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Samstag geht Helmut Eichmann los

Selbsterteilter Marschbefehl

BAD PYRMONT. „Einen Rucksack habe ich mir gekauft. Und gute Schuhe“, sagt Helmut Eichmann (67). Was der pensionierte Lehrer vorhat, erscheint ihm als „eine der größten Herausforderungen meines Lebens“: Morgen will er aufbrechen zu einer 375-Kilometer-Wanderung in Bad Pyrmonts niederländische Partnerstadt Heemstede.

veröffentlicht am 17.08.2017 um 21:55 Uhr

Der Friedensmarschierer muss, zwei Ruhetage eingerechnet, täglich im Durchschnitt 22 Kilometer gehen, wenn er am 6. September in Heemstede ankommen will. Grafik: Wal
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Ginge er ais rein sportlichen Gründen auf Tour, dann würden ihn die Menschen in seinem Umfeld vielleicht bewundern oder für verrückt erklären. Doch Eichmann hat seine Wanderung zu einem „Marsch für den Frieden“ erklärt. Er will Aufmerksamkeit für sich und seine Mission. Sie bietet dem Pyrmonter, der in der Kurstadt die Ortsgruppe des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge anführt, auch abseits des Volkstrauertags die Chance, für Völkerverständigung zu werben.

Seit Wochen promotet Eichmann deshalb seinen Marsch. Er hat diverse Zeitungen angeschrieben, deren Verbreitungsgebiet seine Strecke schneidet. Die Medienresonanz soll ihm Erfolg bringen.

Ebenso hat er Reservistenkameradschaften und andere Volksbund-Ortsgruppen kontaktiert sowie Städte um Unterstützung ersucht. Zum einen durch die Organisation von Gedenk-Terminen an Ehrenmalen und Kriegsgräberstätten sowie Empfängen für ihn, am besten mit örtlichen Honoratioren und Musik. Aber auch durch Übernachtungsmöglichkeiten. Seine Rechnung ging zumindest in Deutschland auf: Wo man ihm kein Hotelzimmer stellt, kann er in Kasernen schlafen oder in einem Kloster. Auf Bielefeld ist er besonders gespannt. Die Stadtverwaltung quartiert ihn in einer Flüchtlingsunterkunft ein, inklusive Abendessen mit den Bewohnern. Dort könnte sich Eichmann erzählen lassen, wie sich Krieg heute hautnah anfühlt. In Aleppo vielleicht. Oder an einem der derzeit mehr als 200 Konfliktherde weltweit.

Ganz fertig gepackt hat Helmut Eichmann seinen Rucksack noch nicht. Seinen am Samstag startenden „Marsch für den Frieden“ nennt er „eine der größten Herausforderungen meines Lebens“. Foto: jl

„Die Welt ist voller Spannungen“, sagt Eichmann. Er sieht „die Lage an so vielen Stellen dermaßen auf Konfrontation, dass das ganz böse enden kann“. Er findet, die Politiker müssten mehr miteinander reden als übereinander.

Doch was sollte sein Marsch an der Weltlage ändern können? Eine gewisse Resonanz habe sich schon gezeigt, sagt er. Der EU-Parlamentarier Bernd Lange (SPD) habe ein Grußwort versprochen. So versucht Eichmann, Einfluss zu nehmen auf die Weltgeschichte. „Irgendwo muss man anfangen“, sagt er. Warum er für seine Friedensmission die militärische Vokabel „Marsch“ benutzt? „Weil ich marschiere“, sagt Eichmann. „Das ist ganz schön anstrengend. Ich bin schließlich schon 67.“ Seine letzte große Wanderung – damals durch den Pfälzer Wald bis ins Elsass – liege ein halbes Jahrhundert zurück.

Fitgemacht für die auch sportliche Herausforderung hat er sich mit einigen Touren nach Lemgo. „Das war sehr, sehr anstrengend.“Außerdem fährt er Fahrrad und joggt. Beim Marathon nahm er neulich zum zweiten Mal in Folge die Fünf-Kilometer-Strecke.

Seine Sympathie für die Reservisten erklärt Eichmann, der – aufgrund von Herzproblemen ausgemustert – selbst nie beim Militär war, mit seinem Einsatz für die Kriegsgräberfürsorge. „Wenn es keinen Frieden gibt, sind doch die Bundeswehrsoldaten die ersten Leidtragenden.“

Zu seinem publikumswirksamen Abschied am Samstag um 10 Uhr am Ehrenmal gegenüber dem Pyrmonter Schloss spielt der Posaunenchor der St.-Petri-Kirche. Zudem hat Eichmann allerlei Polit-Prominenz eingeladen: Landrat Tjark Bartels (SPD), Bürgermeister Klaus Blome (parteilos), den CDU-Bundestagsabgeordneten und -kandidaten Michael Vietz sowie dessen Mitbewerber Johannes Schraps (SPD), Ute Michel (Grüne) und Klaus Peter Wennemann (FDP). Zudem spekuliert der Friedensmarschierer darauf, dass ihn, neben einigen Pyrmonter Reservisten, noch weitere Bürger auf der ersten Etappe begleiten.

Und wie verbringt Helmut Eichmanns Frau die nächsten 19 Tage? „Ich bin die Notadresse“, sagt Evita Eichmann. „Wenn was ist, setze ich mich ins Auto und hole ihn.“ Lieber hätte sie ihn begleitet, hinterm Lenkrad ihres Autos. „Aber das will er nicht.“



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