster Transparenz und inszenierte die Hauptquelle, den „Hylligen Born“, wie einen kostbaren Edelstein. Am linken Bildrand ist die steinerne Architektur nach italienischem Vorbild zu sehen, das ein Zeugnis der klassischen Architektur des 19. Jahrhunderts ist. Noch heute wird diese Gebäudegruppe von dem Modehaus Steinhage mit großer Liebe gepflegt. Das Pyrmonter Wochenblatt schrieb damals: „Die Trinkhalle und Wandelbahn machen in ihrer Totalität jetzt einen gefälligen Eindruck, werden sich aber weit freundlicher gestalten, wenn erst die Grünanlagen auf dem Brunnenplatz fertig sind und die Rückseite der Wandelbahn mit Gemälden verziert sind.“

veröffentlicht am 28.12.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 23:21 Uhr

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Autor:

von Dr. Dieter Alfter
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Das Farbfoto aus der Zeit um 1900 zeigt einen Teil des Brunnenplatzes, fotografiert vom Balkon des Hauses Ockel.



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